Dieter Habicht
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Dieter Habicht

"Es war eine harte, schöne Zeit"

  • vonLena Karber
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Gießen(lkl). Dieter Habicht kommt aus dem Erzählen nicht heraus. "Meine Freunde sagen oft: Schreib doch mal ein Buch, das wird ein Bestseller", berichtet der 80-jährige Gießener zwischen zwei Anekdoten über seine Zeit als Taxi-und Minicar-Fahrer in der Stadt an der Lahn. "Manches, was wir so erlebt haben, kann man wirklich gar nicht glauben."

Der gebürtige Gießener, der nach der Bombardierung seiner Heimatstadt als Kind eine Schule in Flensungen im Vogelsberg und anschließend die Schiller-Schule in Gießen besucht hatte, war nach seiner kaufmännischen Ausbildung zunächst im Taxi-Gewerbe gelandet. Anfang der 70er Jahre machte er sich dann mit einem Minicar-Unternehmen selbstständig, das Lahn-City-Car. In einer Zeit, in der Minicars noch kaum verbreitet waren und von den Taxiunternehmen als unliebsame Konkurrenz wahrgenommen wurden, war das ein kleines Abenteuer. So hätten Konkurrenten die Nummer des Unternehmens gewählt und nicht aufgelegt - da damals noch beide Parteien ein Telefonat beenden mussten, damit die Leitung frei war, eine verheerende Handlung. Nächtelang sei er mit seiner Lebensgefährtin und heutigen Ehefrau Brigitte Held, die oftmals bei Lahn-City-Car einsprang, durch die Stadt gefahren, um Telefonzellen mit ausgehängten Hörern zu finden, erzählt er.

Für gute Kunden - also Einrichtungen und Kneipen, die den Unternehmen viele Fahrgäste vermittelten - habe es zudem eine "Geheimnummer" gegeben. Da die Fahrgäste noch keine Handys hatten, waren die Minicar-Anbieter nämlich auch auf die Gunst der Gastwirte angewiesen. Da sei es wichtig gewesen, dass die Weihnachtsgeschenke gut ankamen und dass man Kontakte knüpfte und pflegte. Daher nennt Held ihren Mann einen "bunten Hund", den in Gießen jeder kenne. "Die meisten Lokalitäten gibt es heute nicht mehr", erwidert dieser, räumt aber lachend ein: "Damals gab es in Gießen aber wirklich keine Kneipe, die ich nicht besucht hatte."

Im Privatleben mussten Habicht und seine Frau Einschränkungen hinnehmen. "Manchmal haben wir uns nur nachts gesehen", berichtet sie. "Das Leben hat sich überwiegend im Auto abgespielt", erklärt er. Gemeinsame Hobbys gab es trotzdem: Auf die erste Ziege, Miss Elli, die Habicht trächtig in einer Kneipe erstand, folgten weitere Ziegen - und ein Haufen anderer Tiere. Vom Pferd über das Schwein, das Schaf, das Huhn, den Hund und die Katze war alles dabei. "Wir hatten einen richten Zoo", sagt Held lachend. Urlaube hingegen waren nach Auskunft von Habicht durch den Job nicht möglich. "Wenn wir mal zwei Tage nicht da waren, kam immer direkt ein Anruf, weil es einen Unfall gab oder irgendwas organisiert werden musste. Von daher musste immer jemand vor Ort sein."

Bedauernd klingt er nicht als er das erzählt. "Es war eine harte, schöne Zeit" meint er, während seine Frau ihm zustimmt: "Ich möchte nichts davon missen".

Immer wieder fangen beide an zu lachen - vor allem, wenn sie darüber sprechen, wie sie in den kleinen Renault R4, die zunächst die "Lahn-City-Car-Flotte" bildeten, Gäste transportierten. "Das war ein Geschaukel und es war so eng!", erinnert sich Habicht. "Vor allem die Amerikaner waren nach der Fahrt immer ganz grau", ergänzt seine Frau.

Um die Amerikaner, die vor allem während Habichts Zeit als Taxifahrer in den 1960er Jahren noch vermehrt in Gießen stationiert waren, drehen sich viele seiner Geschichten. "An den ersten fünf Tagen nach ihrem ›Pay-Day‹ sind wir meistens 15-Stunden-Schichten gefahren, weil sie ihr Geld so locker sitzen hatten", erzählt er. Anschließend sei dann nicht mehr so viel zu holen gewesen. Außerdem hätten viele Amerikaner die Angewohnheit gehabt, ihr Geld in der Kneipe auf den Tisch zu legen. "Die Kellner haben dann oft ihr Tablett unten befeuchtet und auf dem Geld abgestellt, sodass Scheine kleben geblieben sind", erzählt er grinsend. Anekdoten dieser Art hat Habicht unzählige auf Lager. Sie drehen sich um reiche Geschäftsleute und weinende Ehefrauen, um betrunkene Polizisten und unentschlossene Transsexuelle. Einmal sei eine Frau mit den Worten "Sie sind jetzt der erste, dem ich es sage" in sein Auto gestiegen und habe ihm anvertraut, dass sie schwanger sei, berichtet er. Und während er in seinem Auto auf Kunden gewartet habe, hätten ihm häufig Prostituierte von ihrem Schicksal erzählt. "Man ist auch der seelische Müllabladeplatz", sagt er salopp, meint es aber gar nicht abwertend. Als Fahrer sei man auch eine Art Psychologe. Dabei lerne man viele Leute kennen und merke, dass am Ende alle nur Menschen seien - egal, ob arm oder reich.Habicht, der sich erst vor zehn Jahren in den Ruhestand verabschiedet hat, feierte kürzlich seinen 80. Geburtstag. Das Gewerbe, das sein Leben geprägt hat, hat sich seit den 1960er und 1970er Jahren grundlegend verändert. Nicht einmal der Begriff Minicar passt noch, denn statt der alten R4 fahren nun normale Kombis oder gar Kleinbusse unter der Bezeichnung. Doch obwohl Habicht mit so viel Begeisterung von seiner Zeit als Minicar-Fahrer spricht, streitet er jede Nostalgie ab. "Wenn die Leute heute sagen, früher war alles viel besser, ist das falsch", sagt er. "Früher war nicht alles besser, nur anders." FOTO: LKL

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