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Bühnenclan-Mitglieder Teresa Steffgen und Odilie Kennerknecht im Saal des Prototyp. FOTO: LKL

Eine Plattform für freie Kunst

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Der 2015 gegründete Verein "Bühnenclan" möchte freien Bühnenkünstlern eine Plattform bieten. Dafür vermittelt er Räume sowie Kontakte und organisiert Gemeinschaftsprojekte, bei denen Theater, Musik und Tanz zusammenkommen.

Im Foyer des Gebäudes hat sich eine Gruppe Jugendlicher versammelt und malt politische Botschaften auf ein Stoffbanner. Währenddessen geht in einem kleinen Raum um die Ecke gerade eine Theaterprobe zu Ende. Die Schauspieler packen ihre Sachen in Rucksäcke und machen sich auf den Weg zu ihren Fahrrädern, die überall rund um die ehemalige Kirche in der Georg-Philipp-Gail-Straße geparkt sind. Das Gebäude wird von der raumstation3539 an verschiedene Initiativen, Gruppen, Unternehmen und Projektemacher vermietet.

Einer der Mieter ist der Bühnenclan. Der 2015 gegründete Verein möchte freien Bühnenkünstlern, die nicht in Organisationen oder Institutionen eingebunden sind, eine Plattform bieten. Dabei geht es unter anderem darum, Orte für Proben, Aufführungen und Fortbildungen zur Verfügung zu stellen. Die Eröffnung des von der Stadt geförderten "Prototyp" im Sommer 2018 war für den Verein daher ein Glücksfall.

"Vorher mussten wir uns oft in privaten Räumen treffen", erzählt Teresa Steffgen. Sie gehörte im Oktober 2015 zu den sieben Gründungsmitgliedern des Vereins. "Jetzt haben wir hier einen festen Raum, der uns jederzeit für Proben zur Verfügung steht und die Möglichkeit, den großen Saal für Fortbildungen zu mieten." Die studierte Psychologin, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist, kam über das Tanzen in Kontakt zum Theater.

Ihre Bühnenclan-Kollegin Odilie Kennerknecht ist Erzieherin, Schauspielerin und Theaterpädagogin. Zwar seien verschiedene Personen und Gruppen Teil des Bühnenclans, erzählt Kennerknecht. Dies bedeute jedoch nicht, dass deren Teilnehmer zwingend Mitglieder des Bühnenclans sein müssten. Vielmehr sehe sich der zwölf Mitglieder zählende Verein als eine "Plattform für freie Kunst", die Räume schaffen, Weiterbildungen und Workshops anbieten und somit "einen sozialen Beitrag" leisten wolle. "Wir sind für das Netzwerken zuständig, bei uns sollen die Informationen zusammenlaufen, sodass wir wissen, wie welche Bühne aussieht", sagt Kennerknecht.

Ziel sei es, bekannter zu werden und dann auf Anfragen hin Künstler "losschicken" zu können - etwa Anastasia (ethische Tänze), die Compania del Sur (spanische Theatergruppe), FIRS (moderne russische Dramastücke auf Deutsch), Hexfeliakiste (Puppentheater), AkzepTanz (spontane Improvistation durch Musik und Tanz) oder Fehu (künstlerische Auseinandersetzung durch Tanz). Gemäß des Konzepts "Theater mobil" gehe es dem Verein darum, Theaterstücke und weiterbildende Angebote in Stadt und Kreis zu bringen.

Organisiert wie ein Mikrotheater

Die erste offizielle Aufführung des Vereins war im Juni 2017 ein Mikrotheater. Bei diesem Konzept werden an einem Ort in mehreren Zimmern parallel von verschiedenen Gruppen 15-minütige Theaterstücke oder Performances aufgeführt. In den Pausen können die Zuschauer die Räume wechseln. Dabei gibt es oft ein Thema oder Konzept, das die Stücke verbindet. Entwickelt wurde das Format in Spanien, als im Zuge der Wirtschaftskrise die Mittel besonders gering ausfielen. In den Augen von Steffgen und Kennerknecht hat das Mikrotheater vor allem den Vorteil, dass es "sehr niederschwellig" ist - sowohl für nebenberufliche Darsteller als auch für die Zuschauer. Denn während die Künstler nur eine kurze Aufführung einüben müssen, erhalten die Zuschauer einen Einblick in verschiedene Genres. "So kommt auch jemand, der vielleicht keine abendfüllende Tanzdarbietung besuchen würde, mal einen anderen Impuls", sagt Steffgen. Zudem spiegle das Konzept des Mikrotheaters die Struktur des Bühnenclans, bei dem ebenfalls verschiedene unabhängige Gruppen zusammenarbeiten würden. Dies ist auch materiell zu verstehen, indem neben dem Probenraum auch die Musikanlage, das Mikrofon, Beleuchtungsmittel und weiteres Equipment geteilt werden.

Neben den Eintrittsgeldern seien Kooperationen und Förderungen für die Finanzen des Vereins unerlässlich, sagen die beiden. Manchmal komme es zu Zahlungen oder Aufwandsentschädigungen für die Künstler, oftmals gehe das Geld jedoch auch in die gemeinsame Kasse und viel geschehe ohnehin ehrenamtlich.

Freie Kunst mit Integrationsziel

"Wir wollen Kulturen zusammenbringen, aber auch Generationen", sagt Kennerknecht. So gebe es etwa Darsteller aus Spanien, Russland, dem Iran oder Brasilien. Manches werde in anderen Sprachen aufgeführt, der Verein übersetze jedoch auch. Für Kinder habe es unter anderem schon ein Puppentheaterstück gegeben, bei dem "Der Wolf und die sieben Geislein" mit bemalten Plastikbechern gespielt worden sei. Und das Angebot werde weiter ausgebaut - mit und für Kinder. Andererseits sei etwa Gerontophobie, die Furcht vor dem Alter, gerade Thema eines Projekts, das in Zukunft zum Stamm-Repertoire gehören soll. "Am Anfang gab es viel zu organisieren, jetzt können wir uns auf das Künstlerische konzentrieren", sagt Steffgen.

Für 2020 stehen bereits einige Veranstaltungen fest: So präsentieren Anastasia und Bühnenclan am 21. März um 20 Uhr im Hermann-Levi-Saal eine Gala-Show mit Kathak-Tanz, Roma-Tanz und Musik. Am darauffolgenden Tag gibt es eine Podiumsdiskussion, bei der es um die Ausgrenzung von älteren Menschen gehen soll. Zum fünfjährigen Bestehen des Bühnenclans im Oktober ist eine mehrtägige Veranstaltung geplant.

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