1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Ein Füllhorn von Irrwitzigkeiten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Marion Schwarzmann

Kommentare

Rinkes_210522_4c
Prof. Kai Bremer (r.) im Gespräch mit Autor Moritz Rinke. FOTO: MAN © Marion Schwarzmann

Moritz Rinke ist ein gern gesehener Gast in Gießen, hat er hier doch von 1989 bis 1994 Angewandte Theaterwissenschaft studiert und bereits 2016 der Universitätsbibliothek einen Teil seines Vorlasses vermacht. Nun schaute er mal wieder für eine Lesung aus seinem jüngsten Roman »Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García« vorbei.

Bei seinem ersten Besuch auf der kanarischen Insel in den 90er Jahren hat sich Moritz Rinke spontan in Lanzarote verliebt, sodass er heute dort sogar ein kleines Häuschen besitzt. Eines Tages fiel ihm mitten in der Landschaft ein Postbote auf, der stundenlang neben seinem gelben Auto saß, las oder sogar schlief. Nur eben keine Post austrug. Denn die war inzwischen Mangelware auf Lanzarote geworden. Wer schreibt schließlich im Zeitalter von Internet und SMSen noch Briefe?

»Das war wie bei Kafka«, erzählt der Autor bei seiner Lesung am Donnerstagabend. »Sie teilen sich ihre wenige Post ein wie Nahrung.« So sichern sie sich ihre Arbeitsplätze, denn wer schert sich im fernen Königreich Spanien schon um sie, so lange die Benzinkostenabrechnung für ihre Dienstfahrzeuge stimmt?

Das war die Geburtsstunde seines Titelhelden Pedro Fernández García: Postbote aus Leidenschaft in dritter Generation und liebevoller Vater seines Ziehsohnes Miguel.

Gleich im ersten Kapitel, das Rinke vor voll besetzten Stuhlreihen im Zeitschriftenlesesaal der Unibibliothek launig vorträgt, werden Pedros sympathische Tricksereien deutlich: Auf der Café-con-leche-Route schrappt dieser mit seiner Dienst-Honda bei sinnlosen Kaffeefahrten Kilometer, um für seinen Arbeitgeber auf die erforderlichen 1200 Kilometer im Monat zu kommen. Dann gibt es noch die heiß begehrte Nobelpreisträgerroute - schließlich erhält José Saramago die meiste Post auf der Insel - und die weniger beliebte Nudistenroute, eine Kolonie von nackerten Aussteigern, über die die Zeit hinweggerollt ist.

Ein Füllhorn von Irrwitzigkeiten, die Rinke da für seine amüsierten Leser ausschüttet. Er ist sich sicher, dass sein Buch in einem anderen Verlag und mit einer anderen Lektorin ein ganz anderes geworden wäre. Doch bei Kiepenheuer & Witsch, die schon vor elf Jahren seinen Bestseller »Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel« verlegten, weiß man die lebendige Art des 54-Jährigen und seine Vorliebe für Dialoge zu schätzen. »Dabei war meine zweite Lektorin dort noch strenger als meine erste«, berichtet Rinke, der von sich selbst sagt, er sei ein Perfektionist.

Wie sehr das Lektorat die Entwicklung eines Romans beeinflussen kann, ist aufschlussreicher Teil des Gesprächs zwischen Moderator Prof. Kai Bremer, der heute an der Universität Osnabrück lehrt, und seines Gastes aus Berlin. Bremer weist besonders auf die in zwei Schaukästen ausgestellten Dokumente Rinkes hin, die die Entstehung seines ersten Romans »Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel« begleiten: Cover-Entwürfe für das Buch, Schriftwechsel, aber auch zwei handgeschriebene Karten von Rinkes damaliger Lektorin Sandra Heinrici.

Flammendes Plädoyer für Briefe

Apropos Handschrift: Natürlich ist Rinkes aktueller Roman ein flammendes Plädoyer für den handgeschriebenen Brief. Unverwüstliche Zeugnisse der Geschichte, die man jederzeit wiederlesen kann und die nicht im Nirwana eines Computers verschwinden. Dass die Ansichten seines aus der Zeit gefallenen Helden Pedro in der Beziehung zu seiner geliebten Freundin Carlota und ihres Sohnes Miguel für ordentlich Zündstoff sorgen, das darf das schmunzelnde Publikum an diesem gewittrigen Abend noch in einem weiteren köstlich komischen Kapitel aus dem Buch miterleben.

Auch interessant

Kommentare