Volker Wissemann ist schon seit vielen Jahren im Namen der Rose unterwegs. FOTO: SCHEPP
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Volker Wissemann ist schon seit vielen Jahren im Namen der Rose unterwegs. FOTO: SCHEPP

Eine Landkarte der Wildrosen

  • Christoph Hoffmann
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Gießen(chh). Sie ist das ultimative Zeichen der Liebe. Aus der Religion ist sie ebenfalls nicht wegzudenken, nicht nur wegen des nach ihr benannten Kranzes. Sie ist aber auch Namensgeberin eines erbittert geführten Krieges zwischen den englischen Adelshäusern York und Lancaster. Kurzum: Die Rose ist eines der am häufig genutzten Symbole der Menschen. Das ist aber nicht der Grund, warum der Pflanze im botanischen Garten eine Sammlung gewidmet ist. Vielmehr sind es ihre evolutionsbiologischen Besonderheiten, die die Wissenschaftler begeistern.

Während die meisten Sammlungen der Justus-Liebig-Universität hinter Vitrinen oder in Kartons gelagert sind, recken die Rosen ihre Köpfe unter freien Himmel empor. Seit rund fünf Jahren gehört ihnen ein eigenes Areal im Botanischen Garten. Die Pflanzen stammen allesamt von Prof. Volker Wissemann. Der wissenschaftliche Leiter des Botanischen Gartens hat über Rosen diplomiert, promoviert und habilitiert. Er ist somit schon seit über 30 Jahren im Namen der Rose unterwegs und auch verantwortlich für die Rosensammlung, die im Garten anzutreffen ist. Und das in einer ganz besonderen Anordnung.

"Der Platz ist in der Form einer Hagebutte angelegt, also der Frucht der Rose", sagt Wissemann und erklärt, dass die Rosen dabei wie auf einer Landkarte angeordnet sind: Rechts, also im Osten, finden sich die asiatischen Pflanzen, im Westen jene aus Nordamerika, und im Norden, quasi auf der Plazenta der Hagebutte, sind die europäischen Rosen zu finden, die aus Hybridisierung aus den asiatischen und amerikanischen entstanden sind. Wissemann muss lachen: "Didaktisch also völlig überladen. Aber wenn man es einmal verstanden hat, macht es Sinn."

Während andernorts im Botanischen Garten die Pflanzen durchmischt sind, zeigt das Rosenareal die ganze Vielfalt einer einzigen Gattung.

Gewappnet gegen Klimaänderungen

"Diese Rose zum Beispiel", sagt Wissemann und zeigt auf einen Strauch im Westen, "heißt ›Grüne Gießen 2014‹. Sie ist vor der Landesgartenschau bei einem Staffellauf aus Bad Nauheim übergeben worden." Direkt gegenüber, im Osten, wächst die Rose "Old Blush". Sie ist eine der ältesten Rosen der Welt und wurde schon Jahrhunderte in China kultiviert, bevor sie 1789 in Europa eingeführt wurde. Zur Freude der heimischen Gärtner, erklärt Wissemann: "Erst durch ihre Einkreuzung können die heimischen Rosen mehrmals im Jahr blühen."

Nebenan treibt die Kartoffelrose (Rosa rugosa) ihr Unwesen. Und das ist wörtlich zu verstehen. "Eine hochinvasive Art, an der Nordsee sind alle Dünen voll davon", sagt Wissemann und erzählt, dass die Pflanze eine Zeit lang Adolf-Hitler-Rose genannt worden ist, da sie genutzt wurde, um Wallanlagen zu überwuchern. "Die Kartoffelrose verdrängt die heimische Flora extrem. Man kriegt sie nicht weg."

Wissemann erreicht das Zentrum der Rosensammlung, wo Ost und West zusammentreffen und einen Schmelztiegel bilden. Dass die Wildrosen auf der Nordhemisphäre nahezu überall präsent sind, liegt auch an ihrer genetischen Besonderheit: "Während wir Menschen nur zwei Chromosomensätze haben, sind es bei den europäischen Rosen fünf", sagt Wissemann. "Sie haben also ein ungeheures Reservoir an genetischem Material und sind enorm gewappnet gegen Klimaveränderungen."

Dem kleinen Areal im Botanischen Garten steht also eine rosige Zukunft bevor.

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