Einige der "Flotten 80er": Kuno Reif, Jörg Bottler, Reinhard Schneider, Dieter Wallbott, Hilmar Mürau und Heinz Ebener. FOTO: FRIEDRICH
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Einige der "Flotten 80er": Kuno Reif, Jörg Bottler, Reinhard Schneider, Dieter Wallbott, Hilmar Mürau und Heinz Ebener. FOTO: FRIEDRICH

Flotte 80er

Eine ganz besondere Boy-Group in Gießen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Sie sind gestandene Männer der Gießener Gesellschaft, haben Familien, Freunde, Hobbys. Wozu dann noch ein "Herrenkränzchen"? Weil es Spaß macht, sagen die "Flotten 80er".

Du bist zu jung! Allzu häufig bekommt man einen solchen Satz mit Ende 70 nicht mehr zu hören. Doch tatsächlich werden Interessenten von den "Flotten 80ern" vertröstet, wenn sie vor der Zeit um Aufnahme bitten.

Aber da die Runde auch mal alle Fünfe gerade sein lässt und sich zudem eine gewisse Altersmilde eingestellt hat, haben sie eine Lösung für den Nachwuchs gefunden: "Sie dürfen zur Schnupperstunde kommen", sagt Dieter Wallbott und lacht. Er hatte vor fünf Jahren die Idee, eine gesellige Runde älterer Semester ins Leben zu rufen. Dass die Sache so gut läuft, hätte er damals nicht gedacht - offenbar hat er bei seinen Altersgefährten einen Nerv getroffen.

Einmal im Monat treffen sich die Männer, um ein paar schöne Stunden miteinander zu verbringen. Wichtig war dem Initiator und seinen Mitstreitern, dass es ein lockerer Zusammenschluss ohne Vereinsstrukturen bleibt. Es gibt keine Satzung, keinen Vorstand, kein Protokoll. Knapp 30 Männer stehen mittlerweile auf der Liste, doch mehr als 15 Teilnehmer sind selten gleichzeitig da. "Es bleibt immer übersichtlich und persönlich", sagt Wallbott.

Einige der Herren haben sich schon vorher gekannt, manche sogar von Kindesbeinen an, andere sahen sich zum ersten Mal. Die "Flotten 80er" sind offen und wollen keinesfalls im eigenen Saft schmoren. Sie freuen sich immer über neue Gesichter. "Es gibt in unserem Alter sicher viele, die einsam sind und sich über ein wenig Zerstreuung und Anschluss freuen", sagt Wallbott. Dass die Gruppe den Kreis nicht für Frauen öffnen möchte, hat anfangs für skeptische Nachfragen gesorgt. Es sei aber nicht abschätzig gemeint, sondern entspreche einfach dem Wunsch, ab und zu unter sich zu sein.

Zum "harten Kern" gehören unter anderen Heinz Ebener, Hilmar Mürau, Reinhard Schneider, Jörg Bottler und Kuno Reif. Sie schätzen die freundschaftliche, heitere Atmosphäre in ihrem Kreis und sind dankbar, dass Initiator Wallbott die organisatorischen Fäden in der Hand hält: "Ganz ohne Häuptling geht es nicht", sagt Mürau.

Apropos Zerstreuung. An den Abenden wird über dies und das geplaudert, aber es gibt zwei Themen, die ausgespart werden: Krankheiten und Politik. Bei politischen Themen ist die Gefahr zu groß, dass man sich nicht nur auseinandersetzt, sondern entzweit, und die Krankheiten will man außen vor lassen, weil sonst endlose Erörterungen von Alters-Zipperlein die Folge sein könnten. Und funktioniert diese selbst auferlegte Regel? "Ja, das klappt. Da reicht schon ein strenger Blick über den Tisch", sagt Reinhard Schneider.

Dass es durchaus wohltuend und hilfreich sein kann, sich mit Leidensgenossen über Krankheiten, Ärzte und Therapien auszutauschen, stehe dabei außer Frage. "Das passt aber besser in ein Zwiegespräch als in die große Runde", erläutert Heinz Ebener. Dass die 80er auch außerhalb der Treffen füreinander da sind, wenn "Not am Mann" ist, versteht sich von selbst. Als der mittlerweile verstorbene Georg Bellof im vergangenen Jahr schwer erkrankte und in der Klinik lag, war der "harte Kern" zur Stelle. Und dass sie Sinn für Humor und originelle Ideen haben, bewiesen die Senioren bei einem Fotoshooting für das Modehaus Köhler: Viele Wochen war die berühmteste Boy-Group der Stadt dort auf großformatigen Bildern zu sehen.

Manchmal laden die 80er einen Referenten zu einem Vortrag ein - und auch in den eigenen Reihen gibt es Experten mit interessantem Fachwissen. Vor Corona wurde auch gerne gemeinsam gesungen, doch darauf müssen die Männer vorerst verzichten. Da die Senioren zur Risikogruppe gehören, achten sie sehr genau darauf, sich und andere nicht zu gefährden. "Die Pandemie und die notwendigen Kontaktbeschränkungen hat die Alleinstehenden unter uns schon sehr getroffen", sagt Wallbott. Umso mehr genießen sie es, sich - mit Abstand - wieder treffen zu können.

Und wenn man den flotten 80ern mit ihren Sprüchen und Späßen so zuhört, stellt sich die beruhigende Gewissheit ein, dass sich manches nicht verändert - egal, ob die Jungs nun 20, 40 oder 80 Jahre alt sind.

Die "Flotten 80er" treffen sich seit fünf Jahren jeden ersten Donnerstag im Monat. Wer Interesse an der Runde hat, sollte männlich und über 80 Jahre alt sein. Auch beim Jubiläumsabend am 8. Oktober im "Alt Gießen" sind neue Gesichter willkommen. Ansprechpartner ist Dieter Wallbott, Telefon: 0641/491348

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