Eine Jugend im freien Fall

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Ein Stück wie eine Graphic Novel: düster, bildgewaltig und faszinierend. "Snakedriver" von Christina Kettering und Markolf Naujoks wurde in der Studiobühne des Stadttheaters uraufgeführt.

Jungsein in der Provinz - das kann eine echte Qual sein. Und wenn dann auch noch das Dorf langsam dahinsiecht, die Menschen weggehen oder sich aufgeben und man als Teenager nicht raus kann aus diesem Elend, dann beginnt der freie Fall. Davon erzählen Christina Kettering und Ralf Naujoks in ihrem Schauspiel "Snakedriver", das nun auf der taT-Studiobühne uraufgeführt wurde.

Gesellschaftliche Strukturen sind weggebrochen. Unweigerlich muss man an die alles andere als blühenden Landschachaften im deutschen Osten denken. Es gibt keine Arbeit, keine Perspektive. Und als dann auch noch Bäckerei und Tankstelle schließen, ist das Ende der Dorfgemeinschaft, die mit Festen gegen die Langeweile angekämpft hat, absehbar. Ein selbst ernannter Dorfsheriff treibt sein Unwesen, beruflich gescheiterte Väter bringen sich um, alkoholkranke Mütter fliehen und lassen ihre Kinder zurück.

Das erfahren die Zuschauer von Leonie, gespielt von Paula Schrötter, und Marcus, den Magnus Pflüger verkörpert. Sie berichten in nüchternen Worten aus ihrer eigenen Perspektive vom langsamen Verfall ihrer Umgebung und von ihren unerfüllten Träumen. Nur wenn sie mit ihrem Opel mit 230 Sachen über die Landstraße brettern, fühlen sie sich lebendig. Kumpel Luis’ Stimme, dem das Entkommen aus dieser frustrierenden Einöde scheinbar gelungen ist, kommt aus dem Off zu Wort, gesprochen von Co-Autor, Regisseur und Bühnenbildner Markolf Naujoks. Hier spricht keiner miteinander, jeder erzählt im Monolog, was geschehen ist, bevor sich der Frust im tatsächlichen Sinne in einem Flammeninferno entlädt.

Gothic, Mystery und Milieustudie

Ole Tillmanns Zeichnungen im Gothic-/Mystery-Stil, die auf einer großen Projektionsfläche im Bühnenhintergrund zu sehen sind, schaffen den optischen Rahmen für die düstere Story, die für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen attraktiv ist. Songs und elektronische Musik, irgendwo zwischen Indie-Folk und Neunzigerjahre-Sound angesiedelt, setzen die Stimmung zwischen Frust und Hoffnung akustisch um. Als Zuschauer hat man, vorallem durch die Zeichnungen, das Gefühl, als blättere man in einer Graphic Novel. Schemenhaft gezeichnete Szenen, dicke schwarze Schraffuren, Landschaftsbilder, die die Trostlosigkeit schonungslos zeigen - das hat Sogwirkung.

Paula Schrötter kämpft als scheinbar toughe Leonie nicht nur mit ihrer Wut über den Verrat ihrer Mutter, sondern auch gegen die unsichtbaren Grenzen ihrer Vorstellungskraft an. Frei fühlt sich diese junge Frau im brauthaften Tüllrock (Kostüme: Theda Schoppe) nur, wenn sie nachts auf der Landstraße das Gaspedal ihres Wagens bis zum Anschlag durchdrücken kann. Die Verzweiflung ist ihr ins Gesicht geschrieben, ihr Grölen zu den Songs ein einziger Hilfeschrei.

Auch Magnus Pflüger wirkt als Marcus überzeugend verloren in dieser Welt, die schon lange keinen Halt mehr gibt. Die den Bühnenboden bedeckenden Luftschlangen symbolisieren, dass auch für den nach Liebe und Freundschaft dürstenden Marcus die Party längst vorüber ist.

Dass sich die Zuschauer in den rund 70 Minuten des Stücks, vor allem auch durch die Zeichnungen Ole Tillmanns, wie in einem Strudel in die Tristesse hinabziehen lassen, gehört zu den Stärken des Stücks. Dass das Ende mit der in Flammen aufgehenden Schule eher nüchtern-knapp daherkommt, zu den Schwächen der Inszenierung, die auch keinen Aufschluss gibt, warum als Titel ausgerechnet der "The Jesus and Mary Chain"-Song "Snakedriver" gewählt wurde. Anschauen sollte man sich "Snakedriver" aber auf jeden Fall.

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