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Corona-Einsatz statt Ägypten-Urlaub: Die Medizinstudentin Cara tut Dienst am Empfang für die Aufklärung von Blutspendern am Uniklinikum in Gießen. FOTO: UKGM

Freiwillige Helfer

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

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Mehr als 600 Menschen haben sich gemeldet nach den Aufrufen von drei Gießener Krankenhäusern. Sie wollen das Personal dort unterstützen. Viele von ihnen werden dafür kein Geld erhalten.

Endlich konkret etwas tun zur Bewältigung der Coronakrise, statt tatenlos der erwarteten Infektionswelle entgegenzublicken: Dieses Bedürfnis ist groß in Gießen. 650 Rückmeldungen bekamen die drei Akutkrankenhäuser innerhalb weniger Tage nach ihren Aufrufen "Freiwillige Helfer gesucht". Allein im St. Josefs-Krankenhaus meldeten sich 300 Bürgerinnen und Bürger, obwohl sie dort keine finanzielle Vergütung erwarten können. Das katholische Haus ist das einzige, das ausdrücklich auch medizinische Laien willkommen heißt. Das kommt offenbar vielen entgegen. In den nächsten Wochen Hilfe leisten für Mitmenschen in Not - das sei die Motivation, sagen Sprecherinnen aller drei Krankenhäuser.

Doktorarbeit "ist jetzt zweitrangig"

Das Uniklinikum hat gemeinsam mit der Justus-Liebig-Universität ausschließlich Medizinstudierende um Hilfe gebeten. Allein in den ersten Tagen meldeten sich 300, darunter einige mit Ausbildung etwa in der Krankenpflege, als Rettungsassistent oder Hebamme. Viele weitere hatten schon in den Wochen zuvor das Personal verstärkt.

Zum Beispiel Cara. "Wer in der Lage ist zu helfen, sollte einen Beitrag leisten, damit wir alle so gut wie möglich durch diese Zeit kommen", sagt die 21-Jährige laut einer Pressemitteilung des UKGM. Sie sitzt am Eingang der Blutbank, klärt darüber auf, wer derzeit spenden darf, hilft Formulare auszufüllen und misst Fieber. In Zeiten von Corona ein wichtiger Job, denn Blutspenden werden dringend gebraucht.

Eigentlich wollte Cara in diesen Semesterferien nach Ägypten reisen - jetzt hilft sie zu Hause an vorderster Front. Angst? Sie schüttelt den Kopf: "Wenn man sich entscheidet, Medizin zu studieren, dann sollte man sich der Verantwortung, Menschen in jeder Lage zu helfen, bewusst sein."

Ähnlich sehen das ihre Kommilitonen Wiebke und Jonas, die am "Corona-Checkpoint" am Haupteingang des Klinikums Dienst tun. Rund um die Uhr leisten Studierende hier Aufklärungsarbeit. "Eigentlich sitze ich an meiner Doktorarbeit, aber das ist jetzt zweitrangig", so der 30-Jährige. "Wir haben von vielen eine tolle Resonanz bekommen, dass sie das hilfreich finden, gerade bei den ganzen Fake News, die unterwegs sind", sagt Wiebke.

"Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend. Wir freuen uns enorm", sagt Pflegedienstleitung Gunhild Flemmer, die den Dienst koordiniert.

Das Agaplesion Evangelische Krankenhaus hatte ebenfalls Menschen mit medizinischer Ausbildung aufgerufen. In den ersten Tagen meldeten sich etwa 50 Freiwillige, erklärt Sprecherin Paulina Schnick. "Wir haben uns sehr gefreut."

Neben vielen Medizinstudierenden wollten auch Menschen mit Vorerfahrungen aus dem Rettungsdienst oder der Pflege "der Allgemeinheit Gutes tun, indem sie ihre Fähigkeiten einbringen". Ein Einsatzplan sei jetzt in Arbeit.

Schnick bittet Interessierte, sich nicht bei mehreren Häusern parallel zu melden. Sonst werde die Organisation zu kompliziert.

Kein Laie betreut Corona-Kranke

"Wir sind von der Welle der Hilfsbereitschaft tief berührt. Die Menschen zeigen große Solidarität", sagt Annina Müller, Referentin für Unternehmenskommunikation am St. Josefs-Krankenhaus Balserische Stiftung. Zum Ehrenamt bereit seien Ärzte und Pflegefachkräfte ebenso wie Schüler, Köche, Verwaltungsangestellte oder Logistiker. "Die Freiwilligen kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Auch ehemalige Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter melden sich", so Müller - etwa eine frühere Krankenschwester, die jetzt als Lehrerin arbeitet. Auch Firmen hätten Hilfe angeboten, zum Beispiel Lieferwagen für den Transport von Material.

Kritische Nachfragen habe es nicht gegeben, sagt Müller und versichert, kein Laie werde Corona-Infizierte betreuen. Die Verantwortung bleibe beim Stammpersonal. Das Haus benötige auch Unterstützung in den verwaltenden, versorgenden sowie technischen Bereichen. "Ein Organisationstalent oder eine helfende Hand ist überall gefragt."

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