"Ein Erlebnis, vom Jordan an die Lahn zu kommen"

Gießen (ck). Eingerahmt von groß gewachsenen Zypressen, die - wie Josef Stern ins Gedächtnis rief - 1982 als Setzlinge von seiner Schwester Sonja aus Israel zum Zeichen der Versöhnung mitgebracht worden waren, fand gestern am Jüdischen Mahnmal auf dem Neuen Friedhof eine Gedenkstunde mit Kranzniederlegung zur Erinnerung an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden aus Gießen statt.

Gießen (ck). Eingerahmt von groß gewachsenen Zypressen, die - wie Josef Stern ins Gedächtnis rief - 1982 als Setzlinge von seiner Schwester Sonja aus Israel zum Zeichen der Versöhnung mitgebracht worden waren, fand gestern am Jüdischen Mahnmal auf dem Neuen Friedhof eine Gedenkstunde mit Kranzniederlegung zur Erinnerung an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden aus Gießen statt. Alle zwei Jahre vollzieht sich dieses Ritual im Rahmen der "Begegnungswoche", wenn die während der Nazizeit emigrierten jüdischen Gießener ihre alte Heimatstadt besuchen. Mit insgesamt knapp 20 Personen aus Israel und den USA ist die Gruppe diesmal größer als bei den Veranstaltungen zuvor.

Offiziell begrüßt worden waren die Gäste am Montagabend im Kaminzimmer der Kongresshalle von Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann und Mikhail Litvak, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Gießen. Höhepunkt der 13. Begegnungswoche, die seit 1982 alle zwei Jahre stattfindet, war am gestrigen Abend die Verleihung der Hedwig-Burgheim-Medaille an Josef Stern, den Vorsitzenden des Vereins ehemaliger Gießener jüdischer Bürgerinnen und Bürger und der Umgebung (Bericht in unserer morgigen Ausgabe).

Am Mahnmal begrüßte Haumann neben den früheren Gießenern Vertretern der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar und des Partnerschaftsvereins Gießen-Netanya sowie der Stadt (Stadtverordnetenvorsteher Dieter Gail und Kulturdezernent Dr. Reinhard Kaufmann) vor allem den deutschen Botschafter in Israel, Dr. Harald Kindermann. Der OB zeigte sich dankbar, dass die Gäste aus Israel und den USA viele Strapazen auf sich genommen hätten, um mit ihrer Reise ein Zeichen der Versöhnung zu setzen und die Veranstaltung gemeinsam mit den Gießenern zu begehen. Heute sei ein guter Anlass, der Vergangenheit zu gedenken, die Gegenwart zu betrachten und Hoffnung auf die Zukunft zu setzen. "Wir Gießener werden auch künftig die Hand zur Versöhnung ausstrecken, damit es nicht bei Sonntagsreden bleibt, sondern damit die Menschen zusammen kommen."

Josef Stern hob hervor, dass heute das Bestehen ehrlicher Freundschaften zwischen Gießener und jüdischen Bürgern Normalität geworden sei. Gedenken und Begegnung seien die Motive dafür. Es sei für ihn immer eine Freude, wenn Gießener Israel besuchten, und es sei "ein Erlebnis, vom Jordan an die Lahn zu kommen", um dort die Häuser anzuschauen, in denen die Familien gelebt haben, sowie die Gräber auf dem Friedhof zu besuchen.

Vor der Niederlegung des Kranzes durch Haumann, Stern und Mikhail Litvak streuten die Gäste aus ihren Gärten mitgebrachte Erde auf die Gräber und um das Mahnmal.

Zu den weiteren Programmpunkten der 13. Begegnungswoche gehören verschiedene Zeitzeugenberichte an Gießener Schulen, ein Vortrag von Dr. Kindermann zum 60-jährigen Bestehen des Staates Israel heute Abend im Kleinen Saal der Kongresshalle (19.30 Uhr) sowie eine Filmvorführung über Walter Süskind am Donnerstag ab 19.30 Uhr im Jüdischen Gemeindezentrum. Am Freitag werden die Gäste von der Stadt und der Jüdischen Gemeinde wieder verabschiedet.

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