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Ungewöhnliche Perspektive: Blick vom Vorführraum in das leere »Broadway«.

Kinocenter

Gießen: Abriss des Kinocenters – Ein Stück Kinogeschichte

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Die Nachricht von Plänen zum Abriss des Kinocenters hat überrascht. Dass das Lichtspielhaus 1912 gegründet wurde und einst zu den führenden Kinos in Deutschland gehörte, wissen nur wenige.

Das erste Date, knisternde Popcorntüten, der Auslass nach der Spätvorstellung über den schmalen Hofgang - wenn vom Kinocenter die Rede ist, erinnern sich wohl die meisten an persönliche Erlebnisse. »Das Kino ist eine Art modernes Lagerfeuer. Hier treffen sich alle. Wir hatten hier auch schon Heiratsanträge«, erzählt Kinoleiter Martin Otto. Erst neulich habe eine Frau um einen Beitrag für die Hochzeit eines Paares gebeten, das sich im Kinocenter kennengelernt hatte. »Da haben alle Mitarbeiter auf einem Filmplakat unterschrieben«, erzählt er. Seit 2015 als Leiter und in vielen Jahren davor als Mann am Einlass oder im Vorführraum hat Otto einen Teil der Gießener Kinogeschichte miterlebt.

Angefangen hatte die 1912 in der Bahnhofstraße 34, als der Bad Homburger Adam Henrich dort ein Lichtspielhaus mit fast 400 Sitzplätzen im großen Saal eröffnete und sein Unternehmen zum Imperium ausbaute. In der Bahnhofstraße 54 hatte es 1910 bereits einen Vorführraum gegeben: das »Kinematograph«, und in der Plockstraße 12 das »Biograph«, wie Dr. Werner Schmidt, Sammler von Dokumenten aus Gießens Geschichte, berichtet.

Ab 1927 übernahm Otto Geyer die Geschäftsführung des Lichtspielhauses und baute das Haus für bis zu 1000 Sitzplätze um. Geyer hatte Adam Henrich in dessen Bad Homburger Kurgarten-Café kennengelernt und nach Gießen geholt. Unter seiner Leitung erlebte das Lichtspielhaus eine glanzvolle Zeit: Stars wie Hans Moser, Theo Lingen oder Gert Fröbe kamen nach Gießen. 1930 wurde hier der erste Tonfilm gezeigt - unter abenteuerlichen Bedingungen: Weil kurz vor der Premiere ein Verstärker ausgefallen war, wurde eigens per Lufthansa-Sonderflug ein neuer aus Berlin eingeflogen.

Gießen wird zur Kino-Hochburg

»Das war zeitweise das führende Kino Deutschlands«, weiß Krimifestival-Organisator Uwe Lischper zu berichten. Es erlebte immer wieder Premieren bekannter Filme - zeitgleich mit München und Berlin. Mit spektakulären Werbeaktionen machte Geyer Furore. So lief 1932 ein Frankenstein-Double als gruselige Werbefigur durch die Stadt. Riesige Plakate warben für Filme wie »Der Kongress tanzt« mit Lilian Harvey oder »Die drei von der Tankstelle«.

Anschauen konnten sich die Kinobesucher die Filme damals noch in einem Kinosaal für bis zu 1000 Besucher, inklusive Balkon. Die Besucher gingen über rote Teppiche zu ihren Plätzen. Die Mahagoni-Sitze waren mit rotem Samt überzogen.

Das »Wirtschaftswunder« sorgte auch beim Lichtspielhaus, das den Krieg unbeschadet überstanden hatte, für volle Kassen. Neue Spielstätten wurden eingeweiht: 1935 der »Gloria-Palast« im Seltersweg und 1955 das »Luxor« in der Walltorstraße. Beide wurden 1975 geschlossen. Da gab es aber schon seit 1958 das »Heli« in der Frankfurter Straße und seit 1951 das »Roxy« in der Grünberger Straße - auch die sind mittlerweile Geschichte.

