Die Lachfältchen belegen: Prof. Michael Sander ist ein glücklicher Mensch, der gerne lacht. 	FOTO: SCHEPP
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Die Lachfältchen belegen: Prof. Michael Sander ist ein glücklicher Mensch, der gerne lacht. FOTO: SCHEPP

Mensch,Gießen

Gießen als „Fahrschein in ein neues Leben“ - UKGM-Anästhesist Michael Sander erzählt

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Michael Sander ist Chef der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am UKGM. Bei einem Spaziergang spricht er über seine Geschichte und bricht eine Lanze fürs Impfen.

Gießen - Prof. Michael Sander steht an der Ampel vor der Liebigstraße, als er einen alten Bekannten erblickt. Der ältere Herr mit Rauschebart war bis vor gar nicht langer Zeit Anästhesiepfleger. Die beiden Männer führen ein wenig Small-Talk. Zum Abschied sagt Sanders Gesprächspartner: »Ich denke jeden Tag an euch und falte meine Hände.«

Gießen: Sander rät jedem, sich impfen zu lassen

Die Sorge hat einen einfachen Grund: Als Leiter der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am Uniklinikum hat Sander täglich mit Corona zu tun. Seit einiger Zeit ist der Grund zur Besorgnis jedoch kleiner, denn Sander ist bereits geimpft. »Ich fühle mich privilegiert«, sagt der 49-Jährige und schiebt gleich einen Appell an alle Skeptiker hinterher: »Wegen einer vermeidbaren Erkrankung aus dem Leben zu scheiden, ist sehr bitter. Alle, die die Möglichkeit dazu haben, sollten sich impfen lassen.«

Eine halbe Stunde zuvor: Mit einer Mütze der Eisbären Berlin, einer Jacke über dem Kittel und ausgetretenen Vans-Sneakern verlässt Sander das UKGM-Hauptgebäude. Die legere Kleidung passt zur lockeren Art des Mediziners. Da die Besucherregelung am UKGM aufgrund der Pandemie derzeit sehr streng ist, schlägt Sander einen Spaziergang vor. »Wir können uns ja am Bahnhof einen Kaffee holen.« Eine gute Idee. Zumal die dortige Empfangshalle eine besondere Rolle in Sanders Leben spielt.

Gießen: Bahnhof ist „eine Art Heimat“ für Sander

Sander ist in Coburg aufgewachsen. »Beschaulich«, wie er rückblickend sagt. Eine exponierte Stelle hat er schon in seiner Jugend eingenommen, viele Jahre lang war er Klassensprecher. Und wer später Medizin studiert, kann auch nicht der schlechteste Schüler gewesen sein.

Dabei hegte Sander in der Jugend eigentlich einen anderen Berufswunsch. »Ich wollte Physiker werden und habe mir dafür auch schon die Uni in Bayreuth angeschaut.« Sein Zivildienst beim Roten Kreuz prägte den jungen Mann aber so nachhaltig, dass er seine Entscheidung überdachte und anschließend ein Medizinstudium in Erlangen begann. Nicht, um nur Arzt zu werden, wie er betont. »Mir war schon damals klar, dass ich als Arzt unbedingt Anästhesist und Intensivmediziner sein wollte.«

In der Bahnhofshalle angekommen, steuert Sander den Bäcker an und holt sich einen Cappuccino. Er will sich gerade wieder in Richtung Ausgang machen, als er stehenbleibt und sich umdreht. »Das hier«, sagt er und lässt den Arm in Richtung Gleise schweifen, »ist so etwas wie ein Stück Heimat für mich«.

Gießen: Sander verschlägt es nach Trennung ans UKGM

Während seines Studiums hat Sander bei »Gießen« wohl eher an Blumen als an Heimat gedacht. Die hessische Universitätsstadt lag nicht auf seinem Radar, dafür aber die Schweiz und Frankreich, wo er nach dem Studium seine erste berufliche Zeit verbrachte. Dann, 1999, wollte Sanders Ehefrau unbedingt nach Berlin. Also bewarb sich der Mediziner an der Charité - und wurde genommen.

