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Für die meisten der über 250 000 Bewohner des Landkreises Gießen wird das wohl der wichtigste Termin des Jahres: Die Impfung im Heuchelheimer Zentrum.

Ein Monat der Extreme

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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2020 ist Geschichte, die Corona-Pandemie ist es nicht. Im Januar steigen die Infektionszahlen zunächst weiter, aber ab der Monatsmitte zeigt der Lockdown endlich eine Wirkung. Lockerungen indes sind nicht in Sicht, denn die Trendwende wird von hochinfektiösen Virusmutationen bedroht. Teil zehn der Gießener Corona-Chronik.

Sonntag, 1. Januar: Nach einer Silvesternacht mit Ausgangssperre und Feuerwerkverbot spricht die Polizei von einer »sehr ruhigen Angelegenheit«. Der Landkreis ist mit einer Inzidenz von 272 »tiefschwarz«, über 100 Patienten werden am Uniklinikum wegen Covid-19 behandelt.

Mittwoch, 6. Januar: Es ein bizarrer Aufzug: In weißem Schutzanzügen zieht ein Grüppchen sogenannter Querdenker am frühen Abend durch die Fußgängerzone und die noch geöffneten Läden und verbreitet absurde und geschichtsvergessene Thesen wie die, dass Kritiker der Corona-Politik »ins Lager« geschickt werden. Angemeldet bei der Versammlungsbehörde ist die Demonstration nicht.

Eine Studie geht für 2021 von einer Verfünfachung der Scheidungen aus. Grund: Corona und seine Begleiterscheinungen. Paartherapeutin Ulrike Vordemfelde rät dringend: »Bloß nicht auch noch in dieser Krise trennen.«

Donnerstag, 7. Januar: 112 Gießener sind im Dezember gestorben: fast doppelt so viele wie in den Vorjahren und erheblich mehr als in den Monaten November und Oktober. Unimediziner Prof. Holger Nef sieht einen direkten und in- direkten Zusammenhang zu Corona: »Die Verdopplung der Todesrate beunruhigt, da dies einmal mehr zeigt, dass neben den Todesfällen durch Covid wahrscheinlich auch die Herzinfarkte zugenommen haben. Man darf die Warnsignale nicht ignorieren.«

Freitag, 8. Januar: Vor 75 Jahren erschien die erste Ausgabe der Gießener Allgemeinen, die damals Freie Presse hieß. Dieses Jubiläum hat zwar nichts mit Corona zu tun, es erinnert aber an Zeiten, in denen die Widrigkeiten des Alltags noch weitaus größer waren als die aktuellen.

Samstag, 9. Januar: Vielleicht wird diese Ausgabe die erschütterndste des ganzen Jahres bleiben. Die Todesanzeigen und Danksagungen erstrecken sich über sechseinhalb Seiten und sagen auch etwas aus über die sogenannte Übersterblichkeit in der Corona-Pandemie, vor allem unter den Älteren. In Leipzig twittert der stellvertretende Chefredakteur der Volkszeitung Mitte Januar Screenshots aus seinem Blatt und schreibt: »Sechs Seiten Todesanzeigen. Üblich sind drei, maximal vier; noch Fragen?« Im Landkreis Gießen sterben in der ersten Januar-Woche fast 60 Menschen an oder mit der Lungenseuche.

Montag, 11. Januar: Das ist keine Überraschung: Bei den Wünschen des Jahres für 2021 steht »coronafrei« ganz oben. Dagegen ging die Wahl der Ereignisse des Jahres 2020 durchaus überraschend aus. Die Rettung von Karstadt und die Sanierung der Alten Post waren den Lesern wichtiger als der erste Corona-Lockdown.

Mittwoch, 13. Januar: Ist der Wahlkampf genau die richtige oder absolut die falsche Zeit, um über tatsächliche oder vermeintliche Fehler beim Management der Corona-Pandemie zu streiten? In der Kreispolitik geht es jedenfalls hoch her, nachdem die CDU den SPD-geführten Kreisausschuss für die Ausbrüche in den Seniorenheimen und Probleme mit der digitalen Lernplattform in den Schulen verantwortlich macht.

Samstag, 16. Januar: Im Frühjahr waren die »Helden des Alltags«, jetzt stehen die Altenpfleger/innen am Pranger, weil die Zahl der Impfskeptiker unter ihnen relativ hoch ist und es immer wieder zu Ausbrüchen in den Heimen kommt. Im Interview verteidigt AWO-Chef Jens Dapper seine Mitarbeiter: »Gestern noch die Helden der Pandemie. Heute die Berufsgruppe, die zwangsgetestet, zwangsgeimpft und unangekündigt möglichst täglich überwacht werden soll. Das macht mich betroffen. Es ist unerträglich, was meine Mitarbeiter jetzt aushalten müssen.«

Sonntag, 17. Januar: Das war zu erwarten: Mit dem Schnee, der bis in die Niederungen fällt, wird der Schiffenberg zum Anziehungspunkt für Familien. Am Nachmittag wird die Zufahrt gesperrt, weil sich angeblich über 1000 Leute im Bereich des Rodelhangs aufhalten. Mit Lautsprecherdurchsagen bittet die Polizei die Menschen darum, sich zu zerstreuen.

