Mordserie: Teil 66

Ein Kneipenabend endet 1993 in Gießen tödlich

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Ein 24-Jähriger und eine 44-Jährige lernen sich in einer Kneipe in Wieseck kennen und gehen zu ihm nach Hause. Dort bringt der Mann die Frau um, als sie keinen Sex will.

Die Würde eines Menschens sollte unantastbar sein - auch nach dem Tod. Als zwei Spaziergänger im März 1993 auf einem Waldweg bei Daubringen eine halbnackte, tote Frau finden, bekleidet nur mit einer schwarzen Steghose, mit ausgestreckten Armen und blutverschmiertem Gesicht auf dem Boden liegend, da nimmt einer von ihnen eine Decke und legt sie auf die Frau. Vielleicht, um ihr ein letztes Stück Würde wiederzugeben. Etwas, das der Mensch, der ihr das Leben genommen hatte, ihr auf den ersten Blick verweigert hatte - so wie er sie dort abgelegt hatte.

Der 28. März 1993 ist ein Sonntag. Gegen 8.30 Uhr entdecken die beiden Spaziergänger die Leiche etwa 500 Meter unterhalb der »Waldschänke« am Buchenberg. Schnell sind die Ermittler vor Ort; um Neugierige fernzuhalten, wird die Fundstelle weiträumig mit rotweißem Band abgesperrt.

Tote wurde im Auto transportiert

Ein Tatort erzählt den Ermittlern oft eine Geschichte. Deshalb sind die ersten Beobachtungen, die sie dort machen, von großer Bedeutung. Die Gießener Polizeibeamten sind sich schnell sicher: Am Fundort ist die Frau nicht gestorben. Ein wichtiges Indiz: Bereits auf der Fahrt zum Waldweg hat ein Ermittler neben der Fahrbahn in der Nähe des Sportplatzes an der Alten-Busecker-Straße die blutbefleckte und zerrissene Unterwäsche sowie den schwarzen, eingerissenen Pullover der Frau gefunden. Die Hypothese: Der Täter muss die Frau, die keine Unterhose und keine Strümpfe, aber schwarze Lackballerinas mit geriffelter Gummisohle getragen hatte, mit einem Auto zur Fundstelle gebracht haben. Am nächsten Tag wird sie im Institut für Rechtsmedizin der Uni Gießen obduziert. Die Frau ist erwürgt worden und hat im Gesicht und am Kopf schwere Verletzungen durch massive stumpfe Gewalt erlitten.

Die Polizei kommt mit den Ermittlungen schnell voran. Zuerst kann die Identität der Frau ermittelt werden - dank einer Vermisstenanzeige, die einer ihrer zwei erwachsenen Söhne aufgegeben hat. Nach einem Fotoabgleich, der Personenbeschreibung und der Identifizierung durch den Sohn steht fest: Bei der Toten handelt es sich um Anka E. (Name geändert), eine 44-jährige Wieseckerin. Sie hatte früher als Gastwirtin gearbeitet.

Taxifahrer gibt wichtigen Hinweis

Die entscheidende Wendung bringt der Hinweis eines Taxifahrers: Er berichtet der Polizei, er habe an jenem Sonntagabend die Frau sowie einen deutlich jüngeren Mann als Fahrgäste mitgenommen und sie am Haus des Begleiters in Wieseck abgesetzt. Dort wohnt Peter K, (Name geändert) ein 24 Jahre alter Mann, zusammen mit seinen Eltern. Nachdem die Polizei bei der Durchsuchung seiner Wohnung Beweismittel sichern kann, schreibt sie ihn auch über Interpol zur Fahndung aus - mit Erfolg. Peter K. wird noch am Montag auf der Brenner-Autobahn am österreichisch-italienischen Grenzübergang festgenommen.

