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Eine Wölfin für Gießen

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Von: Larissa Wolf

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Stellen das neue Wolfspräparat in der Akademie vor (v. l.): Direktor Volker Wissemann, Alissa Theiß, Sammlungsbeauftragte der JLU, Martin Bergmann vom Förderverein der HHA, Hans-Peter Ziemek vom Institut für Biologiedidaktik und Carsten Staszyk vom Institut für Veterinär-Anatomie, -Histologie und -Embryologie. © Oliver Schepp

Das Pottwal-Skelett in der Hermann-Hoffmann- Akademie ist ein absoluter Publikumsliebling, doch auch andere Exponate verdienen Aufmerksamkeit: Seit Kurzem verstärkt eine junge Wölfin die Sammlungen - ein Präparat, an dem nicht nur künftige Tiermediziner etwas lernen können.

Rötlich graues und gepflegtes Fell, eine schmale Statur, eine elegante, aber interessierte Körperhaltung und sanfte, faszinierende Augen: Das alles zeichnet die junge Wölfin aus, die den Biologie-Studierenden seit dem Wintersemester 2021/2022 in der Hermann-Hoffmann-Akademie (HHA) der Justus-Liebig-Universität (JLU) zur Verfügung steht.

Wie kam das Tier nach Gießen? Die Wölfin, die zuvor mehrfach in der Nähe von Kassel gesehen worden war, wurde im Juni 2020 zwischen Helsa und Oberkaufungen überfahren. Das verunglückte Tier, das zur mitteleuropäischen Wolfspopulation gehört, wurde zunächst im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung untersucht. Dann entschied das Wolfszentrum Hessen (WZH) im Hessischen Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (HLNUG), das Tier der HHA für die weitere Präparation zu übergeben. »Es gibt keinen Markt für Wölfe und deren Präparate. Dafür gibt es sehr, sehr lange Wartelisten. Wir hatten Glück«, sagt Prof. Volker Wissemann, Direktor der HHA.

Sein Kollege im Direktorium, Prof. Hans-Peter Ziemek, fügt hinzu: »Wir wollten die Wölfin unbedingt.« Die Präparation in einem Atelier in Sachsen-Anhalt kostete etwa 2500 Euro. »Es war überhaupt keine Frage, dass wir das finanzieren«, sagt Prof. Martin Bergmann vom Förderverein der HHA. Ob es in Zukunft neben dem Fell-Präparat der Wölfin auch noch ein Skelett-Modell gebe, sei noch nicht klar. Im Dezember 2021 kam die Wölfin in der HHA an.

Das Tier soll nicht nur Biologiestudierenden zur Verfügung stehen. »Wir wollen damit ganz unterschiedliche Themen adressieren: Umweltschutz, Anatomie, Geschichte, Gesellschaft. Es ist durchaus denkbar, dass auch Germanistikstudenten das Modell für ihre Auseinandersetzung mit dem ›Rotkäppchen‹ nutzen«, sagt Ziemek.

Generell solle das Objekt dazu dienen, fachübergreifend zu unterrichten. »Mit dem Präparat stimulieren und motivieren wir die Studenten nicht nur, wir generieren Wissen«, erklärt Prof. Carsten Staszyk vom Institut für Veterinär-Anatomie, -Histologie und -Embryologie. »Wir können zum Beispiel die Schädeltransformation vom Hund zum Wolf abbilden und wissenschaftlich aufarbeiten.« So könne die Verbindung von Wildtieren zu Haustieren für angehende Veterinärmediziner sinnvoll sein, um unter anderem die Artenkenntnis zu verbessern. Auch in Zukunft seien weitere Präparate geplant, so etwa eine Wildkatze oder eine Giraffe. »Wann genau unsere Sammlung wieder erweitert wird, können wir aber jetzt noch nicht sagen. Das hängt von vielen Faktoren ab, die Pandemie ist nur einer davon«, sagt die Sammlungsbeauftragte der JLU, Dr. Alissa Theiß.

Was jedoch gesagt werden könne, sei, dass für das kommende in Präsenz angestrebte Sommersemester auch wieder kleinere Gruppenführungen angeboten werden sollen. »Das ist sehr situationsabhängig«, sagt Wissemann.

Angst vor Wolf tief verankert

Einen Namen hat die schon in ihrem zweiten Lebensjahr überfahrene Wölfin noch nicht. Doch etwas Gutes hatte ihr jäher Tod nun doch: Er wird zur Aufklärung beitragen. Denn obwohl Wölfe erst seit etwa zwei Jahren wieder heimisch in Hessen seien, sei die Angst vor ihnen weiterhin groß.

»Wir sind gesellschaftlich so sehr davon geprägt, zu glauben, dass Wölfe gefährlich sind - sei es aus dem Fernsehen, aus Märchen -, das mag ja auch bei einer großen Wolfs-Population stimmen. Aber hier hat man seit 150 Jahren keinen Wolf mehr gesehen. Und wenn dann doch mal einer gesichtet wird, ist Panik da«, erklärt Ziemek. »Durch unser Präparat sollen Fragen gestellt und beantwortet, Biologie ermittelt und Missverständnisse aufgelöst werden.«

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