Langsamer Abstieg vom Infektionsgipfel: Zum fünften Mal in Folge liegt die Inzidenz unter 200, der Landkreis Gießen verlässt die Warnstufe »Schwarz«. Die Verschärfungen mit der 15-Kilometer-Ausflugs- und der nächtlichen Ausgangssperre werden hinfällig.

Dienstag, 19. Januar: Das vorerst für ganz Mittelhessen zuständige Impfzentrum in Heuchelheim wird eröffnet. Fast 500 Menschen erhalten am ersten Tag den ersehnten »Pieks«. »Bald kann ich meinen Enkel wieder umarmen«, freut sich eine geimpfte Seniorin.

Nicht nur die Lollarer sind geschockt. Udo Weimer, Unternehmerpersönlichkeit, Reitsport-Förderer und Oberkarnevalist aus Ruttershausen, stirbt mit nur 66 Jahren an den Folgen einer Corona-Infektion.

Mittwoch, 20. Januar: Auch im zweiten Lockdown gibt es die sogenannten Corona-Partys. In Wieseck hebt die Polizei in einem Keller unter einem Kiosk eine feuchtfröhliche Runde auf. Dem Betreiber und seinen Gästen drohen saftige Geldbußen.

Freitag, 22. Januar: Ministerpräsident Volker Bouffier besucht das Impfzentrum in Heuchelheim und verspricht: »Wir werden pausenlos impfen.« Wenn denn genug Impfstoff da ist und das Buchungssystem schnurrt.

Der Landkreis beantwortet Fragen zu den Mutationen: Bislang gab es im Kreisgebiet nur einen Verdachtsfall durch einen Durchreisenden. Der Januar wird noch geradeso mutationsfrei bleiben. Die erste Gießener Infektion wird am 1. Februar gemeldet.

Samstag, 23. Januar: Hallensprecher und DJs machen Stimmung, obwohl keine Zuschauer da sind. Die Vorgaben der Basketball-Bundesliga für die Heimspiele der Gießen 46ers muten skurril an. Der Gießener Hallensprecher Carsten Schäfer zu seiner Arbeit: »Es ist absolut ungewöhnlich, diesem Job in einer leeren Halle nachzugehen.«

Rechtsmediziner Prof. Reinhard Dettmeyer obduziert auch Corona-Opfer und sieht, was das Virus in den Körpern anrichtet: »Die Lungenschäden sind beängstigend«, sagt er im Interview.

Die verschärften Lockdown-Bestimmungen gelten ab heute. FFP2-Masken sind in den noch offenen Geschäften und dem Nahverkehr Pflicht.

Dienstag, 26. Januar: Zu hastig entwickelt, heftige Nebenwirkungen und Vergleiche mit der Schweinegrippe: Eine Gruppe von Corona-Leugnern verteilt in Kleinlinden impfkritische Flugblätter und verun-sichert Senioren. JLU-Virologe Friedemann Weber macht den Faktencheck. Sein Urteil: »Unhaltbare Falschausssagen und Desinformation.«

Donnerstag, 28. Januar: Der Landkreis zieht Bilanz der ersten Impfwoche im Heuchelheimer Zentrum. Geimpft wurden 3635 Personen, möglich wären rund 10 000 gewesen, aber es gibt noch zu wenig Impfstoff. Wichtige und gute Nachricht: Akute körperliche Reaktionen werden im Impfzentrum bei »Impflingen« nicht beobachtet.

Freitag, 29. Januar: Hoffnungsvolles aus der Nachbarschaft: Das Regierungspräsidium Gießen erteilt dem Pharmaunternehmen Biontech die Betriebserlaubnis für die Produktion von Impfstoff in einem reaktivierten Werk in Marburg.

Studierende von THM und JLU üben harsche Kritik an den Präsenzprüfungen zum Ende des Semesters. Die Hochschulleitungen ordern Tausende FFP2-Masken für die Prüflinge. Erst im kommenden Winter-semester 21/22 rechnen die Hochschulen mit normalen Vorlesungsbetrieb.

Samstag, 30 Januar: Der Monat endet mit einer ernüchternden Aussage von JLU-Virologe Prof. John Ziebuhr: »Wir müssen uns Sorgen machen, weil diese Mutationen dazu beitragen werden, dass die Infektionszahlen relativ schnell wieder ansteigen können. Daher müssen wir weiterhin mindestens die gleichen, wenn nicht sogar verschärfte Maßnahmen ergreifen, um die Zahl der Kontakte auf ein Mindestmaß zu reduzieren.« Die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt weiter auf »nur« noch 76,8 in Stadt und Kreis Gießen.

Auch Natalie Brenneyan-Steidl resigniert nicht, sondern hilft sich und ihren Kunden. Das sind Mütter, Väter und Babys, die bei »Anna & Ich« in der digitalen Krabbelgruppe zusammenkommen. »Familien sind im ersten Jahr ohnehin im Ausnahmezustand - und durch Corona nun doppelt«, sagt die Kursleiterin.

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