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Maria Krautzberger ist Präsidentin des Umweltbundesamtes. Foto: csk

Eine Milchmädchenrechnung

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Gießen(csk). Erst die Menge schafft das Problem. Das Element selbst ist lebenswichtig. Ohne Stickstoff wächst keine Pflanze, und je mehr Menschen und Tiere zu ernähren sind, umso dringender brauchen die Böden stetig Nachschub. Was Maria Krautzberger am Montagabend in der Uni-Aula erklärte, klang zunächst eher positiv. Denn mit dem Haber-Bosch-Verfahren lässt sich aus eigentlich unverwertbarem Stickstoff in der Luft genug mineralischer Dünger gewinnen. Die Äcker werden dadurch fruchtbarer, der Ertrag steigt. Problem gelöst? Im Gegenteil. "Stickstoff - zu viel des Guten?", fragte die Präsidentin des Umweltbundesamtes in der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten "Landwirtschaft am Limit - Welternährung im Wandel".

Die Dosis macht schließlich immer noch das Gift. "Und wir haben es deutlich übertrieben", stellte Krautzberger fest. Vor allem in weiten Teilen Europas, Asiens und Nordamerikas sei längst zu viel Stickstoff im Boden, während mancherorts in Afrika und Südamerika welcher fehle. Nehmen die Pflanzen den Nährstoff aber nicht auf, dann landet er als Nitrat im Grundwasser, bildet als Ammoniak Feinstaub oder reagiert zu Lachgas, das bis zu 265-mal so klimaschädlich ist wie CO2. Ob mineralischer Dünger, Gülle oder Mist: Gelange zu viel Stickstoff auf die Felder, komme der natürliche Kreislauf aus der Balance, so Krautzberger.

Anhand etlicher Statistiken und Diagramme illustrierte die Behördenchefin globale sowie deutsche Trends. Dabei präsentierte sie die rasant gewachsene Menge an Vieh als wesentlichen Grund für die zu beobachtende Überdüngung. Folglich brauche das Land "eine ehrliche Debatte, wie wir Tierbestände auf ein nachhaltiges Maß reduzieren können". Hier seien wiederum Politik und Verbraucher fast gleichermaßen gefragt. Bei Ersterer klaffe seit Jahrzehnten "eine erhebliche Lücke zwischen den Vorhaben und der Realität". Letztere befeuerten unterdessen "den Teufelskreis von immer mehr und immer niedrigeren Preisen".

Besonders hart ging Krautzberger jedoch mit dem Politikbetrieb ins Gericht. Spätestens seit Mitte der 1980er Jahre seien die Fakten bekannt - dennoch handelten die Verantwortlichen bis heute "ein ganzes Stück planlos" und in Form eines "politischen Zickzacks". So rangiere Deutschland seit 2007 unter den Netto-Exporteuren von Fleisch, statt weniger Viehzucht zu betreiben. Die stetig wechselnden Gesetze, die im Jahre 2018 vom Europäischen Gerichtshof erneut gekippt worden seien, belasteten nicht zuletzt die Landwirte in ihrer täglichen Arbeit.

Ändere sich nichts an dieser Gemengelage, werde man die Zielmarke von maximal 70 Kilogramm Stickstoff pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche im Jahr 2030 wohl klar verfehlen, betonte Krautzberger. Bereits 2010 seien die damals angepeilten 80 Kilogramm nicht erreicht worden. Parallel sehe die Wissenschaft heute an jeder fünften Messstelle zu hohe Nitratwerte im Grundwasser - und rund 95 Prozent der deutschen Ammoniakemissionen sowie 80 Prozent des hierzulande emittierten Lachgases stammten aus der Landwirtschaft.

Vor der offenen Debatte, an der sich etliche Zuhörer mit teils sehr speziellen Fragen beteiligten, plädierte Krautzberger für dreierlei: Die Agrarpolitik brauche eine Strategie, gern auf Basis eines verschärften Ordnungsrechts; Subventionen müssten auf die Reduktion von Stickstoffüberschüssen ausgerichtet werden; und Verbraucher sollten die Konsequenzen ihres Einkaufsverhaltens stärker überdenken. Je billiger, desto besser sei angesichts der ökologischen Folgen jedenfalls längst nur noch eines: "eine Milchmädchenrechnung".

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