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Das historische Foto auf dem Cover zeigt das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium Anfang des 20. Jahrhunderts. Da befand sich die Schule noch an der Südanlage. REPRO: DKL

Eine Schule im Nationalsozialismus

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Der ehemalige LLG-Lehrer Jürgen Dauernheim hat ein Buch geschrieben zum Schulalltag im Nationalsozialismus. Er zitiert darin auch aus Dokumenten im Schularchiv des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums.

Seit 2005 kümmert sich Jürgen Dauernheim um das Archiv des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums. Er war Lehrer für Deutsch, Gemeinschafts- und Sozialkunde, von 1967 bis 1999. An den Jubiläumsfeiern und -publikationen der Schule war er seit der 375-Jahr-Feier 1980 beteiligt. Doch eine Lücke in der Aufarbeitung war geblieben: Die zwölf Jahre des Nationalsozialismus. Er sei erstmals Anfang der 80er Jahre darauf gestoßen, als er mit Schülern im Archiv arbeitete, erzählt er. "Doch so ein Thema braucht Zeit und ist nie abgeschlossen."

Hitlergruß zu Unterrichtsbeginn

Dauernheim versteht das soeben im Eigenverlag publizierte Buch ("Das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium in Gießen unter dem Hakenkreuz, Zur Geschichte dieser Schule 1933 - 1945/46") auch als Anstoß zu weiteren Recherchen. Er hat hauptsächlich die Dokumente des Schularchivs genutzt, zitiert aus den schriftlich fixierten Erinnerungen von Schülern und Lehrern. Eine wichtige Quelle ist die seit 1951 erscheinende Ehemaligen-Zeitschrift "Epistula". Einige der Selbstzeugnisse sind höchst aufschlussreich, andere nur schwer erträglich, wie der Bericht von Ludwig Stern zu den menschenunwürdigen Bedingungen im KZ Theresienstadt.

Vorwiegend geht es in der Chronik um den Schulalltag, der schnell von nationalsozialistischen Vorgaben beeinflusst war. Bereits im August 1933 waren der Hitlergruß bei Unterrichtsbeginn und -ende vorgeschrieben, ab Dezember die Fahnenehrung und das Singen des Horst-Wessel-Liedes. Schon in diesem Schuljahr wurde die Rassenkunde zum Hauptteil des Biologie-Unterrichts, die Schüler übten mit Ahnentafeln der eigenen Familien die entsprechenden Begrifflichkeiten ein. Aber auch in die anderen Fächer schwappte das Thema über.

Wieweit die Anordnungen den Schulalltag tatsächlich veränderten oder wie die einzelnen Lehrer sich dazu verhielten, das ist nur in Einzelaussagen überliefert. Immerhin erfolgte eine Anordnung, die das Diskutieren über Anordnungen von oben verbot. Demnach wurde nicht alles einfach hingenommen an dem humanistischen Gymnasium.

Erschreckend sind auch die Berichte zum Synagogenbrand in der Reichspogromnacht 9./10. November 1938 und über die nachfolgenden Zerstörungs- und Plünderungszüge durch die Innenstadt. Die Sich-Erinnernden haben vor allem junge Beteiligte, auch Gymnasiasten, bei diesem ungezügelten Gewaltausbruch gesehen. Bekanntlich folgten danach die ersten Verhaftungen von Andersdenkenden und die Verbringung in Arbeitslager. In der Schule gab es zunehmend Vorträge von Militärs. Kriege und Heldenverehrung wurden in sämtlichen Unterrichtsfächern geradezu monothematisch behandelt. Zumindest in der Jungenschule, die das LLG ja war. Wäre im Vergleich interessant, wie das in Mädchenschulen ablief.

Nach Kriegsbeginn Ende August 1939 begannen die Luftschutzmaßnahmen, die Jungen wurden zu paramilitärischen Ausbildungen geschickt. Arbeitseinsätze gab es ständig für die gesamte Jugend, auch während der eigentlichen Unterrichtszeit: das Sammeln von Heilkräutern war Pflicht, ebenso Ernteeinsätze, aber auch das Sammeln und Sortieren von Altmaterial, also Müll. Nimmt man dann noch hinzu, dass ein Teil der Lehrer zum Wehrdienst eingezogen, die Verbliebenen älter und häufig krank waren, dann kann man sich ausmalen wie wenig intensiv oder kontinuierlich der Unterricht noch war.

Grundunterricht für Flakhelfer

Es kam noch schlimmer: Ab September 1943 wurden einige Schüler der oberen Klassen in Frankfurt als Flakhelfer ausgebildet und an neuralgischen Punkten in Deutschland eingesetzt. Lehrer sollten abwechselnd dorthin fahren und noch Grundunterricht erteilen. Die Berichte dazu sind dramatisch. Für einige der Schüler führte der weitere Weg über das sogenannte "Notabitur" zum vorzeitigen Schulabbruch und Kriegseinsatz. Es gibt Jahrgangsklassen, von denen weniger als ein Viertel den Krieg überlebten. Das Schulgebäude war immer wieder von militärischen Einheiten besetzt, Unterricht fand andernorts und behelfsmäßig statt, auch in der ersten Nachkriegszeit, als es an allem mangelte.

Dauernheim stellt auch beispielhafte Einzelschicksale vor, von Parteigängern, Mitläufern, Widerständlern und Kriegshelden. Und von den Verfolgten und Misshandelten. Unter den Lehrern ragten positiv hervor: der schon pensionierte Dr. Ludwig Hüter, der in den 20er Jahren bekennendes SPD-Mitglied war, und Dr. Karl Glöckner, der aus seiner Anti-Nazi-Haltung keinen Hehl machte, mit viel Glück und Schutz die Zeit überlebte und nach Kriegsende der erste LLG-Direktor einer neuen demokratischen Zeit wurde.

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