Bernd Passinger gehört mit seinem Copy-Shop längst zum Inventar des Klinikviertels.
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Bernd Passinger gehört mit seinem Copy-Shop längst zum Inventar des Klinikviertels.

Ein Original unter Kopien

„Notdienst“ im Copy-Shop in der Ludwigstraße: Der Retter vieler Studenten in Gießen

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Bernd Passinger hat mit seinem Copy-Shop an der Ludwigstraße schon einigen Studenten den Allerwertesten gerettet. Hätte der 55-Jährige selbst studiert, er hätte wohl das Fach Geschichte gewählt.

Gießen – Mit einer Kippe in der Hand steht Bernd Passinger vor seinem Copy-Shop. Eine Szene, die viele Menschen kennen, die regelmäßig die Ecke Ludwigstraße/Liebigstraße passieren. Der 55-Jährige gehört schon längst zum Inventar des Viertels. Bereits seit 1997 können hier Studenten ihre Doktorarbeit binden lassen, Gastwirte Speisenkarten in Auftrag geben und Partyveranstalter ihre Flyer ausdrucken.

Momentan sind Passingers Dienste allerdings weniger gefragt. Wegen der Pandemie sind Kneipen und Feste tabu, und auch die Studenten haben wegen der digitalen Vorlesungen weniger auszudrucken als sonst. »Nach Corona kommt das hoffentlich wieder«, sagt Passinger, der seinen Copy-Shop trotz den Infektionsgeschehens öffnen darf. »Wir gelten als systemrelevant«, sagt der 55-Jährige. Es gibt mit Sicherheit einige Studenten, die dem beipflichten werden.

Copy-Shop in der Ludwigstraße: Seit 1997 Anlaufstelle für Kopien und Ausdrucke in Gießen

Passinger ist in Gießen geboren. »Da oben in der Klinikstraße«, sagt er und blickt die Ludwigstraße hinauf. Aufgewachsen ist er zusammen mit Bruder, Schwester und den Eltern in Odenhausen. »Meine Vater war Beamter bei der Bahn, meine Mutter hat sich um den Haushalt gekümmert.«

Nach der Schule entschied sich Passinger für eine Kaufmannsausbildung beim Farbenfachhandel Engel und Jung. Eine gute Wahl, auch wenn sein Weg später in eine andere Richtung gehen sollte. »Ich habe damals viel gelernt. Lkw fahren, Lagerarbeit, außerdem hatte man sowohl mit Großkunden als auch mit Privatkunden zu tun.« Nach der Ausbildung blieb er noch ein Jahr in Lollar, bevor er zu einem Farbenfachhändler nach Gießen wechselte. Doch schon bald hatte der Chef für Passinger keine Arbeit mehr. Er wurde arbeitslos. »Ich habe dann angefangen, mir in Copy-Shops etwas dazuzuverdienen«, sagt Passinger. Mit der Zeit habe er sich hochgearbeitet. Als es dann eines Tages zum Zerwürfnis mit seinem damaligen Chef kam, entschloss sich Passinger, einen eigenen Laden aufzumachen. An der Ecke Ludwigstraße/Liebigstraße wurde er fündig.

Seit 1997 ist Passinger nun schon erste Anlaufstelle für Gießener, die eine Kopie oder Ausdrucke benötigen. Anfangs führte er das Geschäft noch mit einem Geschäftspartner, seit dessen Tod ist er alleine für das Wohl und Wehe des Betriebs verantwortlich. Man merkt Passinger an, dass der Copy-Shop führ ihn mehr ist als eine Gelegenheit, um Geld zu verdienen. »Ich bin eigentlich immer hier, auch wenn meine Mitarbeiterin Dienst hat«, sagt Passinger. Und mitunter helfe er seinen Kunden auch schon mal über das übliche Maß hinaus. Manchmal müsse man in die Rolle des Psychiaters schlüpfen und den Studenten gut zureden, damit sie, wenn auf einmal die Formatierung durcheinander geraten ist, keinen Nervenzusammenbruch kriegen.