Mit seinem Cappuccino schlendert Sander durch das Klinikviertel. Es ist jetzt sechs Jahre her, dass er erstmals Gießener Boden betreten hat. Ohne die Scheidung wäre es dazu vielleicht nie gekommen. »Wenn man seine Frau jung kennenlernt, entwickeln sich die Leben manchmal in unterschiedliche Richtungen«, sagt Sander über die Trennung nach über 20 Jahren Partnerschaft. Das Kapitel Berlin ist für ihn aber trotzdem nicht abgeschlossen. Denn Sander und seine Exfrau haben eine 14-jährige Tochter. »Ich habe daher meine Berliner Wohnung behalten. Wir sehen uns oft und haben ein tolles Verhältnis.«

Auch mit seiner zweiten, vier Jahre alten Tochter, die mit Sander und seiner neuen Frau in einem Haus in Hausen wohnt, verstehe sich die »Berliner Göre« prima. »Wenn sie uns besuchen kommt, unternehmen wir viel gemeinsam, zum Beispiel Schlittschuhlaufen oder Inlineskaten.«

Gießen: „Fahrschein ins neue Leben“

Die harmonische Familienkonstellation sorgt dafür, dass Sander die Hauptstadt nicht vermisst. Zumal er in Gießen vor fünf Jahren eine herausfordernde, aber auch sehr befriedigende Aufgabe übernommen hat. »Ich weiß noch, wie ich damals das erste Mal mit dem Zug in Gießen angekommen bin. Nachdem ich meine Bewerbungsunterlagen für den Lehrstuhl eingeworfen hatte, bin ich im Seltersweg direkt Spendensammlern des WWF in die Arme gelaufen. Seitdem bin ich Fördermitglied.« Der 49-Jährige muss lachen: »Vielleicht war es ja gut fürs Karma.« Es folgten viele weitere Zugfahrten nach Gießen, bis Sander die Ausschreibung schließlich für sich entscheiden konnte. »So gesehen war der Gießener Bahnhof für mich wie ein Fahrschein in ein neues Leben.«

Seit vergangenem März hat sich der Fokus von Sanders Arbeit verändert. »Um Corona-Patienten intensivmedizinisch betreuen zu können, haben wir die Größe unserer Intensivstation annähernd verdoppelt.« Die Herausforderung dabei sei, Krebs- oder Unfallpatienten während der Pandemie genauso gut versorgen zu können wie vor Corona. Ob das gelingt? »Ja«, betont Sander. Das liege auch daran, dass in der Uniklinik eine große Kollegialität herrsche und alle an einem Strang zögen.

Gießen: Anästhesie ist „keine Arbeit“ für Sander

Die Mittagspause ist vorbei, Sander muss wieder zur Arbeit. »Wobei es das Wort eigentlich nicht trifft.« Was er damit meint? Der Gießener überlegt einen Moment, bevor er von der Beerdigung eines guten Freundes erzählt. Vor einigen Wochen ist der Chef der Anästhesie der Bonner Uniklinik verstorben - ein halbes Jahr nach seinem Renteneintritt. Auf der Trauerfeier habe sein Sohn dann an die Worte seines Vater erinnert, wonach er stets glücklich gewesen sei, weil er in seinem Leben nie hätte arbeiten müssen. »Ich verstehe, was er damit gemeint hat«, sagt Sander.

»Für mich ist es ein Privileg, Anästhesist zu sein und hier am UKGM genau das machen zu können, was ich immer wollte.« Wenn man dann auch noch Gestaltungsmöglichkeiten habe und anderen Menschen helfen könne, sei das keine Arbeit, betont Sander. Sondern? Da muss der 49-Jährige einen Moment überlegen: »Vieles würde jetzt pathetisch klingen. Aber wahrscheinlich ist es einfach nur Glück.«

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