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Paul Chrustek hat mit seinem Café Klein Paulsen ein Treffpunkt nicht nur für Anwohner geschaffen. Er selbst fühlt sich hier ebenfalls sehr wohl.

Porträt

Beliebte Gastronomie in Gießen mit besonderer Geschichte: „Eigentlich darf man es gar nicht erzählen“

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Paul Chrustek hat auf vielfältige Weise die Stadt Gießen mitgeprägt. Seine vielleicht größte Leistung ist jedoch ganz klein. Oder besser gesagt: Klein Paulsen. Mit dem Café im Tannenweg hat der 41-Jährige dem Viertel einen Treffpunkt gegeben, der so gut ankommt, dass die Anwohner um ihn kämpfen.

Gießen - Wenn man die Augen schließt, tief durch die Nase atmet und ganz fest daran glaubt, riecht es auf der Terrasse des Klein Paulsen nach Meer. Tatsächlich aber ist es bestenfalls der nahe gelegene Schwanenteich, der diese Assoziation hervorruft. Doch auch ohne den Geruch nach Krabben und Salzwasser erinnert das Café im Tannenweg an ein Lokal an der Küste. Nicht nur wegen des Namens, sondern auch wegen der Einrichtung. Zu verdanken ist das Paul Chrustek, der das kleine Café 2018 eröffnet hat. Dabei liegen die Wurzeln des Gießeners nicht etwa im hohen Norden, sondern im Osten.

»Ich bin in Kattowitz geboren«, erzählt der 41-Jährige. Bis zu seinem neunten Lebensjahr lebte er in der polnischen Stadt. Im Frühjahr 1989 teilten seine Eltern ihm und seiner Schwester mit, ihr Glück im Westen zu suchen. »Die Wende war noch nicht absehbar. Sie wollten daher alles abbrechen und mit uns nach Deutschland ziehen.« Das war möglich, da Chrusteks Großmutter die deutsche Staatsbürgerschaft hatte. Und so setzte sich die Familie in den Reisebus. Endstation Frankfurt.

»Damals war mir die Tragweite noch nicht bewusst«, sagt Chrustek. Vielmehr sei die Ausreise ein großes Abenteuer gewesen. Rückblickend spricht der Gießener dennoch von einem »Bruch«, schließlich habe er alle Freunde zurückgelassen. Trotzdem hätten die positiven Aspekte überwogen. »Für mich als Kind aus einem sozialistischen Land war das der Wahnsinn, eine komplett neue Welt«, sagt Chrustek und fügt lächelnd hinzu: »Eine sehr schöne Welt.«

Klein Paulsen in Gießen: „Meine eigenen Ideen verwirklichen“

Nach der Ankunft kam die Familie zunächst bei der Großmutter in Bad Nauheim unter. »Meine Schwester und ich haben in ihrem Zimmer geschlafen, meine Eltern im Auto auf dem Parkplatz«, erinnert sich Chrustek. Doch schon wenig später verlief das Leben der Familie in geregelteren Bahnen. Die Mutter ergatterte eine Stelle als Physiotherapeutin im Gießener Uniklinikum, der Vater eine als Elektromeister bei den Frankfurter Stadtwerken. Eine Wohnung fanden sie in Reiskirchen. Als Chrustek zur fünften Klasse auf die Herderschule wechselte, nutze die Familie die Gelegenheit und zog in die Uni-Stadt. Seitdem ist Chrustek Gießener - und hat das Leben in seiner Stadt ein Stück weit mitgeprägt.

Schon während des Studiums arbeitete Chrustek im MuK hinter der Theke und sorgte dafür, dass niemand verdurstet. »Ich war zudem ein paar Jahre im Vorstand und habe mit der Konzertgruppe Bands wie Kraftklub, K.I.Z und Casper ins MuK geholt.« Auch er selbst habe bei einigen Partys Rockmusik aufgelegt. Man merkt dem 41-Jährigen an, dass ihm diese ehrenamtliche Tätigkeit viel Spaß bereitet hat. Satt machte sie ihn aber nicht. Chrustek musste Geld verdienen.

