Eine Bühne voller Schnee

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Auch der diesjährige Hein-Heckroth- Bühnenbildpreis wird an einen besonderen Vertreter dieses Fachs verliehen: an Katrin Brack. Satzungsgemäß wurde sie von ihrem Vorgänger Gero Troike vorgeschlagen. Aber was macht Bracks Bühnenbilder, in denen es auch schon mal dauerhaft schneit, so besonders?

Katrin Brack ist erst die zweite Bühnenbildnerin, die den Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis in Gießen verliehen bekommt; die Erste war Anna Viebrock im Jahr 2013. Brack stammt aus Hamburg, lebt in Wien. Sie studierte 1978–1984 bei Karl Kneidl an der Kunstakademie Düsseldorf. Darauf folgte ein Engagement am Schauspielhaus Bochum (Intendanz Claus Peymann), als Assistentin bei Karl-Ernst Hermann. Hermann ist der zweite Heckroth-Preisträger 2005. 1989 begann ihre erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem belgischen Regisseur Luk Perceval. Beide wollten Neues schaffen, konventionelle Theaterräume überwinden. Brack begann damals ihre reduzierten Bühnenräume zu entwickeln.

Es folgten gefeierte Inszenierungen, bei denen sie mitwirkte: an den Münchener Kammerspielen, den großen Bühnen in Berlin, Hannover, Hamburg und Wien. 2005 erhielt sie den Faust-Theaterpreis für ihren Bühnenraum zu "Iwanow" (Volksbühne Berlin) und 2007 den Nestroy-Theaterpreis für "Molière" (Salzburg und Schaubühne Berlin), 2017 wurde sie bei der Theaterbiennale in Venedig für ihr Lebenswerk geehrt. Seit 2009 ist sie Professorin für Kostüm und Bühnenbild an der Kunstakademie München.

Was nun macht ihre Bühnenbilder so besonders? Ihre Konzentration auf ganz wenige Bühnenmittel, die in Kritiken auch als Minimalismus bezeichnet wird. Die Entwicklung lässt sich in ihrem 2010 erschienenen, reich bebilderten Buch gut ablesen. Anfangs gab es noch architektonische Elemente, die aus schlichten Holzplatten bestanden, zusammengebaut zu begehbaren Flächen oder großen Kästen. Es folgte das Bühnenmittel Scheinwerfer, die mitsamt den Gestängen sichtbar waren und den Schauspielern teils sehr nah kamen. Am Ende verschwanden sie und hinterließen eine leere Bühne, also ein Abgang wie bei den Schauspielern.

Andererseits füllt sie den Bühnenraum gern komplett aus: mit Konfetti-Regen über die Dauer des gesamten Stücks, mit beständig produziertem Nebel oder Schaum, oder Dauernieselregen. Bei anderen Stücken nutzte sie Flitterkram des Varietés: herabhängende Glitzergirlanden oder Schaukeln, fliegende Luftballons. Erst "das Spiel der Schauspieler lädt das Material mit Bedeutung auf", erklärt sie in einem Interview. Etwas zentrierter gestaltete sie mit einer riesigen Konfetti-Explosion in der Bühnenmitte oder mit einem überdimensionalen Wasserglas, in das die Darsteller eintauchten.

Für die Schauspieler stellt alles eine enorme physische und mentale Herausforderung dar. Schauspieler Wolfram Koch etwa bezeichnet den Bühnenraum von Katrin Brack als "zusätzlichen Schauspielkollegen", den man nehmen muss wie er ist, egal wie unberechenbar und störrisch er ist. "Aber irgendwann fängt man an zu spielen und fühlt sich in Katrins Kunstwerken frei, völlig frei." Die österreichische Schauspielerin Almut Zilcher kommt zu dem Schluss: "Du feierst in ihrem Raum das Leben."

In Interpretationen werden die Bühnenbilder "Zustandsräume" genannt, andere sprechen von einer vierten Dimension, für die Bracks Bühnenbilder das Bewusstsein öffnen können. Auch als "Innenwelten" oder "Traumwelten" werden sie bezeichnet. Voraussetzung ist also die Bereitschaft sich einzulassen, über das Material die dahinterliegende Idee zu entdecken oder eigene Assoziationen zu entwickeln.

Bühnenbilder als Zustandsräume

Die Wahl des jeweiligen Bühnenmittels ist nicht beliebig, sie steht immer in Zusammenhang mit dem Stück. Brack sammelt Ideen und versucht dann das treffendste Ausdrucksmittel herauszufiltern. Ihr Bühnenbild sei ein Angebot an alle Beteiligten, sodass immer wieder neu darüber nachgedacht wird. "Nur dadurch gelingt es, interessante Sicht- und Spielweisen zu entwickeln." Bei vielen Stücken entwarf sie auch die Kostüme, deren Spektrum von Alltagskleidung über festliche Roben bis zu schrägen und trashigen Kombinationen reicht. Wer ihren Bühnenraum in einer aktuellen Inszenierung erleben möchte, der muss bis nach Wien fahren, im Akademietheater läuft "Zu der Zeit der Königinmutter". Videos im Internet vermitteln einen kleinen Eindruck.

Katrin Brack, Bühnenbild-Stages-Theater der Zeit, hrsg.v. Anja Nioduschewski, 2010 im Verlag Theater der Zeit, deutsch-englisch, zahlreiche Fotos, ISBN 978-3-940737-55-7 (Foto: pm)

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