Der Gießener schmunzelt, wenn er an den jungen Mann zurückdenkt, der mit dem Taxi angebraust kam und seine Abschlussarbeit binden lassen wollte. »Es war im letzten Moment, er musste kurz danach abgeben und war sehr nervös«, erinnert sich Passinger. Doch dann sei das Taxi nicht wieder aufgetaucht, und so fuhr der Copy-Shop-Besitzer seinen Kunden kurzerhand selbst zum Hochschulrechenzentrum. Zu Passingers Arbeitsauffassung gehört, dass er Stammkunden bei wichtigen Projekten auch an eigentlichen Ruhetagen die Tür öffnen. »Diesen Sonntag habe ich wieder so einen Notdienst.«

Ludwigstraße Gießen: Bernd Passingers Leidenschaft für Spielsachen ist im Copy-Shop zu sehen

Dieser Service führt dazu, dass viele Studenten dem kleinen Laden die Treue halten, auch wenn sie ihren Abschluss längst in der Tasche haben. Passinger erzählt, dass er einige Aufträge großer Firmen der Tatsache zu verdanken habe, dass dort Menschen das Sagen hätten, die einst ihre Diplomarbeit in seinem Copy-Shop drucken lassen haben. »Ich habe auch den ein oder anderen Kunden, der gar nicht mehr in Gießen wohnt und trotzdem seine Arbeiten hier machen lässt.« Passinger geht in seiner Arbeit auf. Das liegt auch daran, dass er weder verheiratet ist noch Kinder hat. »Das hat nicht geklappt«, sagt er und fügt schulterzuckend hinzu: »Pech gehabt.« Unglücklich wirkt er deswegen aber nicht, was vor allem an der guten Verbindung zu seiner Familie und den vielen Freunden liegt. »Ohne ihre Unterstüzung würde ich das alles gar nicht schaffen.«

Dass seine Arbeit mehr als Broterwerb ist, sieht man dem Laden auch an. »Ich wollte hier mein eigenes Leben einbringen«, sagt der 55-Jährige und erklärt damit die vielen Blechautos in den Schaufenstern. Die Leidenschaft für Spielsachen hat seine Jugend überdauert. »In meinem Haus habe ich dreieinhalb Zimmer voll damit«, sagt Passinger schmunzelnd. Auch aufwendige Lego-Konstruktionen und Modelbauten sorgen dafür, dass nicht nur Kinder sich die Nase an den Schaufenstern des Copy-Shops plattdrücken.

Gießener Copy-Shop-Betrieber Bernd Passinger: „Das hier ist mein Leben“

Was aber vor allem auffällt, sind die vielen historischen Fotos und Postkarten, zum Beispiel vom Alten Gießener Flughafen, die Passinger in seinem Laden ausgestellt hat. »Geschichte war das einzige Fach in der Schule, in dem ich richtig gut war«, sagt der 55-Jährige und erklärt somit seine Leidenschaft für alles Historische. Ihn interessiert natürlich alles rund um das alte Gießen, er hat aber auch ein Faible für Tschechien - schließlich stammen seine Eltern aus dem Sudetenland.

Passinger ist rund um die Oderquelle kein unbekannter Name. Auch heute nicht. »Der Bürgermeister aus dem Nachbardorf meines Vaters ist ein Passinger«, sagt Passinger. Er kennt noch viele weitere Vorfahren und ihre Verwurzelungen, da er sich in den vergangenen Jahren intensiv mit Ahnenforschung beschäftigt hat. Bei seinen regelmäßigen Besuchen in der Heimat seiner Eltern begibt sich Passinger auch auf die Suche nach Spuren von abgestürzten Kriegsflugzeugen. »Ab und zu findet man auch noch kleine Überreste, zum Beispiel von einer Messerschmitt«, sagt Passinger. Mitnehmen würde er die Relikte jedoch nicht. »Das ist gegen die Ehre.«

Mit seinem Wissen über die Zeit des Zweiten Weltkriegs könnte Passinger selbst eine Bachelor-Arbeit füllen. Doch das überlässt er lieber den Studenten. Er kümmert sich darum, dass die Werke eine angemessene Bindung erhalten. »Das mache ich gerne«, sagt Passinger und blickt lächelnd in seinen Laden. »Das hier ist mein Leben.«

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