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Zahlreiche Umbauten vorgenommen

Das Kinocenter hat sich stets behaupten können. Karl-Heinz Geyer, der in den 1950er Jahren in die Fußstapfen seines Vaters trat und bis in die 1970er Jahre die Geschäftsführung übernahm, hat seinen Fundus an Fotografien dem Stadtarchiv übergeben. Ihm, der später als Zahnarzt in Buseck praktizierte, ist es zu verdanken, dass diese Jahre noch so gut dokumentiert sind.

Mitte der Siebzigerjahre übernahm Wolfgang Theile den Betrieb. Aus dem Lichtspielhaus wurde das Kinocenter und es wurde in den Achtzigerjahren stark umgebaut. Aufgeteilt in vier Kinos mit »Wohnzimmeratmosphäre« entsprach es dem Trend nach mehr Vielfalt des Filmangebots. »Der Charme der Kleinstkinos hält sich in Grenzen und es muss sich zeigen, ob sie sich nach der Eröffnung des Kinopolis 2013 langfristig halten können«, unkte Autor Volker Kratzenberg in seiner Schrift über die Gießener Kinos. Aber auch Theiles Sohn Gregory, der mit der Kinopolis/Theile GmbH seit 2013 auch das Kinopolis am Berliner Platz betreibt, blieb beim Bekenntnis zum Standort und investierte. Die Kinosäle »Manhattan«, »Broadway«, Casablanca« und »Graffiti« wurden modernisiert und digitalisiert und das Foyer neu gestaltet. Bis dahin hatte noch hinter schalldichten Glasscheiben ein Projektor, durch den 35-Millimeter-Zelluloid lief, gerattert. Der Job des Filmvorführers war durchaus kräftezehrend: rund 20 Kilo wog ein Film, für Vorstellungen im Broadway mussten die Abschnitte, sogenannte »Akte«, sogar ein Stück über das Dach in den Vorführraum gebracht und dort zusammengeklebt werden, erinnert sich die frühere Theaterleiterin Manuela Scharmann.

Kinocenter punktet als Programmkino

Das Kinocenter, das weniger Charme als »Roxy« oder »Heli« versprühte und entsprechend weniger studentisches Publikum angezogen hatte, hat sich in den letzten Jahren zum Programmkino gewandelt. Filmreihen wie »Psychoanalyse und Film« oder das »Cinéfête-Festival« zogen neues Publikum an. Und auch Stars waren wieder zu Gast: 2018 etwa Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und Schauspieler Tom Schilling mit »Das Leben der Anderen«. Für sein Angebot mit Filmgesprächen, Festivals wie der »Seriale« oder Sonderaktionen und Kooperationsveranstaltungen wurde das Kinocenter noch 2020 von der Staatsministerin für Kultur und Medien für sein kulturell herausragendes Jahresfilmprogramm ausgezeichnet. Sollte dieses Programm eines Tages nicht mehr im Kinocenter gezeigt werden können, hat Theile bereits angekündigt, es »bestmöglich in den Spielplan des Kinopolis zu integrieren.«

Das Kinocenter in Gießen.

Ganz persönliche Kinoerlebnisse

Was sind wir als Buben nachmittags ins Kino gestürmt, um in schwarz-weiß Edgar-Wallace-Filme zu sehen, farbige Western sowie, um Gänsehaut zu bekommen, Gruselfilme wie »Die Stunde, wenn Dracula kommt« oder »Geheimnis vom Schloss von Monte Christo«. Dieses Kino gehörte zu meiner Jugend. Später war ich mit den Enkelkindern drin. Christoph Westrupp

Ich konnte mehrmals die Atmosphäre genießen. Als Berliner war ich sehr beeindruckt, dass Gießen so was zu bieten hat. Harry Olschok-Hofmann

Orte wie das Kinocenter liefern einen wichtigen Beitrag zur Kulturlandschaft. Wenn es abgerissen wird, verliert Gießen nicht nur ein Kino. Federico Jake

Als Medizinstudent habe ich nach einem frustrierenden Tag einen Abend mit meinem Freund Bud im Kinocenter verbracht. Gezeigt wurde »Rocky Horror Picture Show«, mit Reis und allem drum und dran. Da war ich angefixt. Später, als ich längst nahe Dietz wohnte, sind wir noch immer regelmäßig zur Sneak Preview ins Heli gefahren. Benedikt Ernst

