Jugendliche engagieren sich für ihre Kirche: Gemeinsam mit Jugendpfarrer Alexander Klein (l.) richten sie die Lukaskirche her. FOTO: FRIEDRICH
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Jugendliche engagieren sich für ihre Kirche: Gemeinsam mit Jugendpfarrer Alexander Klein (l.) richten sie die Lukaskirche her. FOTO: FRIEDRICH

Anpacken statt rumhängen

Eine Kirche als Haus für Jugendliche in Gießen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Kirche und Glauben haben im Leben von Jugendlichen meist keinen Raum. Umso erstaunlicher ist es, was sich gerade in der Löberstraße tut: Hier renovieren junge Leute die Lukaskirche. Sie wird ihr Haus: Zur Begegnung, zum Austausch, zum Beten und Spaß haben.

Der Pfarrer klettert auf die Leiter. Er will nach oben, aber er ist nicht in geistlicher Mission unterwegs. Er hält eine Farbrolle in der Hand und rückt der ergrauten Decke zu Leibe. Alexander Klein ist nicht der einzige, der an diesem Nachmittag mit farbverschmiertem T-Shirt vollen Arbeitseinsatz zeigt: Die Dekanatsjugendreferentin Laura Schäfer ist dabei, und ein Dutzend Jugendliche und junge Erwachsene sind ebenfalls mit Elan bei der Sache. Sie renovieren die Lukaskirche. Es erinnert ein bisschen an eine Asterix--Geschichte: Im ganzen Land wenden sich die Menschen von der Kirche ab, Jugendliche finden Religion irgendwie uncool. Im ganzen Land? Nein, in Gießen tut sich etwas Unerhörtes: Hier wird jungen Leuten eine kleine, nicht mehr oft genutzte Kirche in der Innenstadt zur Verfügung gestellt. Die Lukasgemeinde hält Gottesdienste auch in der Joahnneskirche ab, so dass Pfarrer Matthias Weidenhagen die neue Nutzung begrüßt und unterstützt.

Seit Wochen arbeitet die Truppe daran, und alle sind mit Begeisterung dabei. "Ich finde es großartig, hier gemeinsam mit den anderen etwas aufbauen zu können", sagt Nathalie und strahlt. Die 26-jährige Studentin aus Karlsruhe bezeichnet den Glauben als einen "superwichtigen Bestandteil" ihres Lebens, die Gewissheit, von Gott be- und geleitet zu werden, bedeutet ihr viel. Sie war in der neuen Stadt auf der Suche nach einer christlichen Gemeinschaft, in der sie sich aufgehoben fühlt. Auch die Geschwister Jasper (17) und Felicia (19) schätzen die Freundschaften, sie haben schon früher in der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Gemeinde mitgearbeitet und waren sofort Feuer und Flamme für das Projekt.

Voller Leidenschaft ist auch Eleonora. Die 21-jährige Italienerin ist aber weniger spirituell als sozial- und gesellschaftspolitisch motiviert: "Es ist ein offener Ort der Begegnung, an dem man sich willkommen fühlt". So etwas fehle in unserer schnelllebigen Zeit voller oberflächlicher Kontakte. Gerade jetzt in der Pandemie werde deutlich, wie sehr Menschen einander brauchten. "Ich spüre hier Liebe und Freundschaft", sagt die Sozialarbeiterin.

Genau diese Vielfalt ist es, die der Stadtjugendpfarrer an dem Projekt "Junge Kirche" schätzt. "Es ist ein faszinierender Input. Wir haben hier junge Menschen mit sehr unterschiedlichen Prägungen. Hier darf jeder sein, wie er ist, es wird kein Lebensmodell übergestülpt". Er sehe sich als Seelsorger, der dazu einlade, Orientierung zu suchen und zu finden.

In den Gemeinden gehen die jungen Leute der Kirche häufig nach der Konfirmation verloren, weiß er. Es gebe Angebote für Senioren und Familien mit Kindern, aber im Bereich der Jugendarbeit sehe es düster aus. Das liege auch daran, dass das Freizeitverhalten sich gewandelt habe, sagt Laura Schäfer. Es gebe weniger Bereitschaft, sich an etwas zu binden, und die "Konkurrenz" durch Sport- und Fitnessclubs das Internet sei groß. Männer zwischen 20 und 35 kehrten der Kirche am häufigsten den Rücken.

Kirche habe ein schlechtes Image, gerade auch bei Jugendlichen, schildern die Ehrenamtlichen: Die Gottesdienste gelten als langweilig, die Botschaften als verstaubt und rückständig. Da könne es im Freundeskreis schon mal peinlich und höchst suspekt wirken, wenn man sich zugehörig bekennt. Dabei sehe die Realität - inklusive der Gottesdienste - ganz anders aus. "Wir haben so viel Spaß zusammen", sagt Alisha (16). Es sei die unbeschwerte Fröhlichkeit und Leichtigkeit, die den Kreis für junge Menschen attraktiv mache, sagt Schäfer, aber gleichzeitig könne man auch über die "großen Themen" miteinander sprechen.

Die kleine Kirche in der Löberstraße ist ein charmanter 50er Jahre-Bau. Hier wird künftig das Büro des Stadtjugendpfarramtes untergebracht, es wird ein Café und einen Raum zum Wohlfühlen geben. Die Ehrenamtlichen haben viele Ideen und Pläne, sie freuen sich darauf, Neues auszuprobieren. Für Anfang 2021 ist die Einweihung geplant; wie die unter Coronabedingungen aussehen wird, ist derzeit nicht planbar.

Eines aber ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Die Einweihung und alles was danach kommt, wird vielfältig und bunt sein - und kein bisschen verstaubt.

Videos auf Facebook

Wer die Jugendlichen in Aktion erleben will, kann sich auf Facebook die Videos anschauen, mit denen sich das Stadtjugendpfarramt des Ev. Dekanats um den Titel Mittelhessens Topverein beworben hat. Im Finale, das morgen endet, geht es auch um 8000 Euro - Geld, das die Jugendlichen bei der Renovierung gut gebrauchen können.

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