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Phil Kuehlthau

Eine paralysierte Nation

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Im März 2019 schienen die Tage Großbritanniens als EU-Mitglied gezählt. Phil Kuehlthau wollte diese »Aufführung eines politischen Dramas« miterleben und hat das Land bereist. Mit seiner Kamera und einer bewusst subjektiven Sicht hat er die damalige Stimmung zwischen Brexit, Verzögerung und Chaos in seinem Buch »brexit delay mayhem« eingefangen.

Spätestens nach dem Brexit-Referendum von 2015, in dem die Briten für den Ausstieg aus der Europäischen Union stimmten, dominierte das Thema auch in deutschen Medien die Schlagzeilen. Der Marburger Student Phil Kuehlthau fand damals nicht nur die Idee eines EU-Austritts »völlig abwegig«, sondern auch die Form der Berichterstattung. Der Absolvent der Frankfurter »Schule für unabhängigen Film« wollte sich selbst ein Bild machen, was im Land vor sich geht, und »die Normalität in diesen chaotischen Tagen« zeigen. Er reiste, im Rahmen einer Projektarbeit für sein Studium der Geschichts- und Kulturwissenschaften an der JLU, im März 2019 für knapp drei Wochen nach Großbritannien. Mit analoger Kamera und nur in Ansätzen geplanter Reiseroute begab er sich auf Spurensuche.

Entstanden ist daraus ein Buch, das wie in einem Kaleidoskop die Stimmung im März 2019 vor dem vermeintlichen Brexit-Termin, »als die Tage des Vereinigten Königreichs als Mitglied der Europäischen Union gezählt« schienen, als Foto-Text-Reportage einfängt. Der Titel »brexit delay mayhem« (auf Deutsch: »Brexit Verzögerung Chaos«) spielt auf eine gleichlautende Schlagzeile des »Daily Express« an.

Ihm sei es nicht darum gegangen, mit repräsentativen Brexit-Gegnern oder Befürwortern zu sprechen, sondern die Geschichte bewusst subjektiv zu erzählen, betont Kuehlthau. »Dem Zeitalter gefühlter Wahrheiten und alternativer Fakten ist nur mit radikaler Subjektivität beizukommen«, ist er überzeugt. »Es ist meine Reise durch das Königreich«, und die führte ihn von London nach Cornwall, Exeter, ins ländliche Moretonhampstead, nach Bristol, Oxford und wieder zurück nach London. In Hostels oder Cafés ist er mit Menschen ins Gespräch gekommen - nicht nur über den Brexit, sondern auch über andere Themen aus dem Alltag einer »paralysierten Nation«. Er traf den ehemaligen Hausbesetzer Georg aus Ungarn, der sich mit Fahrrradreparaturen über Wasser hält und Verständnis hat für das Aufbegehren des Volkes mit dieser »Denkzettelwahl gegen das Establishment«. Kuehlthau hat auch mit den marxistisch orientierten Rentnern Emily und Eric gesprochen, die eine Galerie als Treffpunkt »für die linksgrünversiffte Szene Pensances« betreiben, wo aber der Brexit nicht das alles beherrschende Thema zu sein scheint. Und er ist der Rezeptionistin im von der EU mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung geförderten Cornwall begegnet, die ihn mit dem lapidaren Satz »What has the European Union ever done for us?« einfach stehen lässt.

Im Buch schildert Kuehlthau im ersten Teil seine Eindrücke während der Reise in zunächst etwas sperrig wirkender Kleinschreibung, die er aber seit Jahren konsequent vertritt. Wie in einem Roadmovie verbindet er seine Beobachtungen mit den politischen Entwicklungen und den reißerischen Schlagzeilen, die in scharfem Kontrast zu seinen eigenen Erlebnissen stehen, und lässt die Menschen, die er trifft, zu Wort kommen.

Der zweite Teil des Buches besteht aus einer Reihe von Fotografien, die das Vereinigte Königreich am Vorabend des Brexits dokumentieren. Die Schwarz-Weiß- und Farbaufnahmen hat Kuehlthau mit einer analogen Mittelformatkamera gemacht. »Ich hatte nur fünf Filme dabei«, erzählt er. »Mit einer digitalen Kamera wäre das sicher ausgeufert.«

Die Motive kommunizieren nun jeweils auf einer Doppelseite gegenüberstehend miteinander: der mit einem Plakat vor Westminster protestierende Brexit-Gegner und die »Jesus is Lord«-Aufschrift auf einem Hausdach oder das »Way out«-Schild in der Londoner U-Bahn und der ins Nirgendwo führende Feldweg in Moretonhampstead. »Ich überlasse die Interpretation dem Betrachtenden«, betont Kuehlthau.

Das Buch »brexit delay mayhem« (Hardcover, 55 Seiten) kann als Book-on-demand im Buchhandel bestellt werden (Preis 20,90 Euro, ISBN 9783750276789).

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