Im Januar 2018 werden drei Ford Focus vom Hof des Autohauses gestohlen.
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Im Januar 2018 werden drei Ford Focus vom Hof des Autohauses gestohlen.

Autodiebstahl

Anonymer Tipp im Mülleimer: Verbrechen in Gießen nach Jahren vor Gericht

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Im Januar 2018 wird beim Gießener Autohaus Krahn eingebrochen. Die Diebe stehlen drei Autos im Wert von 130 000 Euro. Die Ermittlungen verlaufen im Sande - bis es einen anonymen Tipp gibt.

Irgendwann im Januar 2019 klingelt bei der Polizeidienststelle in Wetzlar nachts das Notruftelefon. Ein anonymer Anrufer erklärt, er wolle ein Verbrechen melden und habe dazu in einem Mülleimer in der Wetzlarer Bahnhofstraße einen Briefumschlag mit Hinweisen hinterlegt. Eine Streife wird in die Fußgängerzone geschickt - und findet das Kuvert. Darin steht: »Ich möchte unerkannt bleiben, weil die Täter meine Familie bedroht haben.« Dann nennt der Verfasser unter anderem zwei Namen und die genaue Lage eines Containers, in dem sich ein gestohlenes Auto befinden soll. Für die Polizei Mittelhessen ein Glücksfall: Denn damit kommt ein Fall wieder ins Rollen, bei dem die Ermittlungen bisher im Sande verlaufen sind: der Diebstahl von drei neuwertigen Ford Focus RS im Wert von rund 130 000 Euro beim Gießener Fahrzeughändler Krahn.

Die Polizei stößt bei ihren Ermittlungen auf zwei Brüder und einen weiteren Mann; ihnen ist am Donnerstag vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Gießen der Prozess gemacht worden. Den deutschen Staatsangehörigen wird schwerer Diebstahl vorgeworfen.

Es ist Sonntag, der 21. Januar 2018. Vier Männer kommen um 1.48 Uhr auf den Hof des Autohauses an der Frankfurter Straße. Sie schlagen die Scheibe der Eingangstür ein und gehen gezielt in einen Raum, in dem sich ein Wandtresor befindet. Nach kurzen Rücksprachen untereinander schaffen sie es, diesen Behälter zu öffnen. Vermutlich kennen sie die Zahlenkombination des Schlosses. Sie nehmen einen dort gelagerten Schlüssel an sich, mit dem sie einen weiteren Tresor öffnen. Darin befinden sich mehrere Fahrzeugschlüssel. Fünf Stück nehmen sie mit; sie gehören alle zur Sportversion des Ford Focus. Nach etwa 40 Minuten fahren sie mit drei dieser Fahrzeuge davon.

Die Polizei beginnt mit den Ermittlungen. Schnell wird klar: Einer der Täter muss sich ausgekannt haben: Die Kamera auf dem Hof war wohl ausgesteckt worden; auch die Alarmanlage schlug nicht an. Die Männer hatten zuerst unter den Tastaturen der Mitarbeiter nach dem Schlüssel für den zweiten Tresor gesucht, bevor sie sich am Wandtresor zu schaffen machten. Im Inneren hielten sie sich die Hand vors Gesicht, wenn sie in der Nähe der zweiten Kamera waren. In einer ersten Tathypothese geht die Polizei wegen des professionellen Vorgehens von einer osteuropäischen Bande aus. Zu dieser Zeit hätten solche Gruppen im Landkreis oft hoch- und neuwertige Fahrzeuge gestohlen, sagt ein Polizist bei seiner Zeugenaussage vor Gericht.

Gießen: Zweites Auto brennt im Wald aus

Ein Jahr vergeht ohne Ermittlungserfolge - bis zum anonymen Schreiben. Die Polizei durchsucht den im Brief genannten Container und findet darin unter anderem eines der drei vermissten Autos. Daraufhin nehmen die Beamten zwei ebenfalls in dem Brief genannte Brüder aus dem Lahn-Dill-Kreis vorübergehend fest; einer von ihnen hatte früher im Autohaus gearbeitet. Die beiden etwa 30 Jahre alten Männer werden nach der Feststellung der Personalien aber wieder laufen gelassen. Der ältere Bruder gibt zu, dass ihm der Container gehört, mit dem Diebstahl habe er aber nichts zu tun. Den Container habe an einen anderen Mann vermietet - den dritten Angeklagten.

Nachdem sie freigelassen werden, meldet ein Jagdpächter in der Nähe von Weilburg ein Feuer in einem Wald: Ein Auto brennt komplett aus. Die Ermittler finden heraus, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen weiteren in Gießen gestohlenen Ford handelt.

Im Prozess weisen die drei Männer die Vorwürfe zurück. Ein Sachverständiger erklärt, im Container seien DNA-Spuren von einem der Brüder und vom dritten Angeklagten gefunden worden. Sie hatten angegeben, früher dort zusammen an Autos geschraubt zu haben. Zudem gebe es eine DNA-Spur eines vierten, nicht angeklagten Mannes. Die Videoaufnahmen sind zwar von guter Qualität, aber die Diebe sind zu identifizieren. Was bleibt, sind Indizien.

Das sieht auch die Staatsanwaltschaft so. Christian Bause fordert in seinem Plädoyer für die zwei Brüder Freispruch - obwohl er sicher ist, dass die beiden Männer irgendwie ihre Finger im Spiel hatten. Dem dritten Mann wirft er Hehlerei vor und fordert eine Geldstrafe. In seiner Urteilsbegründung sagt Richter Jürgen Seichter: »Es gibt Umstände, die für die Schuld der drei Angeklagten sprechen.« Jedoch gebe es keine konkreten Hinweise auf eine Tatbeteiligung und zu viele Fragen. Ergo: Freispruch. Und die drei Männer verlassen gut gelaunt das Gerichtsgebäude.

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