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Hund Bono ist kein Hobby, sondern Familie. Nach ihrem Aus bei den Stadtwerken will Ina Weller Hundetrainerin werden.

Mensch, Gießen

Eine Ära endet: Ina Weller verlässt Stadtwerke Gießen

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Ina Weller ist für viele Menschen das Gesicht der Gießener Stadtwerke. Seit über 34 Jahren arbeitet sie für den Energieversorger, die meiste Zeit davon als Pressesprecherin. Sie war die erste Frau, die eine Abteilung leitete. Jetzt geht sie vorzeitig in den »Ruhestand«. Weil sie noch genug Zeit haben will für die vielen anderen Dinge, die ihr am Herzen liegen.

Bono begrüßt die Besucher an der Haustür. Ein imposanter Rüde, der auf den ein oder anderen Gast sicher furchteinflößend wirken dürfte. In Wirklichkeit ist Bono aber ein ganz Lieber - vor allem dann, wenn Ina Weller in der Nähe ist. Gut für den Hund: Bald wird das Frauchen deutlich mehr Zeit für Gassi-Gänge und Streicheleinheiten haben. »Am 31. März ist mein letzter Arbeitstag«, sagt die 59-Jährige. Ihr Blick verrät, dass ihr der Abschied nicht leicht fallen wird. Ihrem Arbeitgeber dürfte es nicht anders gehen. Die Gießener Stadtwerke stehen vor dem Ende einer Ära.

Seit 34 Jahren arbeitet Weller für Gießens Energiedienstleister. Sie ist Prokuristin, Abteilungsleiterin für Marketing und Vertrieb sowie Pressesprecherin. Manche Menschen in solchen Positionen werden mit der Zeit ein wenig affektiert, sie zeigen keine Ecken und Kanten mehr. Weller ist da anders. In all den Jahren ist sie sich treu geblieben. Freundlich, menschlich, jovial. Natürlich weiß sie, was Corporate Identitiy bedeutet, sie bricht sich aber auch keinen Zacken aus der Krone, wenn sie »Unternehmensbild« sagt. Auch ihren hessischen Dialekt hat sich Weller bewahrt. »Wollen Sie noch ein Stück Abbelkuche? Dann geben Sie mir mal ihr Gäbelsche«. Dass Backen eine Leidenschaft von Weller ist, dürfte auch ihre Arbeitskollegen freuen. Schließlich stehen jetzt einige Ausstände an. »Natürlich kommt da Wehmut auf«, sagt Weller, »ich trage die Stadtwerke in meinem Herzen.« Sie habe ihren Job immer gerne gemacht, betont sie - dabei wollte sie eigentlich etwas ganz anderes werden.

Weller ist in Butzbach geboren und in Pohl-Göns aufgewachsen. »Auf einem Nebenerwerbsbauernhof, ganz klassisch mit Hüttenberger Hoftor, Scheune und jeder Menge Tieren.« Während ihr Vater sein Geld als Lehrer verdiente, half die Mutter auf einem eigenen Bauernhof aus. Das dörfliche Leben hat Weller stark geprägt. Vor allem ihre Liebe zur Natur hat sie jener Zeit zu verdanken. »Mein Vater war auch Jäger und hat mich oft mit in den Wald genommen, um Tiere zu beobachten und zu füttern.« Bedenkt man noch, dass auf dem eigenen Hof eine Kuh, Gänse, Enten und Hühner lebten, ist Wellers beruflicher Jugendtraum nicht sonderlich verwunderlich.

»Ich wollte für mein Leben gerne Tiermedizin studieren. Der NC lag damals bei 1,8, ich hatte aber einen Abi-Schnitt von 1,9«, erzählt sie. Daher habe sie zunächst gekellnert, was ihr außerordentlich viel Spaß gemacht habe. Nach einem Jahr versuchte sie es erneut mit der Immatrikulation, aber auch dieses Mal reichte es nicht. Also schrieb sich Weller an der Fachhochschule Gießen-Friedberg für Elektrische Energietechnik ein. Eine wegweisende Entscheidung. Auch wenn Weller mit dem Studium nicht sonderlich glücklich war. »Ich habe schon im zweiten Semester gemerkt, dass mich das Thema nicht wirklich interessiert. Ich habe das Studium aber trotzdem durchgezogen, da ich durch das eine Jahr Kellnern schon Zeit verloren hatte.« Das zum Studium gehörende Praktikum absolvierte Weller dann bei den Gießener Stadtwerken - und lernte so ihren Arbeitgeber kennen, dem sie vom Berufseinstieg bis zum Ruhestand treu geblieben ist.

