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Dr. Christian Pöpken Stadtarchivar

Eine wechselvolle Geschichte

  • VonDagmar Klein
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Gießen (dkl). Die Gastgeber waren überrascht vom großen Zuspruch zum Vortrag »Quellen zur Geschichte des Judentums in Gießen«. Gut 50 Personen füllten den Saal der Pankratius-Gemeinde. Eingeladen hatten das Forum Pankratius, die Volkshochschulen von Stadt und Landkreis in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Gießen. Referent war der Leiter des Stadtarchivs Gießen, Dr.

Christian Pöpken, der sich selbst als »immer noch Neu-Gießener« bezeichnete.

Vielleicht war so mancher der rund 50 Zuhörer auch gekommen, um ihn bei seinem ersten öffentlichen Vortrag in Gießen zu erleben. Sein Dienstantritt war knapp vor dem ersten Corona-Lockdown. Im Publikum saßen viele, die sich schon lange mit der Geschichte Gießens und der des Judentums in Stadt und Kreis beschäftigen, insbesondere Dieter Steil, der zum Stadtjubiläum 1997/98 einen profunden Beitrag zum Thema geleistet hatte. Insofern durfte es nicht verwundern, dass die anschließende Gesprächsrunde länger dauerte als der Vortrag selbst.

In diesem Jahr wird deutschlandweit das Jubiläum 1700 Jahre Judentum in Deutschland gewürdigt. Basis für dieses Datum ist das Edikt des römischen Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321, mit dem er Juden erlaubte, Ämter in der Stadtverwaltung von Köln zu bekleiden. Da die Gründung der Stadt Gießen erst ins 12. Jahrhundert fällt, ist die hiesige Geschichte jünger. Der erste Nachweis von Juden in Gießen stammt aus dem 14. Jahrhundert. Die Quellen sind spärlich, wie der Referent sagte, auch aus späterer Zeit, da auch das Archiv der Jüdischen Gemeinde bei der Bombardierung Ende des Zweiten Weltkriegs vernichtet wurde. Daher ließ sich manche Frage nicht beantworten. Pöpken hat sich bei dem Vortrag vor allem auf die im Stadtarchiv befindlichen Quellen gestützt.

So klein die Stadt Gießen auch war, ist auch für diesen Bereich festzustellen, dass sich allgemeine Tendenzen wiederfinden. Auch in Gießen gab es den rechtlichen Ausnahmestatus der Juden im Mittelalter, war ihr Leben vom Auf und Ab der Konflikte mit der christlichen Mehrheit beeinflusst. Die erste vorgestellte Quelle war ein Darlehensvertrag aus dem Jahr 1374 zwischen einem Anneröder und einem Gießener. Darin zeigt sich die Funktion, in der Juden gebraucht wurden: als Geldverleiher, denn Christen war das Zinsgeschäft durch ihre Religion verboten. Umgekehrt ist bei Denunziationen und Judenverfolgung festzustellen, dass die Profiteure oft die Schuldner waren.

Erst vom Ende des 16. Jahrhunderts gibt es wieder Quellen. Der Schutz der Juden war vom Kaiser an die Landesherrschaften übergegangen, Juden mussten sich ihre Duldung teuer erkaufen, mit Schutzbriefen und höheren Steuern. Was je nach Wirtschaftslage zu Verarmung führte. Die Rolle der Theologen der Universität Gießen sei nicht zu unterschätzen, sie berieten die Landgrafen und einige waren führend bei den Versuchen der Juden-Zwangsbekehrung (Feuerborn und Haberkorn). Um 1715 ist erstmals eine jüdische Gemeinde erwähnt, 1737 der erste Rabbiner. Die Juden lebten verstreut in der Stadt, das hat schon Thea Altaras in ihrem Buch »Stätten der Juden in Gießen« nachgewiesen.

Das 19. Jahrhundert war von zunehmender Gleichberechtigung geprägt, doch ebenso vom Erstarken des politischen Antisemitismus. Doch mittlerweile gab es auch für Juden Rechtssicherheit, Zunftschranken fielen, d.h. sie konnten Handwerke ausüben, durften Grundbesitz erwerben. Die jüdische (damals israelitische) Gemeinde erwarb das Begräbnisareal am alten Friedhof, der erste Verein gründete sich, dem weitere folgen sollten. Ein Höhepunkt unter Rabbi Benedict Levi war der Bau der Synagoge an der Südanlage, in Nachbarschaft zur Bürgermeisterei und Gymnasium.

In der NS-Zeit hatten viele Juden Gießen längst Richtung Großstadt verlassen, in der Hoffnung auf Anonymität. Die Gebliebenen fielen dem NS-Rassenmord zum Opfer. Nur die in privilegierter Ehe lebenden, also mit Christen verheirateten, Juden und Jüdinnen konnten aus dem KZ Theresienstadt zurückgeholt werden.

In den 60ern begann eine Erinnerungskultur, die bis heute gepflegt wird.

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