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Ein strukturelles Problem

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Von: Karola Schepp

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Nicole Seifert © Red

Gießen (gl). Die Anzahl der Autorinnen ist zwar groß. Doch werden ihnen meist nur der Bereich der Genre- und Unterhaltungsliteratur oder Kinder- und Jugendbuch zugeschrieben. Im Kanon der »Höhenkammliteratur«, also der in Schule und Wissenschaft als hochstehend angesehenen Literatur, sind sie in Verlagen und Feuilleton unterrepräsentiert. Literatur von Frauen steht unter Kitschverdacht, wird »abgewertet, vergessen, wiederentdeckt«, wie der Untertitel zu Nicole Seiferts Buch »Frauen Literatur« deutlich macht.

Mit dem war die Literatur-Bloggerin im ausverkauften Levi-Saal zu Gast - passend zum Internationalen Frauentag und auf Einladung von Literarischem Zentrum und dem Büro für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der Universität. Moderatorin Nadyne Stritzke, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der JLU, betonte denn, wie »perfekt« die Lesung zum Frauentag passe, der in diesem Jahr besonders grundsätzliche Fragen zu Diskriminierung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit stelle. Dabei sei die »kathartische Kraft der Literatur« nicht zu unterschätzen.

JLU-Vizepräsidentin Katharina Lorenz erinnerte noch einmal an die Meilensteine in der Frauengeschichte: die Einführung des Frauenwahlrechts 1918 sowie die im Grundgesetz 1949 festgeschriebene Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Erweiterung dieses Paragraphen 1994.

Doch dass es noch viel zu tun gibt, bis Frauen und Männer gleiche Chancen haben, zeigte im Folgenden Nicole Seifert anhand ihres Buches »Frauen Literatur«, das sie mit einer Mischung aus Datenbankrecherche, Erlebnisbericht und flammender Rede nicht »für Expertinnen geschrieben hat«, so Stritzke.

Nicole Seifert hat unter anderem Verlagskataloge ausgewertet. Dabei habe sich gezeigt, dass in den literarischen Programmen der Verlage 50 Prozent mehr Bücher von Männern als von Frauen erschienen. Auch in den Feuilletons und bei Buchpreisen seien Autorinnen unterrepräsentiert. Zudem würden Bücher von Frauen häufiger als günstiges Taschenbuch herausgegeben - wobei der Anteil am Ladenpreis für das Honorar eine entscheidende Rolle spielt.

Literaturkanon und Machtstruktur

»Es gibt kein Genre, das Frauen besser oder schlechter beherrschen« betonte Seifert, die der Begriff »Frauenliteratur« so sehr stört, dass sie in ihrem Buchtitel die Begriffe voneinander trennt und das Wort Frauen durchgestrichen hat. Aber es gebe den »erfahrungsbedingt spezifisch weiblichen Blick« und im weiblichen Schreiben immer wieder das Motiv, dass eine Frau »zum Verstummen gebracht wird«.

»Nicht einmal die Zusammenhänge von Literaturkanon und Machtstrukturen sind bewusst«, kritisiert Seifert. »Das ist ein strukturelles Problem.« Sie bedauert, dass wir schon seit Schulzeiten lernen, dass Literarisches Männerdomäne sei. Seifert fordert daher nicht nur mehr Autorinnen als Schullektüre, sondern auch eine Frauenquote bei der Vergabe von Stipendien und Zuschüssen sowie Fördergeldern für Verlage unter den Gesichtspunkten Parität, Biodiversität und »autor*innenfreundliches Vertragsverhalten« - auch um Frauen die Vereinbarkeit von Schriftstellerinnentum und Familie zu ermöglichen. Auch ein gemeinsames Aufstellen gerechter Vergütungsregeln mahnt sie an und macht deutlich, dass es kein Geheimnis sei, »dass Männer in Machtpositionen Autorinnen damit gedroht haben, sie in ihrer Sendung nie wieder zu besprechen oder sie nie wieder in ihrem Literaturhaus auftreten zu lassen«. Es gelte, den »sich selbst erhaltenden Kreislauf« zu durchbrechen.

FOTO: NAGEL

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