Weller sitzt an diesem Nachmittag in ihrem Wohnzimmer in Lützellinden. Auf dem Tisch steht selbstgebackener Kuchen, den sich auch Ehemann Gunther schmecken lässt. »Wir haben uns am 6. Februar 1989 in der Zwibbel kennengelernt. Ein Rosenmontag«, sagt Weller und fügt lachend hinzu: »Am Aschermittwoch war es nicht vorbei.« Wellers Lächeln bleibt, es ändert sich nur leicht. »Er ist das beste, das mir je passieren konnte.«

In 34 Jahren Betriebszugehörigkeit gibt es viele Meilensteine. Drei Jahre nach ihrem Einstieg bei den Stadtwerken im Jahre 1987 ging der Marketingchef in Ruhestand. Also bewarb sich Weller - »bevor sie mir irgendjemanden vor die Nase setzen« - und erhielt den Job. Mit Mitte 20 war die Gießenerin nicht nur die jüngste Abteilungsleiterin, sondern auch unternehmensweit die einzige Frau auf solch einen leitenden Posten. Schon wenig später gestaltete sie den Fuhrpark um, die orangenen, an die Müllabfuhr erinnernden Autos wurden weiß. »Ein flotteres Design eben.« Eine große Herausforderung sei auch die Liberalisierung Ende der 90er gewesen. »Vorher waren wir Monopolisten. Plötzlich mussten wir um Kunden kämpfen. Das war sehr spannend, den Wettbewerb kannten wir vorher nicht.«

Rückblickend glaubt Weller, dass die Öffnung des Energiemarktes ein entscheidender Punkt gewesen ist, warum sie ihr ganzen Berufsleben bei den Stadtwerken verbracht hat. »Wenn es nicht so gekommen wäre, wäre es vielleicht irgendwann langweilig geworden.«

Langeweile ist Weller immer fremd gewesen. Trotz ihres vollen Terminkalenders bei den Stadtwerken hat sie sich stets auch abseits der Arbeit verwirklicht. »Ich trete zum Beispiel gerne auf«, sagt die 59-Jährige und erzählt, mit ihren Rollen als Nikolaus, Oma Else, dem pubertierenden Kevin Christoffer oder als Clown regelmäßig Gäste von Geburtstagen und anderen Feiern zu unterhalten. Kochen, Backen und Töpfern stehen bei Weller ebenfalls hoch im Kurs. Natürlich auch Hund Bono - wobei der nicht als Hobby zählt, sondern als Familienmitglied.

Es ist aber nicht nur der eigene Vierbeiner, der Weller fasziniert. Ihr Herz schlägt schon lange für Hunde. »Ich will daher einen Schein als Hundetrainerin machen«, sagt sie. Auch das andere Ende der Leine hat Weller im Blick. Die Lützellindenerin hat vor einigen Jahren eine Ausbildung zum Mentalcoach absolviert, und diese Tätigkeit will sie künftig wieder intensivieren. »Warten Sie mal einen Moment«, sagt Weller und huscht grinsend in das Nachbarzimmer. Einen Moment später taucht sie mit einer gut zwei Meter langen Eisenstange auf, die zu einem V geformt ist. »Die habe ich mit meiner Gurgel verbogen«, sagt Weller. »Aber keiner Sorge, so etwas werde ich als Mentalcoach sicher nicht anbieten.«

Es gibt noch so viel mehr, was Weller künftig machen will. Alte Hobbies wieder aufleben lassen und sich gleichzeitig in neuen Dingen versuchen, zum Beispiel beim Lernen der griechischen Sprache. Auch ihrer guten Freundin und vor allem deren Kindern will sie mehr zur Seite stehen. »Ich bin so etwas wie ihre Oma«, sagt Weller. Sie nimmt diese Rolle sehr ernst. Eigene Kinder hat die 59-Jährige nicht.

Aus all diesen Gründen hat sich Weller entschlossen, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. »Mein Vater hatte mit 61 einen schlimmen Schlaganfall. Wer weiß, wie viele gute Jahre ich noch habe?« Außerdem fühlt sich Weller an die Worte ihres Vorgängers Günter Lepper erinnert. »Wir waren damals bei seinem Abschied sehr traurig. Da hat er gesagt: Ich will gehen, wenn ihr es alle noch schade findet.«

Ina Weller darf sich sicher sein, dass ihre Kollegen dasselbe empfinden werden.

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