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Dokumente, Abstrich-Set, Kamera: Mit diesem in Gießen entwickelten Einsatzkoffer können Rechtsmediziner Verletzungsbefunde und Beweise von Gewaltopfern »gerichtsfest« und vertraulich aufnehmen und sichern.

Forensisches Konsil Gießen

Erfindung aus Gießen: Forensik-Koffer verschafft Gewaltopfern eine Chance vor Gericht

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Wenn Opfer sich nicht an die Polizei wenden wollen oder können, gibt es Experten vom Forensischen Konsil Gießen, die Beweise sichern. Dazu wurde ein spezieller Koffer entwickelt.

Gießen – Gewalt ist oft näher im eigenen Umfeld, als man vermutet. Die Dunkelziffer an Delikten ist hoch. Und es kommt vor, dass Frauen von ihrem Partner geschlagen werden, ihm aber noch eine Chance geben wollen, wie Prof. Reinhard Dettmeyer, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Uniklinikum Gießen/Marburg, erzählt. Damit sie aber eine Sicherheit in der Hinterhand haben, können sie ihre Verletzungen vertraulich dokumentieren lassen. Und zwar beim Forensischen Konsil Gießen (FoKoGi).

Rechtsmedizin sichert Ergebnisse des Gießener Forensik-Koffers

Solche Fälle seien durchaus schon vorgekommen, sagt Dettmeyer, der das Konsil leitet. Für die Befunde ist ein Einsatzkoffer entwickelt worden - mit Dokumenten, in denen man schriftlich Tathergang und Verletzungen festhalten kann, einer Kamera mit mehreren Speicherkarten sowie einem Forensik-Set für Abstriche nach Sexualdelikten. Dieser Koffer wird nach Inanspruchnahme für ein Jahr in der Rechtsmedizin gesichert, auf Nachfrage auch länger. »Ist die Probe einmal in unseren Händen, kann eigentlich niemand mehr ernsthaft den Vorwurf der Manipulation erheben«, sagt Dettmeyer und ergänzt: »Was ja vor Gericht sehr wichtig wäre« - wenn es doch noch zur Anzeige kommt.

Anfang der Zehnerjahre offenbarte sich zunehmend eine Versorgungslücke bei Opfern von Gewalt und Sexualdelikten, die ihre Verletzungen protokollieren, aber nicht zur Polizei gehen wollten, fährt der Rechtsmediziner fort. »Das hessische Sozialministerium wollte, dass wir in die Fläche gehen und Kooperationskrankenhäuser aufbauen, damit man sich in den dortigen Ambulanzen gezielt um Opfer kümmern kann.« Die finden sich heute in Wetzlar, Limburg, Korbach und Lich. Das Land fördert das Projekt, in Gießen beispielsweise mit drei Stellen für Ärzte - und natürlich Ärztinnen, die in der Regel bei Sexualdelikten an Frauen Ansprechpartnerin sind. Zum Vertrag, den die Kliniken abschließen, gehört auch, dass sie am Fortbildungsprogramm teilnehmen, das die Initiatoren aus der Gießener Rechtsmedizin aufgebaut haben und stetig erweitern.

„ProBeweis“ Vorbild für Forensisches Konsil Gießen

Vorbild war die Initiative »ProBeweis« in Niedersachsen: ein Netz von rund 20 Partnerkrankenhäusern, die ebenfalls eine vertrauliche Beweissicherung nach Gewalterfahrungen anbieten. Deutschlandweit gebe es keine vergleichbaren Projekte, sagt Dettmeyer.

Hintergrund seien damals zudem - nicht in Hessen - »eklatante« Fehleinschätzungen in Jugendämtern bei Kindeswohlgefährdung gewesen, wonach es auch zu Todesfällen gekommen war. »Das Konsil ist also auch ein Angebot an Jugendämter, dass sie sich beim Verdacht auf Kindesmisshandlung an uns wenden können«, sagt der Leiter.

2014 mit den ersten Infoveranstaltungen begonnen, waren sie anfangs skeptisch, ob das Projekt breite Akzeptanz findet. Doch es wurde gut angenommen. »Vor 2014 hatten wir um die 50 Gewaltopferuntersuchungen pro Jahr, 2019 waren es 350. Durch Corona hatten wir eine Delle, inbesondere Kinder haben wir weniger gesehen«, sagt Dettmeyer.

Forensisches Konsil Gießen mit Außenstelle in Kassel

Dennoch schreitet das Projekt voran: Im März 2020 wurde eine Außenstelle in Kassel eröffnet, die nun nach den Lockdowns nach und nach anlaufe. Im Frühjahr ist ein spezielles Angebot für Geflüchtete hinzugekommen. So gab es bereits Gewaltopfer in der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung an der Rödgener Straße, die ihre Fälle beim FoKoGi dokumentiert haben. Inzwischen gibt es überdies pandemiebedingt eine Videosprechstunde, in der die Mediziner erste Einschätzungen zu geschickten Bildern abgeben können.

»Letztendlich müssen erwachsene Gewaltopfer natürlich selbst entscheiden, ob sie Anzeige erstatten«, betont Dettmeyer. Denn sie unterliegen als Mediziner der ärztlichen Schweigepflicht. Und deren Grenzen seien »sehr eng«.

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