Wort zum Sonntag

Ein dolles Ding!

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Starr steht er da, mit Hut und grauem Mantel, einen großen Koffer in der Hand. Seine Starre macht mich unruhig. Warum bewegt er sich nicht, wo er doch offensichtlich mit schwerem Gepäck in der Ferne eine Aufgabe zu erfüllen hat? Also nehme ich den kleinen Schlüssel, der neben ihm liegt und ziehe den Blechmann auf. Wie von Zauberhand bewegt, marschiert er in die Richtung, in die ich ihn dirigiert habe.

Was für ein dolles Ding, denke ich!

Vielleicht kennen Sie diese kleinen Figuren noch aus Kindertagen, die bunt lackiert, per Schlüssel aufgezogen, wacker über den Tisch tippeln, bis - ja, bis ihnen die Energie ausgeht. Aber dafür gibt es ja den Schlüssel. Und wenn die Figur wieder loszieht, achte ich darauf, dass sie nicht an der Tischkante abstürzt.

Dieser kleine Mann hat es gut, überlege ich. Er folgt seiner Richtung, immer geradeaus, ohne Umwege. Ein Schlüssel gibt ihm die Energie, seiner Spur zu folgen. Da ist jemand, der seine Schritte lenkt. Aber nein, ich will keine Blechfigur sein! Ich kann meinen Weg selbst wählen. Manchmal brauche ich eine Sackgasse, um zu erkennen, dass es für mich hier nicht weitergeht. Ich kann die Richtung ändern. Da ist vieles, worauf wir Einfluss nehmen können, wie etwa am Sonntag durch Wählen auf die Zukunft unseres Landes. Oft aber vergessen wir die Grenzen, die unserem Handeln gesetzt sind. Dennoch gibt es für jede und jeden von uns diesen Schlüssel. Vielleicht ist das eine Rose, die dem Wetter trotzt, jetzt noch blüht und uns daran erinnert, dass mehr möglich ist, als wir glauben. Vielleicht ist es eine gute Freundin, die uns spüren lässt, dass wir nicht alleine sind. Vielleicht aber ist es auch die Gewissheit, dass eine Kraft in uns wohnt, die jenseits unseres Strebens liegt, die uns trägt, auch wenn wir sie weder sehen noch fassen können. Doris Wirkner

Ev. Dekanate Gießener Land

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