Eine App als Seelenschrittmacher

  • Karola Schepp
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Gießen(pm/gl). Was passiert, wenn digitale Technik ein Eigenleben entwickelt? Mit der deutschen Erstaufführung des Schauspiels "Erinnya" von Clemens J. Setz widmet sich das Stadttheater in dieser Spielzeit einer beunruhigenden Zukunft, in der eine App zum Seelenschrittmacher wird.

Zurück ins normale Leben und das ohne Medikamente? Tina (gespielt von Mirjam Sommer) setzt alle Hoffnungen bezüglich ihres an Psychosen und Zwängen leidenden Freundes Matthias (Lukas Goldbach) auf die Behandlung mit der "Erinnya". Mit dem Versprechen von besserem Schlaf, innerer Ruhe und überhaupt einem glücklicheren Leben macht die "Erinnya" bald Karriere als Lifestyle-App. Von nun an trägt Matthias ein Headset, das ihm durch ein Netzwerk generierte Antworten vorgibt, wenn er unter Menschen ist. Seltsamen Antworten, finden nicht nur Tinas Eltern.

Im Zeitalter der unaufhaltsamen Digitalisierung scheint die Zukunft im Zeichen von selbstlernender Technik zu stehen. Doch wie könnte sie konkret aussehen? Der preisgekrönte Autor Clemens J. Setz entwirft ein Szenario, in dem sich Wahnvorstellungen und Technologie-Hype auf beunruhigende Weise vermischen.

Mit surrealen Visionen und starken Figuren zeigt Regisseur Titus Georgi Chancen und Risiken einer neuartigen Form von zwischenmenschlicher Kommunikation. Doch für ihn sei die "Erinnya" eher nur eine "große Nebelkerze, die der Autor werfe, betonte der Regisseur im Vorabgespräch zur Premiere am morgigen Samstag (19.30 Uhr, Großes Haus) gemeinsam mit Dramaturgin Carola Schiefke. Denn im Kern der Geschichte, die eigentlich schon im Frühjahr des Jahres am Stadttheater gespielt werden sollte, gehe es vielmehr um die Frage, wie wir mit Menschen umgehen, die psychische Erkrankungen haben. Matthias reagiere unmittelbar auf sein Umfeld, seine scheinbar wirren Antworten hielten den anderen einen kreativen Spiegel vor. Georgi erfreut sich an der assoziationsreichen Sprache des Matthias im Stück, die im Kontrast zur eher alltäglichen Sprache der anderen Figuren steht. Und wer genau hinhöre, könne Anspielungen auf Büchners "Lenz" oder Hölderlin entdecken.

Ausstatter Jochen G. Hochfeld verwandelt die Bühne des Stadttheaters in einen unwirklichen Raum mit einer orangefarbenen Projektionsfläche, die an den brodelnden Erdkern erinnert, und in dem Fortschritt und Zukunftsängste, digitale Melancholie und typische Familienkonflikte aufeinanderprallen. Begleitet wird das Stück von der Bühnenmusik von Parviz Mir-Ali. Und von der nach den antiken Rachegöttinnen benannten Erinnya, die unaufhörlich mithört und dazulernt.

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