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Das Foto der Überwachungskamera zeigt den Einbrecher an der Ladenkasse. Kurz nach diesem Einbruch im »Bubble-Tea«-Laden in der Walltorstraße endet am 9. Dezember 2020 die Einbruchserie, die die Geschäftswelt in der Innenstadt ab Mitte Oktober verärgert hatte.

Einbruchserie

Nebel in Bubble-Tea-Laden beendet Spuk in Gießen

Ein junger Mann, der sich einschlägige Vorstrafen nicht hat als Lehre dienen lassen und die Gießener Innenstadt mit einer Serie von Einbrüchen überzieht, gehört eigentlich für Jahre hinter Gitter. Doch weil der Suchtkranke inzwischen die Wende geschafft hat, ist die Justiz verständnisvoll und unterstützt ihn mit der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.

Gießen - Gleich in drei Friseursalons - zwei in der Bahnhofstraße, einer in der Plocksstraße - wird in einer Oktobernacht im vergangenen Jahr eingebrochen. In den folgenden Wochen bis Mitte Dezember werden in der Innenstadt 17 weitere Einbrüche und Einbruchsversuche registriert, meist mehrere in einer Nacht. Der Täter geht dabei immer nach demselben Schema vor: Er dringt in ein Wohn- und Geschäftsgebäude ein, hebelt mit einem Brecheisen Notausgänge oder Hintertüren auf und sucht dann in dem Geschäft in Kassen und Geldkassetten nach Beute. Mehrfach bricht er auch Tresore aus der Wand und nimmt sie mit. Insgesamt kommen so gut 7000 Euro zusammen.

Dem Spuk ein Ende bereitet erst ein Einbruch am frühen Morgen des 9. Dezember. Denn in einem Bubble-Tea-Laden in der Walltorstraße ist eine Videoüberwachung installiert, die den maskierten Eindringling filmt, Kurz darauf wird der gesamte Verkaufsraum über Fernsteuerung vernebelt. Der Täter flieht mit dem Fahrrad, wird aber kurz darauf in der Steinstraße festgenommen.

Einbrüche im Gießen: Nebel im Verkaufsraum

Schon bei seiner ersten Vernehmung macht der 32-Jährige reinen Tisch und räumt alle Einbrüche ein, erspart der Polizei also viel Ermittlungsarbeit. Er führt die Beamten sogar zu dem Zahngold im Wert von rund 700 Euro, das er in einem Büro in der Marburger Straße erbeutet und in einem Keller in der Schanzenstraße versteckt hatte.

Auch vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Dietrich Claus Becker gestand der Anklagte am Dienstag unumwunden seine Taten, mit denen er damals seinen Drogenkonsum finanziert hatte. »Ich schäme mich dafür, und es tut mir wirklich leid«, versicherte der gelernte Metallbauer,

Das Gericht widmete sich deshalb vor allem der Frage, warum der Angeklagte auf die schiefe Bahn geraten ist und zum Drogenkonsumenten wurde. Auslöser war offenbar der Schlaganfall seines Vaters, mit dem er in Gersfeld lebte. Ein halbes Jahr lang war der damals 14-Jährige auf sich allein gestellt, ehe das Jugendamt eingeschaltet wurde. In dieser Zeit kam es zu ersten Diebstählen, Mit den Jahren folgten weitere Straftaten, zugleich begannen Alkoholmissbrauch und Haschisch-Konsum. 2009 und 2011 wurden erste lange Jugendstrafen verhängt; die Teil-Haftaussetzungen wurde dabei wegen Nichteinhaltung der Bewährungsauflagen jeweils widerrufen.

Nach dem Tod des Vaters 2019 verstärkte sich der Drogenmissbrauch. Regelmäßig konsumierte der Gießener nun auch Marihuana und Kokain. Zur Zeit der Einbruchserie benötigte er zur Finanzierung seiner Sucht nach eigenen Angaben rund 500 bis 600 Euro pro Woche.

Dem psychiatrischen Sachverständigen zufolge hatte der Mann damals sozuzagen enthemmt im Dauerrausch gehandelt. Trotz seiner Cannabis-Abhängigkeit sei aber von keiner Einschränkung der Schuld-- und Steuerungsfähhigkeit auszugehen, erläuterte der Gutachter, der die Einweisung in eine Entziehungsanstalt als Strafe empfahl.

Diese Meinung vertrat auch Staatanwältin Nathalie Dohmen, als sie eine Haftstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten beantragte. Die Alternative, ein Zurückstellen der Haft bis zum Ende des Entzugs, würde zu einem Rückschlag für die bisherige Therapie führen, betonte sie. Dem stimmte Verteidigerin Dagmar Nautscher zu. »Ich möchte nicht mehr in den Knast, da wird nur über Kriminalität gesprochen«, schloss sich ihr Mandant an.

Einbrüche im Gießen: Ehrliche Reue und reiner Tisch

Tatsächlich hatte der 32-Jährige nach seiner Festnahme zunächst zwei Resthaftstrafen abgesessen. die ausgesetzt worden waren. Die folgende Untersuchungshaft wegen der Einbruchserie wurde aber Anfang September ausgesetzt, um ihm den freiwilligen stationären Klinik-Aufenthalt zur Vorbereitung des Entzugs zu ermöglichen. Für den anschließende Aufenthalt in der Forensischen Klinik für Suchtkrankheiten hat er bereits eine Aufnahmezusage.

Mit dem Urteil, zu dem auch die Wiedergutmachtung des finanziellen Schadens gehört, schloss sich das Gericht der Staatsanwaltschaft an. Dabei spielte die günstige Sozialprognose eine große Rolle. Der Angeklagte leistete lange gute Arbeit bei einem heimischen Metallbaubetrieb, der ihn auch wieder einstellen will. Er kümmert sich um seine achtjährige Tochter, versteht sich gut mit deren Mutter und lebt zusammen mit einer Freundin in deren Elternhaus. »Wir haben Ihnen die Reue abgenommen, weil Sie reinen Tisch gemacht und diesen Weg nie verlassen haben«, versicherte Becker in der Urteilsbegründung. So etwas erlebe die Strafjustiz nur sehr selten. Und weiter: »Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Kurve bekommen. Das ist jetzt Ihre letzte Chance!«

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