Früher im MuK hinter der Theke, nun Chef im Klein Paulsen

Nach Abitur, Zivildienst und einem längeren Aufenthalt in Dänemark - daher die Affinität zum Norden - hatte Chrustek in Gießen ein Studium der Geografie begonnen. Stadt- und Raumplanung waren seine Schwerpunkte. Doch auch mit dem Diplom in der Tasche waren die Karriereaussichten nicht allzu rosig. »Es war nicht leicht, etwas zu finden. Ich habe ein Jahr lang gesucht«, sagt Chrustek. Dann, während eines Praktikums in Baden-Württemberg, bewarb er sich initiativ beim Gießener Stadtmarketing. Mit Erfolg, der Geograf erhielt eine Teilzeitstelle. »Ich habe vor allem der Geschäftsführung zugearbeitet und mitgeholfen, Veranstaltungen zu organisieren.« Die große Dinosaurier-Ausstellung sei zum Beispiel in diese Zeit gefallen. Doch nach und nach sehnte sich Chrustek nach mehr Verantwortung, außerdem wollte er Vollzeit arbeiten. In Gießen war das nicht möglich. Und so beendete er das Kapitel nach eineinhalb Jahren und trat in Meiningen eine Stelle als City-Manager an.

Fünf Jahre lang blieb er in der thüringischen Kleinstadt. Die Arbeit habe Spaß gemacht, versichert Chrustek. Trotzdem war irgendwann der Punkt erreicht, an dem er wieder in Gießen leben wollte. »Das hatte private Gründe. Meine damalige Lebenspartnerin wohnte in Gießen.« Also kehrte Chrustek zurück. Da er in seinem erlernten Beruf nicht fündig wurde, arbeitete er zunächst in der Gastronomie. Ein Umstand, der seinen weiteren Lebensweg entscheidend beeinflussen sollte.

Nach einer kurzen Station im Restaurant am Schiffenberg und einer längeren im Café de Paris entschloss sich Chrustek, selbst eine Gastronomie zu eröffnen. »Ich wollte mehr Verantwortung übernehmen und meine eigenen Ideen verwirklichen.« Als er dann in einer Kleinanzeige auf den Laden im Tannenweg stieß, schlug er zu.

»Eigentlich darf man es gar nicht erzählen«, sagt Chrustek, »aber ich habe in meinem Leben zuvor vielleicht vier Torten gebacken.« Im neuen Café waren es plötzlich 15 bis 20 - in der Woche. Zum Glück versorgten ihn Freunde mit ihren Lieblingsrezepten, die auch bei den Kunden ankamen. »Das Geschäft lief gut an, die Rückmeldung aus dem Viertel war positiv. Die Leute haben sich über den Treffpunkt gefreut und sich willkommen gefühlt.« Hochzeiten und Taufen wurden hier gefeiert, auch Konzerte gingen über die Bühne. Doch dann kam Corona.

Gastronomie Klein Paulsen in Gießen: „Eigentlich darf man es gar nicht erzählen“

Für einen Selbstständigen ist die wochenlange Schließung seines Betriebs eine Katastrophe. Die Anwohner wussten das. Und da sie ihren neuen Treffpunkt nicht verlieren wollten, unternahmen sie etwas. »Ich habe nach der ersten Schließung angeboten, Kuchen auf Bestellung zu backen und zu verkaufen«, erzählt Chrustek. Eines Tages habe er ein Schreiben in seinem Briefkasten gefunden, das wohl im gesamten Viertel verteilt worden war. Stammkunden hatten es verfasst und dazu aufgerufen, den Kuchen-Service im Klein Paulsen zu unterstützen. »Der Zuspruch war mega«, betont Chrustek. »Anscheinend war es den Leuten wichtig, dass ihr Treffpunkt erhalten bleibt.«

Das ist es ihnen auch heute noch. Obwohl das Café auf Laufkundschaft verzichtet muss, ist es an diesem Nachmittag gut gefüllt. Aber der Erfolg des Cafés hat auch seinen Preis. Chrustek ist alleinstehend, seine langjährige Beziehung ist vor einigen Monaten zerbrochen. »Es ist nicht einfach, wenn man selbstständig ist. Gerade am Anfang habe ich hier von morgens 10 bis abends 20 Uhr gestanden.« Inzwischen habe er sich jedoch Freiräume geschaffen, zum Beispiel durch mehr Personal. Er findet daher Zeit für Badminton, beim BLZ Mittelhessen engagiert er sich im Vorstand, und auch für die Raumstation, die er seit mehreren Jahren unterstützt.

»Ich werde mit dem Laden nicht reich«, sagt der Gießener beim Blick über die Terrasse. »Aber er bietet mir inzwischen ein gutes Verhältnis zwischen Freizeit, Arbeit und Einkommen.«

Für Chrustek ist das nach dem Lockdown und den vielen 60-Stunden-Wochen ein Erfolg, das Tüpfelchen auf dem I. Oder besser gesagt: Die Kirsche auf der Torte. (Christoph Hoffmann)

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