Eindringlich und tief bewegend

  • vonSascha Jouini
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Anlässlich der noch bis 17. Januar in der Kongresshalle laufenden Wanderausstellung "Vernichtungsort Malyj Trostenez" fand im KiZ eine ergreifende Lesung statt. Auf Einladung des Literarischen Zentrums und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur präsentierte Autor Johannes Winter seine Erzählung "Die verlorene Liebe der Ilse Stein". Moderator Dr. Markus Roth lobte den "entscheidenden Beitrag zu aufrichtigem Journalismus", den Winter geleistet habe.

Anlässlich der noch bis 17. Januar in der Kongresshalle laufenden Wanderausstellung "Vernichtungsort Malyj Trostenez" fand im KiZ eine ergreifende Lesung statt. Auf Einladung des Literarischen Zentrums und der Arbeitsstelle Holocaustliteratur präsentierte Autor Johannes Winter seine Erzählung "Die verlorene Liebe der Ilse Stein". Moderator Dr. Markus Roth lobte den "entscheidenden Beitrag zu aufrichtigem Journalismus", den Winter geleistet habe.

Auf Ilse Stein und ihre aus Geiß-Nidda stammende Familie stieß der Publizist zufällig im Rahmen einer anderen Recherche und nahm 1990/91 Kontakt zu der damals in Rostow am Don lebenden Frau auf. Für seine Erzählung ging Winter in ihrem Heimatdorf auf Spurensuche, griff zudem auf Archivmaterial zu Hauptmann Willi Schulz zurück. Wie er berichtete, orientiere sich seine Schilderung stark an den Erinnerungen der Protagonistin, erfülle somit nicht unbedingt Kriterien objektiver Geschichtsschreibung. So nannte er sein Vorgehen denn auch "literarische Reportage".

Schon die zu Beginn gelesene Passage über die Deportation der jüdischen Familie nach Minsk zeigte, dass der Autor dem nüchternen Berichtstil gleichwohl große Eindringlichkeit zu verleihen vermag; der existenziellen Not der brutaler Gewalt ausgesetzten jüdischen Gefangenen konnte man sich kaum entziehen. Im Getto Minsk muss die 17-jährige Ilse beim Heizwerk harte körperliche Arbeit verrichten. Sie ahnt zunächst nicht, was ihrer Familie widerfahren soll. Als sie einmal auf das falsche Kommando hört, droht ihrer Kolonne die Hinrichtung. Judenaufseher Willi Schulz, dem ihre Inhaftierung zuzuschreiben ist, rettet sie und lässt sie für sich arbeiten. Als der Oberverwaltungsinspektor nach Malyj Trostenez abkommandiert wird, bangt die Jugendliche erneut um ihr Leben. Mutter Hilda stirbt unterdessen an einer Seuche. Winter vermittelt ein schockierendes Bild der Massenerschießungen. Beim Besuch des Vernichtungsorts setzen selbst SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann die Erschießungsaktionen zu. Reichsführer Himmler ordnet an, Methoden zu suchen, die die Mordkommandos schonen – die Opfer sind ihm egal.

Angesprochen auf das besondere Verhältnis zwischen Ilse Stein und Willi Schulz, skizzierte Winter ein Forschungsprojekt, an dem er sich beteiligt hat. Darin geht es um Wehrmachtsmitglieder, die die Seite gewechselt und Mitleid entwickelt haben. Es gebe, so ein Ergebnis des Projekts, keine allgemeinen Muster, wie jemand zum Retter werde, vielmehr spielten individuelle Bedingungen eine zentrale Rolle. Winter vermutete, dass der 40-jährige Schulz väterliche Empfindungen für Ilse gehegt habe, zudem außerstande gewesen sei, persönliche Erschütterung über das Menschenverbrechen zu verdrängen. Dass der Oberverwaltungsinspektor trotz Denunziation unbestraft davon kommt, führte der Autor auf den kriegerischen Wendepunkt zurück. Ilse Stein stirbt knapp 70-jährig in Russland an einer Gallensteinoperation. Ihre tief bewegende Geschichte ist auch Gegenstand des Dokumentarfilms "Die Jüdin und der Hauptmann" (1994) von Ulf von Mechow, der am 8. Januar um 19.30 Uhr im Margarete-Bieber-Saal gezeigt wird.

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