Dort fand mein erster Kinobesuch statt. »Aristocats«. Ich fand das Kino riesengroß, damals. Verena Haun

Im Sommer 2014 habe ich »Monsieur Claude und seine Töchter« im traumhaften »Traumstern« gesehen. Alleine. »Den Film müssen wir zusammen ansehen«, beschwor ich zwei Tage darauf die Liebste. Der Haken: Im »Traumstern« lief er nicht mehr, wir mussten auf das Kino-Center ausweichen. Keine gute Wahl, wie sich herausstellte: Um uns herum Popcorn knuspernde und plappernde Menschen. Da habe ich bessere Erinnerungen an meinen ersten Kinofilm überhaupt. »Bernhard & Bianca, die Mäusepolizei«. Auch im Kino-Center. Als Schüler. Anno 1977. Thorsten Winter

Im Kinocenter wurde meine Leidenschaft für das Kino geboren. Timo Brück

Das Nostalgie-Potenzial des »Lichtspielhauses« hält sich bei mir in Grenzen. Lichtspielhaus« bei mir nur in Ausnahmefällen punkten; etwa wenn dort ein Arthouse-Streifen länger als anderswo auf dem Spielplan stand. Norbert Schmidt

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Besuch erinnern. Ich war 13. »Die blaue Lagune« war’s, ein Teenager-Liebesfilm mit viel nackter Haut. Mit meiner Freundin Bettina war ich drin, ohne dass es die Eltern wissen sollten. Was waren wir stolz, als wir uns auf den Heimweg machten! Karola Schepp

Was sind wir als Buben nachmittags ins Kino gestürmt, um in schwarz-weiß Edgar-Wallace-Filme zu sehen, farbige Western sowie, um Gänsehaut zu bekommen, Gruselfilme wie »Die Stunde, wenn Dracula kommt« oder »Geheimnis vom Schloss von Monte Christo«. Dieses Kino gehörte zu meiner Jugend. Später war ich mit den Enkelkindern drin. Christoph Westrupp

Ich konnte mehrmals die Atmosphäre genießen. Als Berliner war ich sehr beeindruckt, dass Gießen so was zu bieten hat. Harry Olschok-Hofmann

Orte wie das Kinocenter liefern einen wichtigen Beitrag zur Kulturlandschaft. Wenn es abgerissen wird, verliert Gießen nicht nur ein Kino. Federico Jake

Als Medizinstudent habe ich nach einem frustrierenden Tag einen Abend mit meinem Freund Bud im Kinocenter verbracht. Gezeigt wurde »Rocky Horror Picture Show«, mit Reis und allem drum und dran. Da war ich angefixt. Später, als ich längst nahe Dietz wohnte, sind wir noch immer regelmäßig zur Sneak Preview ins Heli gefahren. Benedikt Ernst

Dort fand mein erster Kinobesuch statt. »Aristocats«. Ich fand das Kino riesengroß, damals. Verena Haun

Im Sommer 2014 habe ich »Monsieur Claude und seine Töchter« im traumhaften »Traumstern« gesehen. Alleine. »Den Film müssen wir zusammen ansehen«, beschwor ich zwei Tage darauf die Liebste. Der Haken: Im »Traumstern« lief er nicht mehr, wir mussten auf das Kino-Center ausweichen. Keine gute Wahl, wie sich herausstellte: Um uns herum Popcorn knuspernde und plappernde Menschen. Da habe ich bessere Erinnerungen an meinen ersten Kinofilm überhaupt. »Bernhard & Bianca, die Mäusepolizei«. Auch im Kino-Center. Als Schüler. Anno 1977. Thorsten Winter

Im Kinocenter wurde meine Leidenschaft für das Kino geboren. Timo Brück

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Ich kann mich noch gut an meinen ersten Besuch erinnern. Ich war 13. »Die blaue Lagune« war’s. Mit meiner Freundin Bettina war ich drin, ohne dass es die Eltern wissen sollten. Was waren wir stolz, als wir uns auf den Heimweg machten. Karola Schepp

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