Der damals 24 Jahre alte Mann legt gleich nach seiner Rückkehr nach Gießen ein Geständnis ab. Demnach hatte er Anke E. gegen Mitternacht in einer Gaststätte im Stadtteil kennengelernt. Sie habe sich ihm vorgestellt und sich zu ihm gesetzt. Dann hätten sie gemeinsam Alkohol getrunken. Gegen 4 Uhr habe sie ein Taxifahrer zu ihm nach Hause gebracht. In seinem Zimmer hätten sie »geschmust«, doch sei sie dabei eingeschlafen. Als er sie dann geweckt habe, um »Liebe« mit ihr zu machen, habe sie angefangen zu schreien. Er habe daraufhin Angst bekommen, dass seine Eltern ihn mit der 20 Jahre älteren Frau im Bett erwischen würden, sie deshalb geschlagen und gewürgt. Zwar hat sich Anke E. noch gewehrt, aber gegen den Mann mit Boxerstatur keine Chance gehabt. Peter K.: »Auf einmal bewegte sie sich nicht mehr.«

Dann habe er die tote Frau zwischen 4.30 Uhr und 5 Uhr aus dem Haus getragen, in den Kofferraum des Autos seines Vaters gelegt und sei dann über die Alten-Busecker Straße in Daubringen zum Waldweg unterhalb der »Waldschänke« gefahren. Bevor er sie dort ablegte, habe er ihr die Steghose und die Schuhe wieder angezogen, ihre blutbefleckte Unterwäsche in der Nähe des Sportplatzes aus dem Auto geworfen. Wieder Zuhause angekommen, habe er sein Zimmer aufgeräumt und sei mit dem Auto seines Vaters Richtung Italien aufgebrochen.

Anfang November 1993 wird vor der Fünften Strafkammer des Landgerichts Gießen der Prozess gegen Peter K. eröffnet. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord vor, deutet aber an, dass es auf Totschlag hinauslaufen könnte. Die Tat, sagt der Anwalt des Angeklagten, Dietmar Kleiner, habe in Wieseck »die Gemüter erregt«. Um die Persönlichkeitsrechte von Täter und Opfer zu schützen, findet deshalb ein Teil Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Probleme mit dem Alkohol

Angeklagte machen vor Gericht nicht nur Angaben zu dem ihm vorgeworfenen Sachverhalte. Sie sprechen auch über ihre Biografie. Dies ist für die Richterinnen und Richter wichtig, um den Angeklagten besser kennenzulernen. Im Endeffekt können die Angaben über den bisherigen Lebensweg für die Strafzumessung eine Rolle spielen. Peter K.. erzählt von einer unauffälligen schulischen Laufbahn, seiner handwerklichen Ausbildung und seinem Beruf. Als problematisch erscheint sein Alkoholkonsum. Wegen seines Trinkens habe es zum Beispiel Ärger mit seinem Arbeitgeber gegeben, weil er oft gefehlt habe. Und auch am Tattag muss Peter K. viel Alkohol zu sich genommen haben.

Er sei an jenem Märztag mittags aufgestanden und habe gleich danach eine Wiesecker Gaststätte besucht, um zu essen und »ein Bier zu trinken«. Nach dem Besuch eines Freundes, wo er ein bis zwei weitere Flaschen Bier getrunken habe, sei er bei einem Fußballspiel gewesen, um anschließend wieder in einer Gießener Kneipe 30 bis 40 D-Mark für Getränke auszugeben. Gegen Mitternacht sei er in Wieseck in der Gaststätte eingekehrt, in der er dann Anke E. kennengelernt habe.

Für das Gericht ist diese Begegnung gleich in mehrfacher Hinsicht tragisch, wie Richter Holger Gaßmann Mitte November in seiner Urteilsverkündung sagt. Täter und Opfer seien sich zufällig begegnet. Daraus sei zuerst Zuneigung entstanden, die dann in »Brutalität und Grausamkeit« umgeschlagen sei. Ohne den Alkoholkonsum von Peter K. wäre die Tat »nicht zu denken« gewesen, sagt Gaßmann. Die Blutalkoholkonzentration betrug zur Tatzeit 3,14 Promille. Dann erwähnt der Richter die Angst des Angeklagten, in seinem Zimmer von den Eltern mit einer nackten, schreienden Frau überrascht zu werden. Hinzu komme die »latente Aggressivität« von Peter K., die sich in der Tat »massiv entladen« habe. Der Angeklagte wird wegen Totschlags zu acht Jahren Haft verurteilt. Sein Schlusswort: »Ich will nur sagen, dass ich nicht weiß, wie es zu der grausamen Tat gekommen ist, und dass es mir unendlich leid tut.«

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