Eine zeitgemäße (Online-)Redaktion - wie hier die Zentralredaktion der Ippen-Verlagsgruppe, zu der auch die Gießener Allgemeine Zeitung gehört - ist der Goldstandard für modernen Journalismus.
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Eine zeitgemäße (Online-)Redaktion - wie hier die Zentralredaktion der Ippen-Verlagsgruppe, zu der auch die Gießener Allgemeine Zeitung gehört - ist der Goldstandard für modernen Journalismus.

Zum 75. Jubiläum

Eine Zeitung schläft nicht (mehr): So arbeitet die »Gießener Allgemeine« heute

  • Philipp Keßler
    vonPhilipp Keßler
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Als vor 75 Jahren die Gießener Freie Presse gegründet wurde, war an das Internet noch lange nicht zu denken. Heute ist das Netz längst Bestandteil des täglichen Lebens. Das verändert alles.

Noch vor 20 Jahren begann für einen Zeitungsredakteur die Arbeit jeden Morgen neu mit der Frage: Was ist in den vergangenen Stunden passiert? Was muss unbedingt am nächsten Tag ins Blatt, was kann liegen bleiben? Ungeachtet dieser Frage stand fest: An einem bestimmten Punkt am späten Abend oder in der Nacht war die Arbeit beendet - Redaktionsschluss, Druck, Feierabend! Das ist heute zwar immer noch so, aber nur weil eine Nachricht zu spät für den Druck kommt, heißt das nicht, sie kann bis zum nächsten Morgen ignoriert werden. Denn die Digitalisierung hat die Zeitungswelt mindestens so sehr verändert wie unser aller Leben insgesamt: Das Internet schläft nicht.

Das Internet verändert die Arbeit des Journalisten grundlegend

Ging es früher darum, zu rätseln, welche Themen den Leser besonders interessieren, oder darüber zu sinnieren, welche Aufmachung beim Abonnenten besonders gut ankommt, ist im Internetzeitalter eine Vielfalt der Antworten längst da. Das Netz macht Zeitung und seine Leser messbar. Wie lange verbringt ein Leser durchschnittlich auf der Homepage? Wie lange liest er einen bestimmten Artikel? Welche Überschrift zieht mehr Leser an? Wie viel wird gelesen? Wann wird abgebrochen? Wie reagiert der Kunde auf Werbung? Und schließlich: Was lernen Journalisten daraus für ihren Alltag?

Fest steht: Zeitungsjournalismus im 21. Jahrhundert findet auch und gerade online statt - und nur so wird er vermutlich auch das 22. Jahrhundert überhaupt erleben. In der Welt des Internets ist die Zahl der potenziellen Leser um ein Vielfaches höher, die Konkurrenz aber auch deutlich zahlreicher. Was zählt sind Schnelligkeit, hoher Informationsgehalt, gute Aufbereitung - und vor allem viel mehr Vertriebswege als der Zeitungsausträger im Ort und der Kiosk an der Ecke. Zeitung heute bedeutet unter anderem, tief in den Sozialen Medien einzutauchen, die Artikel dorthin zu streuen, wo die Leser sich bewegen. Denn finden die den gewünschten Inhalt nicht auf Anhieb, sind sie schnell beim Mitbewerber.

Die Digitalisierung als Chance und Risiko zugleich

Die digitale Welt bedeutet für die Redaktion aber nicht nur Arbeit ohne richtigen Feierabend und einen großen Aufwand, um den produzierten Inhalt auch an den Mann oder die Frau zu bringen. Sie bedeutet auch eine große Chance: Ein paar Fakten aus der Vergangenheit sind schneller gegoogelt, als sie in den Tiefen des Archivs nachzuschlagen, der Bericht von der Jahreshauptversammlung flattert per E-Mail mitsamt Fotos und Bildunterschriften ins Redaktionspostfach und muss nicht erst noch mühsam vom Sekretariat abgetippt werden - und der Leser ist in den sozialen Medien nicht nur Konsument, sondern auch Kritiker, Diskutant und Ideengeber. Der Austausch zwischen Journalist und Leser ist online oft unkomplizierter, schneller und unmittelbarer als früher - ohne den Postweg abwarten zu müssen, oder die Redaktion via Festnetz anzurufen. Das Smartphone macht’s möglich.

