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Das Hallenbad Ringallee - eines der gespenstisch leeren Schauplätze in Tim Kraushaars Kurzfilm. SCREENSHOT: SCHNITTPLATZ[DREI]

Eine Stadt im Lockdown

Tim Kraushaar ging es in der Pandemie wie vielen Studenten. In seiner Uni-stadt war nichts los, deshalb verbrachte er viel Zeit in seiner Heimat Gießen. Die gespenstische Leere während des Lockdowns hat er in seinem Kurzfilm »Was gestern war« kreativ verarbeitet.

Die erste Szene gibt einen Blick auf den Seltersweg frei. Statt geschäftigem Treiben sieht man vom Elefantenklo aus nur - gähnende Leere. Die nächste Einstellung zeigt das Hallenbad Ringallee. Statt tobenden Kindern und lauten Stimmen ist nur das sanfte Plätschern des Wassers zu hören. In der Gießener Osthalle sind weit und breit weder Basketballspieler noch Fans zu sehen. Zu hören ist einzig und allein eine Uhr, eine Uhr, die unentwegt tickt.

Mit diesen Szenen beginnt der vierminütige Film des Gießeners Tim Kraushaar. In »Was gestern war« zeigt der 24-Jährige seine Heimatstadt während des zweiten Lockdowns. Mitte März hat er mit den Dreharbeiten angefangen. »Während der Pandemie habe ich Gießen am häufigsten erlebt«, sagt Kraushaar, der im vierten Semester an der Filmhochschule in Ludwigsburg studiert. In seiner Studentenstadt sei nichts los gewesen, so ist er regelmäßig in seine Heimat zu Familie und Freunden zurückgekehrt.

Ursprünglich hatte der Mittelhesse geplant, die Situation für sich selbst und seinen potenziellen Nachwuchs zu dokumentieren - als kreativen Gegensatz zur journalistischen Berichterstattung in den Nachrichten. »Doch dann wurde es immer mehr und hat so Spaß gemacht, dass ich mir dachte: Warum nicht veröffentlichen?« Seit Anfang der Woche ist der Kurzfilm nun auf Youtube und Instagram zu sehen (siehe Info-Kasten).

Mit Rat und Tat zur Seite standen Kraushaar auch Lukas Eisenträger und Dominique Bundt, zusammen bilden sie das Kollektiv »schnittplatz[drei]«. Für die Kamera und den Schnitt war der Gießener allerdings alleine verantwortlich.

Alltag der Gießener

Warum er ausgerechnet diese Motive gefilmt hat, erklärt Kraushaar so: »Ich wollte diese Orte teilen, die man sonst so nicht sieht und hoffentlich auch nie wieder so sehen wird.« Ausgewählt hat der Filmemacher die verschieden Orte nach überwiegend persönlich Kriterien. So hat er an der Ostschule Abitur gemacht, die Uni kennt er aus Erzählungen von Freunden als belebten Ort. Im Ulenspiegel war er früher selbst gerne feiern und sein Bruder Bjarne spielt bei den Gießen 46ers Basketball. Die Hintergründe für seinen Kurzfilm hatte Kraushaar also schnell gefunden. Und auch die Besitzer der Einrichtungen zeigten sich kooperativ, ließen ihn bereitwillig filmen. Nur eine Absage habe er bekommen. »Das hat wirklich sehr gut funktioniert«, sagt der 24-Jährige.

Schnell war ihm klar, dass er im Film eine Art Tagesablauf zeigen möchte. Tagsüber Spielplatz, Schule und Uni. Abends dann in die Kneipe oder zur Unterhaltung ins Theater oder zum Basketball, danach in einen Club - überall wartet gespenstische Leere.

Dem entgegengesetzt zeigt Kraushaars Film auch immer wieder Menschen in ihrem »aktuellen Zustand«: mit Maske bedeckt. Auch deren Alltag kommt nicht zu kurz - Blicke aus dem Fenster und auf den Laptop verraten die zwei Sichten, die das Leben im Lockdown dominierten. Rückmeldungen hat Kraushaar vermehrt von Freunden bekommen. »›Bedrückend‹ ist ein Wort, das oft gefallen ist und das ich auch treffend finde«, sagt er.

Anfangs sollte der Film zwar nicht so wirken, hinterher hatte der Filmemacher jedoch selbst diesen Eindruck. Es sei interessant, aber auch beklemmend zu sehen, wie der Film ankomme. »Denn man möchte diese Orte natürlich nicht so sehen.« Trotzdem hofft Kraushaar, mit dem Kurzfilm eine Erinnerung für alle Gießener geschaffen zu haben, verbunden mit der Hoffnung, dass »all diese Orte nun wieder tagtäglich mit viel Leben gefüllt sein werden.«

Tim Kraushaar beim Filmen an der JLU.

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