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Lutz Görner und Nadia Singer beim Schlussapplaus.

Eine musikalische Reise durch Deutschland

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Gießen (bf). Eine kleine Überraschung und ein großer Erfolg war die Vorstellung, die Lutz Görner und Nadia Singer am Samstag im Hermann-Levi-Saal gaben. Ihr Programm "Meine musikalische Reise durch Deutschland" schildert die Reisen von Hector Berlioz, wie er sie Freunden in Briefen beschrieb. Franz Liszt hat die Musik seines Freundes fürs Klavier umgesetzt, nun konnte man dazu den Erzählungen des Komponisten lauschen: eine tolle Kombination.

Hector Berlioz (1803-1969) sollte nach dem Willen seines Vaters auch Mediziner werden, deshalb durfte er nur Gitarre und Piccoloflöte lernen (von ihm verächtlich "Scheininstrumente" genannt), und ein Klavier gab es im Hause Berlioz gar nicht erst. "Zu gefährlich", sagte Görner. Also begann der junge Hector in Paris ein Medizinstudium, stelle jedoch bald fest, dass sein Lebensentwurf anders aussah. "Arzt werden und entsetzlichen Operationen beiwohnen - das ist nur ein Grauen und eine Verdrehung der natürlichen Ordnung meines Lebens", stellte er fest. Sein Vater fiel darob in einen Schock, seine Mutter verfluchte ihn, und damit endete das Kapitel Familie, erzählt Görner.

Mit der ersten Musik, "L idee fixe", kommt zugleich die erste Überraschung des Abends: Die Pianistin moderiert den Titel an und stellt ihn ins Programm. Singer musiziert wunderbar weich, schwebt geradezu in die Musik ein, dann ein kurzes Dynamik-Ansteigen, ein wohltemperiertes Wogen, exzellente Tempogestaltung und ein superber Abschluss. Die gute Stimmung, die schon Görner durch seine ungemein natürliche Art bewirkt, steigt gewaltig an. Jetzt ist man drin im Konzert.

Vom Herbst 1842 bis zum Frühjahr 1843 gab Berlioz fünfzehn Konzerte mit seinen eigenen Werken. Von Paris reiste er über Brüssel, Köln und Mainz nach Frankfurt am Main, darüber hinaus nach Weimar, Leipzig und Dresden. Nach einem erfolgreichen Konzert in Braunschweig, das ihm Giacomo Meyerbeer verschaffe, reiste er zu ihm nach Berlin und schließlich zurück nach Paris. Berlioz wurde in seiner Heimat eher als Kritiker und Journalist geschätzt, während man ihn in Deutschland als Komponist verehrte.

In Deutschland lief es nicht immer gut für Berlioz, er musste um Konzerttermine bangen und zuweilen mit unverständigen Musikern arbeiten, traf aber auch berühmte Kollegen wie Meyerbeer und errang schließlich den verdienten Erfolg. Görner lässt ihn, ungemein beredt, selbst von seiner Reise berichten, indem er aus Berlioz‹ Briefen vorliest. Das ist ein deutlich anderer Ansatz als bisher, wo O-Töne der Künstler die Ausnahme waren. Hier sind sie die Regel, und Görners Vortrag, gut gelaunt und expressiv stark, setzt der Sache die Krone auf: man fühlt sich, als erzählte der Künstler selbst. Hinzu kommt die Veränderung der darstellerische Balance: Singer moderiert auch die restlichen Stücke selbst an; Görner bindet sie dazu jeweils elegant ein. Eine sehr positive Erweiterung des Konzertformats des Duos.

Und Singer spielt, und ihr ungemein persönlicher Stil - ausdrucksstark mit sehr großem Spektrum, nuanciert, enorm sensibel und sichtlich vertieft. Nur ihr zuzusehen macht schon Freude. Man hört Stücke aus der "Sinfonie fantastique", aus "Benvenuto Cellini", den "Feme-Richtern", aus "Harold in Italien", "König Lear", "Fausts Verdammnis" und anderen.

Das Publikum applaudiert mit Macht und Ausdauer, und Singer spielt als Zugabe die Ouvertüre aus den "Femerichtern". Vollkommen in die Musik versenkt, hingebungsvoll, wunderbar.

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