+
Boykott-Aufrufe gegen jüdische Geschäfte waren in der ersten Phase der Nazi-Herrschaft im Deutschen Reich an der Tagesordnung. (Undatiertes Foto: dpa)

Eine "antisemitische Kampagne"

  • schließen

Gießen (mö). Weil auf ihrem Gelände die Flagge Israels gehisst war, ist eine Synagoge in den USA mit antisemitischen Parolen beschmiert worden. Wer die Fahne einer "zionistischen Kolonie" zeige, müsse mit entsprechenden Reaktionen rechnen, wurde der Vorfall auf einer Facebookseite mit dem Namen BDS Wiesbaden kommentiert. Passiert ist das erst vor wenigen Tagen. Der Fall sorgte für Schlagzeilen, weil Uwe Becker, Beauftragter der Hessischen Landesregierung für jüdisches Leben, eine Strafanzeige gegen die Betreiber der Facebook-Seite gestellt hat. Sein Vorwurf: "Volksverhetzung."

Die Abkürzung BDS steht für Boycott, Divestment und Sanctions (Boykott, Investitionsentzug und Sanktionen). In den Medien ist von einer Bewegung die Rede. Zu viel der Ehre, meint Sebastian Mohr: "BDS ist eine Kampagne, keine Bewegung", sagt der Gast aus Berlin am Dienstagabend im Kerkrade-Zimmer der Kongresshalle. Das Netzwerk für politische Bildung, Kultur und Kommunikation sowie die deutsch-israelische Gesellschaft haben eingeladen, rund 40 Zuhörer sind gekommen. Gastgeberin Dr. Alexandra Kurth nennt Mohr, der für das Internationale Institut für Bildung, Sozial- und Antisemitismusforschung arbeitet, als den besten BDS-Kenner in Deutschland, der sich jenseits journalistischer Beiträge mit der Kampagne beschäftigt. Eine von Mohrs Berliner Institut herausgegebene Broschüre trägt den Titel: "Die antisemitische Boykottkampagne BDS."

Bundestag gegen BDS

Hierzulande ist BDS eigentlich erst im Frühjahr einer breiteren Öffentlichkeit durch einen Bundestagsbeschluss bekannt geworden, in dem speziell die Kampagne und generell jede Form von Boykottaufrufen gegen Israel, gegen israelische Waren und Dienstleistungen, israelische Künstler, Wissenschaftler sowie Sportler als antisemitisch hinterlegt verurteilt wurden. International ist BDS schon länger ein Thema, als bekanntestes Gesicht gelten Roger Waters von der Rockgruppe Pink Floyd oder die afroamerikanische Autorin Alice Walker ("Die Farbe lila"). "Sie weigert sich bis heute, dass ihr Buch ins Hebräische übersetzt wird", sagt der Referent.

Kritiker wie Mohr werfen BDS vor, unter dem Deckmantel der Humanität und des Einsatzes für die Palästinenser eine knallharte antijüdische Agenda zu verfolgen, die sich letztlich immer gegen das Existenzrechts Israels wende. "Es geht nicht allein darum, keine Avocados oder Rotwein vom Golan zu kaufen", erklärt Mohr. Auch im Bereich der Kultur, der Wissenschaft und des Sports werde permanent versucht, Israel durch eine "Antinormalisierung" zu isolieren. Fußballspiele oder Konzerte, an denen Israelis hätten beteiligt sein sollen, seien schon verhindert worden. So habe es zu Beginn des Jahres auch eine Kampagne gegen die Durchführung des Eurovision Songcontests im "Apartheidstaat Israel" gegeben. Mohr zeigt ein von BDS abgewandeltes Eurovision-Logo mit Stacheldraht und einem Herz, das durch eine SS-Rune geteilt ist. Das Argumentationsmuster, wonach Israel mit den Palästinensern nicht anders umgehe als die Nazis mit den Juden, wird hier visualisiert.

Mohr legt anhand verschiedener Screenshots dar, dass hinter BDS auch Terrororganisationen wie die Hamas oder die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) stehen. Die PFLP-Ikone und Ex-Terroristin Leila Khaled sei eine der wichtigsten Werbefiguren. Darüber sollten sich deutsche Nichtregierungsorganisationen klar sein, die in den Palästinensergebieten mit BDS zusammenarbeiteten, obwohl der Bundestagsbeschluss eine Mitfinanzierung israelfeindlicher Kampagnen ausschließe. "Für das Außenministerium ist die Bundestagsresolution schwierig", meint Mohr.

In Gießen schlug die Debatte um BDS im vergangenen Jahr auf, als eine Gastwissenschaftlerin aus Israel eine Vortragsveranstaltung mit einem BDS-Vertreter in Räumen der Universität durchführen wollte. Es kam zu Protesten, abgeblasen wurde die Veranstaltung wegen einer Formalität. Auch wenn BDS nach Einschätzung von Mohr in Deutschland vor allem aus historischen Gründen - er verweist auf den Boykott jüdischer Geschäfte und Einrichtungen am 1. April 1933 - bislang kein relevanter Faktor ist, muss man sich nach Überzeugung von Politologin Kurth für die Auseinandersetzung mit der Boykottkampagne wappnen: "Gerade Universitätsstädte wie Gießen stehen im Fokus von BDS."

In der anschließenden Publikumsdiskussion ging es dann eher um die Frage, wie bedroht jüdisches Leben in Deutschland durch völkischen und eingewanderten Antisemitismus ist. Dr. Harald Kindermann, in Gießen lebender Ex-Botschafter der Bundesrepublik in Israel, sagte: "In Israel schaut man beruhigt auf die Situation in Deutschland." Dem mochte nicht jeder der Anwesenden folgen. "Gehen Sie doch mal mit einer Kippa durch Berlin", lautet eine Stimme.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare