Der SWG-Projektleiter Matthias Hery präsentiert die App (rechts) und einen der dazugehörigen Sensoren. FOTO: CSK
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Der SWG-Projektleiter Matthias Hery präsentiert die App (rechts) und einen der dazugehörigen Sensoren. FOTO: CSK

Eine App gegen Aerosole

  • vonChristian Schneebeck
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Wenn das Smartphone des Lehrers im Unterricht klingelt, könnte der Weg künftig schnurstracks zum Fenster führen. Denn eine App, die zum Beispiel an der Goetheschule getestet wird, schlägt Alarm, sobald sich die Luftqualität in Innenräumen stark verschlechtert. Die Macher verstehen ihre Idee als Beitrag zur "Smart City".

Moderner Technik entgeht kein einziges Teilchen. Direkt nach dem Lüften lag die CO2-Konzentration noch bei 450 parts per million (ppm), fünf Minuten später sind es exakt 509 ppm. Fenster wieder auf oder eher nicht? Nein, alles im hellorangen Bereich, meldet der "SWG-Monitor", den die Stadtwerke am Dienstag in einem Besprechungszimmer präsentieren. Die App, entwickelt mit der Gießener Softwarefirma "Fabrik19", hilft, die Luftqualität in Innenräumen zu kontrollieren. Luft, Innenräume, Kontrolle: Das Ganze scheint derzeit natürlich besonders coronarelevant. Die Entwickler um den SWG-Projektverantwortlichen Matthias Hery betonen aber, dass es sich bei dem System grundsätzlich um einen vielfältig nutzbaren Beitrag zur "Smart City" handele.

Ein batteriebetriebener Sensor übermittelt dabei Daten über das Funknetzwerk "Long Range Wide Area Network" (LoRaWAN) an eine Datenbank. Diese Daten werden auf einem Dashboard grafisch dargestellt. Abrufbar sind sie auch über die App, die außerdem Pushnachrichten versenden kann, sobald Handlungsbedarf besteht.

Seit dem Start vor einigen Monaten sind 40 Multisensoren verkauft worden. Das Pilotprojekt in der Goetheschule, wo allein 20 solcher Sensoren installiert worden sind, haben die Stadtwerke bereits im September vorgestellt. Dort melden die Messgeräte im Fünf-Minuten-Takt Luftfeuchtigkeit, Temperatur und CO2-Konzentration. Letztere steigt parallel mit der Menge der Aerosole.

Einen "Beitrag für bedarfsgerechtes Lüften" nennt Hery die Idee. In der Goetheschule werde die Technik schon "rege genutzt" - und dort wie andernorts stetig verfeinert. Während Hery spricht, verfolgen seine Zuhörer die per Beamer an die Wand projizierten Raumwerte und ihren Verlauf. Die Darstellung funktioniert nach einem Ampelprinzip, wobei zwischen grün, gelb und rot jeweils noch einige Stufen existieren. Verbal gibt es indes nur drei Kategorien: "Gut", "Bitte lüften" und "Dringend lüften".

Bei den Grenzwerten orientieren sich die Macher an Vorgaben des Umweltbundesamtes. Ab 800 ppm CO2 ist das Lüften demnach dringend geboten. Unter zahlreichen technischen Details heben sie vor allem die Sicherheit hervor. Eine Zwei-Faktor-Authentifizierung soll garantieren, dass nur befugte Nutzer Zugriff auf die Daten haben. Autorisierte Personen scannen dafür in der App einen QR-Code und erhalten erst dann die Berechtigung. Verlassen sie den betreffenden Raum, beispielsweise weil die Schule zu Ende ist, können sie den "SWG-Monitor" einfach abschalten, um keine Pushnachrichten mehr zu bekommen.

Nach dem gleichen Prinzip seien künftig viele weitere Anwendungsfelder für das System denkbar, sagt "Fabrik19"-Geschäftsführer Mark Pralle. Von Zählerständen über Schimmelgefahr bis hin zu Wasserrohrbrüchen. Eine Einschränkung besteht aber: Weil sich die Sensoren über die LoRaWAN-Verbindung in Gateway-Module der SWG einwählen, ist die Technik, die aktuell nur an gewerbliche Kunden und Schulen verkauft wird, außerhalb Gießens noch nicht nutzbar. Gespräche mit anderen Städten liefen jedoch bereits, so Jens Schmidt, kaufmännischer Vorstand der Stadtwerke.

Sensoren warnen vor Schimmelgefahr

Generell habe die Funktechnik den Vorteil, bei relativ hoher Reichweite vergleichsweise wenig Energie zu benötigen. Im Gegenzug biete sie eine eher niedrige Bandbreite und sei daher nur für recht geringe Datenmengen brauchbar. Weitere gewerbliche Interessenten sind jederzeit willkommen; die Sensoren, die maximal 200 Euro kosten, sind prinzipiell auch in Eigenregie anbringbar. Je nachdem, wie sich die Resonanz entwickelt, planen die SWG laut Schmidt, das System "nachfrageorientiert" auszubauen.

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