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Ein Leuchtturmprojekt

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Die Erwartungen an den in der Feuerwache Steinstraße geplanten Kultur- gewerbehof sind riesig. Wie groß aber auch die Unterstützung für das Leuchtturmprojekt ist, wurde bei einer Talkrunde deutlich - live gestreamt auf dem Youtube-Kanal der Stadt und von Zuschauern am PC und mit vorab eingeholten Statements prominenter Gießener rege kommentiert.

In Gießen ist mehr los als in Frankfurt«, fasste am Ende der Talkrunde zum geplanten Kulturgewerbehof Moderatorin Danielle Baumeister zusammen. Und auch wenn das ein subjektiver Eindruck sein mag, so zeigte es doch, dass in Gießen ungewöhnlich viele Kulturmacher und Kreative, kulturell und sozial engagierte Gruppen, Start-ups und Menschen mit kreativen Ideen am Start sind. Doch Räume, in denen sie die verwirklichen können, fehlen. Der von Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz als »Herzensangelegenheit« unterstützte Kulturgewerbehof, der in der Feuerwache in der Steinstraße vorgesehen ist, soll Abhilfe schaffen.

Wie dringend der gebraucht wird, aber auch welche Erwartungen damit verbunden sind, wurde bei einer live gestreamten Talkrunde in der Stadtbibliothek deutlich. Auf dem Podium diskutierten mit der Oberbürgermeisterin die Stadtplanerin Prof. Isabel Maria Finkenberger (Autorin einer Machbarkeitsstudie zum Kulturgewerbehof), Kai Krieger vom heimischen Künstlerkollektiv 3Steps sowie Jan Buck von der Genossenschaft Raumstation35390, die nicht nur wichtige Vorarbeit zur Machbarkeitsstudie geleistet hat, sondern auch für die Besetzung des Kulturgewerbehofs verantwortlich sein soll. »Es gibt viel kreatives Potenzial in der Stadt, aber der Schatz wird noch nicht gehoben«, monierte Buck. »Hier brennt seit Langem der Baum«, denn von Kreativen nutzbarer und bezahlbarer Raum werde immer knapper. Im Kulturgewerbehof könnte, in einem mit den Gießenern im offenen Prozess zu entwickelnden Konzept, ein Raum entstehen, in dem Ideen branchenübergreifend ausgetauscht werden. »Ein Profit für die Stadt«.

Wie dieser »Katalysator für die Post-Corona-Stadt Gießen« aussehen könnte, skizzierte Stadtplanerin Isabel Finkenberger kurz (siehe Kasten).

»Es wird sicher nicht alles einfach und glatt gehen«, ahnte die Oberbürgermeisterin mit Hinblick auf die Entscheidungsfindung für den »Gießener Weg«, vertraut aber auf den weiterhin »langen Atem« der Szene, bis wohl 2023/24 der Kulturgewerbehof tatsächlich öffnen kann. Ihr sei es wichtig, »dass man soziale Themen nicht gegen kulturelle ausspielt«, betonte die OB im Hinblick auf Kommentare zur Machbarkeitsstudie, wonach Räume für Obdachlose oder bezahlbarer Wohnraum wichtiger seien. Grabe-Bolz machte aber auch deutlich, dass der Kulturgewerbehof, als »Ort der Begegnung und der künstlerischen Produktion« ein Ort der »Kultur für alle« sein müsse »und nicht nur für die hippe Szene«. Sie werde sich starkmachen dafür, »dass wir noch in diesem Jahr einen Projektbeschluss bekommen«, vorausgesetzt es funktioniere mit der Trägerschaft.

Jetzt geht es um das Machen

Kai Krieger, als Künstler mit eigenem Atelier nicht auf Raum im Kulturgewerbehof angewiesen, machte deutlich, welchen Leuchtturmeffekt der geplante Kulturgewerbehof für die Stadt haben kann. »Jedes Gespräch, das man führen kann, ist der beste Input, den man bekommen kann«. Das erlebten er und seine Künstlerkollegen derzeit etwa im TIG. Gießen brauche eine Sammelstelle für Kreative, einen Ort zum Austausch, aber auch zum Vernetzen und für Kooperationen, gerade auch für Kreative, die noch keine eigenen Räume haben. Der Kulturgewerbehof als »Superkatalysator« sei da längst überfällig. Menschen, die kreativ sind, bräuchten den urbanen Raum und nichts am Rand der Stadt, sondern mittendrin. »Was hier passiert, ist etwas Besonderes«, bekomme er von internationalen Street-Artists beim »River Tales«-Festival gespiegelt.

Wer in den Kulturgewerbehof einziehen wird, wie lange die Räume jeweils genutzt werden können (auch projektbezogen oder stundenweise), wie die Betreiberstruktur aussehen wird - all das ist noch nicht entschieden, sondern soll in den nächsten Monaten in einem für alle offenen Prozess entwickelt werden. Dass die Bandbreite der Mieter breit sein wird, ist aber schon klar. Die Palette kann reichen von Yoga-Kurs-Anbietern über Start-ups, Werbeagenturen, soziale Institutionen, FH-Studenten als Computerspielentwickler bis zu Künstlern, die Atelierfläche brauchen. Damit könnte der Kulturgewerbehof »ein Knotenpunkt werden, an dem Grenzen überwunden werden, die sonst bestehen«, wie Buck formuliert.

Ein Video der Talkrunde kann man sich auf dem Youtube-Kanal der Stadt Gießen anschauen. Die Machbarkeitsstudie ist inklusive Kommentarfunktion weiterhin einsehbar auf www.giessen.de.

Am Rande der Talkrunde wurde bekannt, dass der von der Kreativszene als Zwischennutzung bespielte Prototyp in der Georg-Philipp-Gail-Straße entgegen ursprünglicher Pläne noch deutlich länger als bis Sommer dieses Jahres zwischengenutzt werden kann.

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