Der Siegeszug der mobilen Taschen-Computer ist ebenso wenig noch aufzuhalten wie der der großen Plattformen wie Facebook, Twitter, Insta-gram und Co. - oder gar der von Google. Die Suchmaschine macht längst ihre eigenen Regeln, an denen sich Journalisten und Verlage orientieren müssen, um bei den Suchergebnissen möglichst weit oben zu stehen, wenn nach Informationen gesucht wird. Das kann man gut oder schlecht finden, es ist in jedem Fall eine Tatsache, auf die sich die Branche einstellen muss. Es geht im Endeffekt darum, dem Konsumenten den passenden Inhalt in dem Moment zu liefern, in dem er nach ihm sucht - und zwar auf die Art und Weise, wie er ihn am liebsten aufnimmt.

Warum eine Zeitung auch heute noch wichtig ist

Was aus Lesersicht im ersten Moment wie die perfekte Zeitung erscheinen mag - der Leser bekommt nur das, wofür er sich interessiert, und zwar dann, wenn er Zeit und Lust hat, es auch zu lesen - birgt aber auch Gefahren für unsere Gesellschaft, die nicht zu unterschätzen sind. Die gedruckte Zeitung ist schon seit jeher immer wie eine Gemischtwarenhandlung. Es gab Nachrichten aus Sport, Kultur, Politik, Wirtschaft - und zwar egal, ob weltweit, national oder lokal. Diese Tatsache führt dazu, dass Leser Artikel lesen, von denen sie im Vorfeld gesagt hätten, dass sie sich dafür nicht interessieren oder deren Thema sie gar nicht erst gekannt hätten - einfach weil die Artikel sowieso da sind und der Leser gerade vielleicht doch fünf Minuten mehr Zeit hat oder beim Durchblättern am Thema hängen geblieben ist. Diese Wahrscheinlichkeit sinkt mit der immer größer werdenden Personalisierung von Nachrichten. Die Folgen sind ein verengter Horizont, der auf lange Sicht auch eine Gefahr für unsere Demokratie darstellt - ein Punkt, den uns vor allem die Coronavirus-Pandemie deutlich gezeigt hat.

Umso mehr ist es trotz personalisierter Apps und E-Mail-Newsletter, trotz nach Stichworten gefilterten Push-Nachrichten und trotz von Google und Facebook und Co. per Algorithmus programmierten Nachrichtenströmen auf unseren Handys und Tablets wichtig, dass es eine Institution gibt, die unabhängig einordnet. Die zudem professionell recherchiert, lesergerecht aufbereitet und kompetent einschätzt, was eine Nachricht ist und was sie bedeutet - gerade im lokalen Bereich. Dieses Know-how werden auch in der Zukunft meist nur Tageszeitungen haben, was auch laut jüngsten Umfragen weiterhin die Medieninstitutionen sind, denen die Menschen in Deutschland am meisten vertrauen.

Ein Ende der Kostenlos-Mentalität ist nötig

Ihr Überleben wird aber nur dann möglich sein, wenn der Leser auch bereit ist, für ihre Dienstleistungen weiterhin entsprechend zu bezahlen. Dabei tauscht der Kunde nicht nur Geld gegen Informationen, sondern honoriert mit seinem Beitrag auch nachrichtliche Vielfalt, unabhängige Information und schlicht guten Journalismus aus seiner Lebenswirklichkeit. Denn natürlich unterwerfen sich ernst zu nehmende Journalisten einem Ethos, am Ende sind ihre Arbeitgeber aber Wirtschaftsunternehmen - ein Punkt, der in der Kostenlos-Mentalität des Internets zwar gerne vergessen wird, der aber beim Blick in die Zukunft entscheidend ist.

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