Eine 37-jährige Frau stirbt, nachdem sie eine Partydroge eingenommen hat. Und ihr Ex-Freund wird deswegen verurteilt. SYMBOLFOTO: DPA
+
Eine 37-jährige Frau stirbt, nachdem sie eine Partydroge eingenommen hat. Und ihr Ex-Freund wird deswegen verurteilt. SYMBOLFOTO: DPA

"Mord verjährt nicht"

Als eine Party in Gießen tödlich endete

  • vonSebastian Schmidt
    schließen

Im Juni 2015 stirbt eine 37 Jahre alte Frau nach einer Partynacht, die aus dem Ruder läuft, und zwar an den Folgen ihres Drogenkonsums. Ihr 34-jähriger Ex-Freund landet auf der Anklagebank. Der Arzt soll der Frau trotz seiner medizinischen Kenntnisse keinen Rettungswagen gerufen haben.

Glücks- und Liebesgefühle zu empfinden und wach und aktiv sein: Das klingt nach den optimalen Voraussetzungen, um feiern zu gehen. Gleichzeitig aber auch nach den Auswirkungen von Ecstasy. Die kleinen Pillen mit dem Wirkstoff MDMA zählen zu den beliebtesten Partydrogen. Damit kannte sich der damals 34-Jährige Thomas B. ( Name von der Redaktion geändert) aus. Er hatte nicht nur Erfahrung mit Drogen, sondern war auch Facharzt am Universitätsklinikum Gießen-Marburg. Dass seine 37 Jahre alte Ex-Freundin Jasmin K. ( Name von der Redaktion geändert) an den Folgen von Ecstasy sterben konnte, sei für ihn aber "total ausgeschlossen" gewesen. Trotzdem erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Thomas B. wegen versuchten Mordes durch Unterlassen.

Thomas B. und Jasmin K. kannten sich über ein Dating-Portal im Internet. Am Abend vor der Tat besuchte die 37-Jährige den Gießener in dessen Wohnung im Alten Wetzlarer Weg. Bei ihrer Ankunft um 23.30 Uhr soll sie bereits betrunken gewesen sein. Dort beendete der Arzt - für sie überraschend - die Beziehung. Aber warum sind die beiden dann noch um 1 Uhr zusammen in einen Club gegangen, und warum hat er gemeinsam mit der Frau Ecstasy konsumiert, fragte ihn im Prozess Staatsanwalt Thomas Hauburger. Mit der Droge habe es sich "manchmal so angefühlt", als ob man "gute Gespräche führen" könne, war die Antwort.

So kaufte Thomas D. im Club die Pillen. Eine sah aus wie ein blauer Stern, die andere wie ein rotes UPS-Zeichen, das Logo eines amerikanischen Postunternehmens. Sie teilten die rote Pille und schluckten die Hälften. Das sei untypisch für Jasmin K. gewesen, erklärte eine ehemalige Arbeitskollegin der Toten während der Verhandlung. Drogen habe Jasmin K. so gut wie nie genommen.

Um 3 Uhr gingen beide zur Wohnung des 34-Jährigen zurück. Dort verschlechterte sich der Zustand von Jasmin K. rapide: Sie schlug sich selbst, hyperventilierte, bekam hohes Fieber und verlor außerdem phasenweise das Bewusstsein. Thomas B. rief aber keinen Rettungswagen. "Es sah so aus, als habe sie Spaß oder mache Quatsch."

Die Staatsanwaltschaft glaubte diese Aussage nicht. Ihre Vermutung: Thomas B. habe aus Scham keine Hilfe gerufen, weil er selbst am Uniklinikum arbeitete. Thomas B. bestritt dies: Es "wäre nichts an die Arbeit durchgesickert. Ich habe keinen gekannt, der als Notarzt unterwegs war." Der 34-Jährige wollte viel zu spät erkannt haben, dass es Jasmin K. nicht gut ging und sie einen "Horrortrip" hatte. Da er ihr einen Aufenthalt in der Psychiatrie ersparen wollte und sie auf den Vorschlag einen Krankenwagen zu rufen, mit "Nein, nein, nein" reagiert hätte, habe er versucht, ihr selbst zu helfen. Er gab der Frau Valium und legte sie auf das Sofa. Dort ließ er sie gegen ihr Hyperventilieren in eine Tüte atmen und wusch sie kalt ab. Auch als sich die Frau in den frühen Morgenstunden beklagte, dass ihr heiß sei, beunruhigte das Thomas D. wohl nicht. Er war sogar erleichtert darüber, weil sie mit ihm geredet hatte.

