Prof. Eduard Alter betrachtet vor einem Modell des Liebig-Laboratoriums das Schachspiel, das sonst in einer Vitrine in Liebigs Schreibstube präsentiert wird. 	FOTO: SCHEPP
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Prof. Eduard Alter betrachtet vor einem Modell des Liebig-Laboratoriums das Schachspiel, das sonst in einer Vitrine in Liebigs Schreibstube präsentiert wird. FOTO: SCHEPP

Liebig-Museum

Eine Schachpartie mit Justus Liebig in Gießen

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Der weltberühmte Chemiker Justus Liebig soll mit dem Gießener Spielwarenhändler Johann H. Fuhr eine Nacht im Karzer gessesen und auch mit ihm Schach gespielt haben.

In jeder Familie gibt es Geschichten, die von Generation zu Generation weitererzählt werden. Auch in der Familie Fuhr, deren Spielwarengeschäft in der Sonnenstraße in diesem Jahr 190-jähriges Bestehen feiert, kann die heute 93-jährige Brigitta Fuhr noch so manche Geschichte von den Vorfahren berichten. Und dabei spielt gleich zweimal Justus Liebig, der berühmte Chemiker und Namensgeber der hiesigen Universität, eine gewichtige Rolle.

Legende vom Arrest im Karzer

Zum einen soll, laut der familieninternen Fuhr-Legende, Justus Liebig eine Nacht gemeinsam mit Johann Heinrich Fuhr im Karzer verbracht haben. Was genau sie ausgefressen haben sollen, um in der Arrestzelle am Zeughaus zu landen, ist nicht überliefert, aber auch eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist die Version, dass es nicht die beiden Väter, sondern vielleicht doch eher ihre Söhne gewesen sein könnten, die, dann vermutlich im Schulkarzer, eine Nacht eingesessen haben. Liebigs Söhne Georg und Hermann wurden 1827 bzw. 1831 geboren, beide gingen in Gießen zur Schule.

Doch für eine andere Verbindung der Familie Fuhr zum legendären Chemiker Liebig gibt es glasklare Belege. Und hier spielt ein Brief aus dem Jahr 1914 von Psychiater Prof. Robert Sommer an Daniel Ludwig Fuhr, den Sohn des Firmengründers, eine entscheidende Rolle. Denn dort heißt es: »Hierdurch bestätige ich mit verbindlichstem Dank, dass ich von Ihnen das Schachspiel, das Herr von Liebig Ihrem Herrn Schwiegervater Johannes Rödelsperger damals in Leihgestern geschenkt hat, als Leihgabe für das Liebigmuseum in Gießen speziell zu Zwecke einer eventuellen Ausstellung erhalten habe.«

Geschenk an Fuhrs Schwiegervater

Mit diesen Worten dankte Sommer, der sich über viele Jahre erfolgreich für die Einrichtung eines Liebig-Museums in Gießen eingesetzt hatte, dem Geschäftsmann. Die Leihgabe ist noch heute im Museum, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen groß feiern wollte, zu bestaunen.

Der Brief Sommers hat Prof. Eduard Alter von der Liebig-Gesellschaft auf den Plan gerufen, die Geschichte des Schachspiels noch einmal genauer zu erkunden. »Wir gehen davon aus, dass die beiden sich gekannt haben und Liebig Johann Heinrich Fuhr beraten hat«, erzählt Sigrid Fuhr, die das Geschäft heute in fünfter Generation führt, bei einem Recherchetreffen. Schließlich war Firmengründer Johann Heinrich Fuhr ursprünglich Zinngießmeister, stellte Teller und Becher aus Zinnlegierungen her. »Nur die Bürger aßen von solchen Tellern, die Reichen von Porzellan«, berichtet die 1952 in die Familie eingeheiratete Brigitta Fuhr, geb. Duseberg, die selbst als junge Frau Chemie studiert hat.

Doch das darin enthaltene Blei war gesundheitsschädlich. Und weil englisches Zinn mit weit weniger des schädlichen Stoffes legiert wurde, habe ihr Vorfahre, so die familieninterne Überlieferung, über Liebig versucht, an die englische Rezeptur zu kommen. Wirklich nötig war das aber in den folgenden Jahren nicht unbedingt, denn Johann Heinrich Fuhr orientierte sich beruflich um. In seiner 1830 »In der Sonne« gegründeten Zinngießerei stellte er Zinnsoldaten und Zinngeschirr her, seine Frau Sophie fertigte und verkaufte Handarbeiten. So legten die beiden den Grundstein zu der langen Unternehmertradition des Spielwarengeschäftes, das mit dem Gründungsjahr 1830 heute das älteste Spielwarengeschäft in Hessen und eines der ältesten Geschäfte in Gießen ist.

Bereits sechs Jahre vor Gründung des Spielwarenladens Fuhr hatte Justus Liebig sein Laboratorium eingerichtet, in dem er bis 1852 lehrte und forschte und Weltruhm erlangte. Gießen hatte damals knapp 8500 Einwohner, der Geschäftsmann Fuhr und der Wissenschaftlers Liebig müssen sich also quasi zwangsläufig als Honoratioren der Stadt gekannt haben.

Die Beziehungen zwischen den Familien Fuhr und Liebig müssen in seinen Gießener Jahren, aber auch darüber hinaus weiter gepflegt worden sein, auch wenn Liebig, so weiß Stadtführerin Jutta Failing zu berichten, im Umgang nicht sonderlich gesellig gewesen sein soll. Er werde, »als kantig, ja schwierig, und so auch distanziert im Verhalten beschrieben«, berichtet Failing. Prof Alter relativiert dies: »Es ist bekannt, dass Liebig privat sehr angenehm und unterhaltsam sein konnte, wenn es jedoch zu Diskussionen um seine Arbeiten ging, konnte er sehr streitlustig sein. Daran sind auch Freundschaften zerbrochen.« Hierzu zitiert Alter aus der von William H. Brock. verfassten Biografie: »Liebig war ein kompliziertes menschliches Wesen, voller Widersprüche und innerer Konflikte. In einem Augenblick genial, reizend, gefällig und liebevoll, war er im nächsten schwierig, leidenschaftlich, leicht reizbar und streitlustig. Er war immer überarbeitet. (...) Liebig war eigensinnig, doch niemals arrogant.«

Zur Schilderung des im privaten Umgang angenehmen Justus Liebig passt die Erkenntnis, dass der Forscher besagtes Schachspiel an den Volksschullehrer Johannes Rödelsperger verschenkte. Der stammte, wie Erwin Glaum recherchiert hat, aus Heubach, einem kleinen Ort nahe Darmstadt, wo Liebig aufwuchs, und war von 1846 bis 1850, Lehrer in Leihgestern. Seine Tochter Emma wurde 1852 geboren, dem Jahr, in dem Liebig von Gießen nach München wechselte. Emma hat 1876 den Fuhr-Sohn Daniel Ludwig (1845 bis 1927) geheiratet, sodass das von Liebig verschenkte Schachspiel in den Besitz der Familie Fuhr überging.

Ein Bauer als Erinnerungsstück

Die Vermutung, dass das Schachspiel auch im Geschäft Fuhr erworben worden sein könnte, liegt nahe, ist aber nicht belegt. Doch Sigrid Fuhr, deren Großvater Hermann Karl Theodor Fuhr 1914 Spielbrett und Figuren dem damals noch zu gründenden Liebig-Museum als Leihgabe überlassen hatte, erinnert sich noch gut, dass ihre Familie als Andenken an die Familienbekanntschaft mit Liebig eine der Schachfiguren behalten hatte: einen Bauern. Dessen deutlich später entstandene »fehlfarbene« Kopie ergänzt heute im Museumsexponat das wertvolle Schachspiel.

Der echte Liebig-Bauer ist indes für immer verloren. Als in der Bombennacht vom 6. Dezember 1944 das Spielwarengeschäft in der Sonnenstraße dem Erdboden gleichgemacht wurde - »nur ein Kellerteil und eine Wand blieben stehen«, erinnert sich Brigitta Fuhr - wurde auch der Bauer vernichtet.

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