Eine Tat im Wahn

  • Kays Al-Khanak
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Im Prozess um die Bluttat in der Weststadt im Juli 2018 wurde vor dem Gießener Landgericht am Freitag das psychiatrische Gutachten vorgelegt: Der 36 Jahre alte Beschuldigte leidet an einer paranoiden Wahnvorstellung, die ihn dazu gebracht haben soll, seine Frau, Kinder und sich selbst töten zu wollen.

O b der 36-Jährige nicht auch aus rationalen Gründen seine Familie habe ermorden wollen, fragt Richterin Regine Enders-Kunze den Gutachter Dr. Tobias Krusche. Der Facharzt für Psychiatrie in der Vitos-Klinik in Heina hatte im Auftrag der Staatsanwaltschaft Gießen nach der Tat mit dem Familienvater gesprochen. Dieser hatte am 3. Juli versucht, seine Frau, seine drei Söhne und seine damals wenige Monate alte Tochter mit einem Messer zu töten. Danach hatte er in der Wohnung an der Krofdorfer Straße im ersten Stock Feuer gelegt und war aus dem Fenster gesprungen. Seitdem ist er querschnittsgelämt. Krusche muss für seine Antwort nicht lange überlegen. »Nein«, sagt der Arzt mit seiner sonoren, warmen Stimme, »er war ein liebender Familienvater, stets in Sorge, dass seinen Kindern etwas passiert. Die Tat widerspricht seinen vorherigen Handlungen und Gefühlen.«

Am dritten Tag des Prozesses gegen den 36 Jahre alten Beschuldigten stand vor dem Gießener Landgericht das psychiatrische Gutachten im Mittelpunkt. Der Psychologe Krusche hatte dazu Akten eingesehen und 14 Tage nach der Tat mit dem Vater gesprochen. »Er stand noch unter dem Eindruck der Ereignisse, reagierte emotional, unter Tränen, bestürzt, was er seiner Familie angetan hatte«, sagt Krusche. Der Vater habe sich den Tötungsversuch nicht erklären können.

Der Psychologe kann das sehr wohl: Er diagnostiziert bei dem Mann eine wahnhafte Störung, eine Paranoia. Verfestigt habe sie sich wohl im Frühjahr 2018 – wenige Monate vor der Tat. Der Vater habe Beobachtungen wahnhaft miteinander verknüpft. So habe er unter anderem geglaubt, sein Smartphone sei gehackt und bei ihm sei eingebrochen worden – unter anderem, um Kameras zu installieren. In seiner Vorstellung hätten die Institutionen gegen ihn gearbeitet. Dass zum Beispiel das Jugendamt ihn an einen Psychiater verwiesen habe, habe er nicht als Hilfe angesehen. »Alles drehte sich nur noch um den Gedanken, dass ihm die Kinder weggenommen werden.« Dass er dann versucht habe, sich und seine Familie zu töten, bezeichnet Krusche als »Mitnahmesuizid«. Der Beschuldigte habe gehofft, im gemeinsamen Tod Erlösung zu finden. Bereits im Februar habe er sich in stationärer Behandlung in einer forensischen Klinik in Herborn befunden. Dort sei er aber auf eigenen Wunsch und gegen ärztlichen Rat entlassen worden. Die Fachärzte seien aber davon ausgegangen, dass der Vater zum damaligen Zeitpunkt keine Gefahr für sich und seine Umwelt dargestellt habe. Ende Juni sei der Mann dann auf Geheiß des Jugendamtes stationär in Gießen behandelt worden. Die Fachärztin habe Symptome einer psychischen Erkrankung festgestellt und ein Medikament verordnet. Die Dosierung von 2,5 Milligramm hält Krusche für »extrem niedrig«. Das sei aber wegen der ambulanten Behandlung verständlich, da Nebenwirkungen ansonsten nicht von Ärzten beobachtet werden könnten. Zum Vergleich: Aktuell erhält der 36-Jährige 20 Milligramm des Medikaments. Er fühlt sich nun besser, spürt weniger den inneren Druck.

Am Ende des dritten Prozesstages bittet der Familienvater ums Wort. Über den Übersetzer lässt er mitteilen, seine Gedanken kreisten nur noch darum, wie es mit ihm und seiner Familie nach dem Prozess weitergehe. »Ich habe Angst vor der Wirklichkeit.«

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