Gegen 11 Uhr bekam Jasmin K. Bauchkrämpfe. Ein Medikament dagegen hatte Thomas B. in seinem Keller aufbewahrt. Als er es holen wollte, sperrte er sich jedoch aus der Wohnung aus und kam nicht mehr hinein. Auf sein mehrmaliges Klopfen und Klingeln reagierte Jasmin K. nicht. Über ein Fenster wollte er aber gesehen haben, dass sich ihr Brustkorb noch bewegte. Er entschied sich wieder dagegen, einen Rettungsdienst zu rufen. Stattdessen rief er einen Schlüsseldienst an. Es verging fast eine Stunde, bis Thomas D. wieder die Wohnung betrat. Der Mitarbeiter des Schlüsseldienstes sagte im Prozess, dass man die Tür auch mit einem "kräftigen Tritt" hätte öffnen können. Aber Thomas D. erzählte ihm nicht, dass sich noch eine weitere Person in seiner Wohnung befand - und erst recht nicht, in welchem Zustand die Frau war. Der 34-Jährige wirkte auf den Mitarbeiter jedenfalls "ganz normal" und "nicht gestresst".

Nachdem die Tür um 12.30 Uhr geöffnet und der Mitarbeiter gegangen war, habe Thomas D. die Frau tot aufgefunden, erzählte er später im Prozess. Wieder rief er keinen Rettungsdienst. Er telefonierte zuerst mit seinem Vater. Thomas D. fragte ihn um Rat. Und der lautete, die Polizei zu rufen - was Thomas D. dann auch tat. Ein Polizeibeamter erinnerte sich im Zeugenstand, dass der Angeklagte keine Reanimationsversuche unternommen hatte. In der polizeilichen Vernehmung habe Thomas B. gesagt, dass er gewusst habe, dass es zu spät gewesen wäre.

Die Todesursache von Jasmin K. war laut dem Sachverständigen und Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Gießen, Reinhard Dettmeyer, eine maligne Hyperthermie. Zu Deutsch: eine Überhitzung des Körpers. Die 37-jährige Frau starb aufgrund ihres Drogenkonsums. Der Wirkstoff von Ecstasy habe in seltenen Fällen nicht die gewünschten Wirkungen, sondern führe zu einer lebensbedrohlichen Situation mit Symptomen wie erhöhter Körpertemperatur, Muskelstarre, Herzrasen und Atemstörungen. Voraussetzung dafür sei allerdings eine genetische Veranlagung, die bei der Betroffenen anzunehmen war, erklärte Dettmeyer. Hauptindiz dafür war die erhöhte Körpertemperatur von über 40 Grad, die man selbst nach dem Tod der Frau noch messen konnte.

Die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze fand bei ihrer Urteilsverkündigung klare Worte: Ein Arzt, der anderen Drogen überlasse und nicht den Notruf wähle - so ein Verhalten stoße auf "grenzenloses Unverständnis". Sie betonte, dass der 34-Jährige zu keinem Zeitpunkt der mehrtägigen Verhandlung wirkliche Reue gezeigt habe. Zu seiner Aussage, dass er nicht gedacht habe, dass jemand an Ecstasy sterben könne, sagte Enders-Kunze: "Das glaubt Ihnen kein Mensch."

Trotzdem fiel das Urteil mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren vergleichsweise mild aus. Totschlag wird sonst mit fünf bis 15 Jahren Haft geahndet. Das Gericht nannte mehrere Gründe für die geringe Strafe: Thomas B. habe in der Tatnacht selbst unter Drogen gestanden, was sich schuldmindernd auswirkte. Da nicht klar war, dass die Frau selbst mit medizinischer Versorgung überlebt hätte, lautete das Urteil auch nur auf versuchten Totschlag durch Unterlassen. "Eine ausgesprochen seltene Konstellation", erklärt Staatsanwalt Thomas Hauburger. Entscheidend war, dass der Täter die Drogen kaufte. "Bei Straftaten durch Unterlassen muss immer eine Garantenpflicht vorliegen", sagt Hauburger. Die könne sich aus einem Vertrag ergeben oder - wie hier - durch pflichtwidriges Vorverhalten.

Trotz der niedrigen Strafe wird Thomas D. wahrscheinlich nie wieder als Mediziner arbeiten können. Seine Approbation musste in Folge des Verfahrens ruhen. Er klagte zwar dagegen vor dem Verwaltungsgericht Gießen, aber verlor. Der Hessischer Verwaltungsgerichtshof lehnte die Berufung ab.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare