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Ein bisschen Kiosk ist überall

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Was tun, wenn in der Pandemie ein neues Buch vorgestellt werden soll, aber ein Live-Treffen mit den Lesern nicht möglich ist? Ganz einfach: Man präsentiert es online. Dass das durchaus hohen Unterhaltungsfaktor haben kann, zeigten nun Ingke Günther und Jörg Wagner mit ihrer »digitalen Kioskluke«.

Ein bisschen sieht es aus, als hätten Jörg Wagner und Ingke Günther einen kindgerechten Kaufmannsladen aufgebaut, in dem sie sitzen. Wären da nicht die vielen Bierflaschen im Vordergrund und das »Kiosk«-Schild oben am gelben Rahmen. Und dass regelmäßig eine »gemischte Tüte« raschelt, sorgt für weitere »Büdchen«-Assoziationen an der »digitalen Kioskluke«, die das Künstlerduo zur Vorstellung seines Katalogs »rural exodus« geöffnet hat. Wer sich zum Zoom-Meeting angemeldet hat, kann hier performative Gesangseinlagen von Manuela Weichenrieder erleben, Markus Lepper bei seinem Kunsthistoriker-Vortrag über den Goldenen Schnitt, Abstraktion und Realismus in einem der Kiosk-Foto lauschen, sich von Künstlerin Katja von Puttkamer ihre Kiosk-Werke zeigen lassen oder sich von »Ritual-beauftragter« Eva Steinbrecher immer mal wieder mit einem kräftigen »Toast«-Prost aus dem Odenwald erschrecken lassen. Oder sich ganz einfach im heimischen Sessel fühlen, als stünde er oder sie in echt an einem Kiosk und würde das tun, was man an einem solchen Ort tut: etwas trinken und miteinander ins Gespräch kommen. Und wer dabei den Bildschirm etwas weniger indiskret ausrichtet, kann das sogar im besten »Ditsche«-Stil mit Bademantel und Hausschuhen tun. Hauptsache ein plopp-fähiges Getränk und eine »gemischte Tüte« voller Süßem steht bereit, um bei gegebenem Anlass geleert oder als Applaus-Raschler genutzt zu werden. Und eins ist klar, wie Jörg Wagner meint: »Anstoßen geht am Kisok immer, wenn man mal nicht weiß, was man sagen soll.«

Digitale Kiosk- Leidenschaft

Ein Kiosk kann man überall einrichten, so lautet die Quintessenz des Buches, das Ingke Günther und Jörg Wagner im Pandemiejahr 2020 verfasst und kürzlich publiziert haben. Mit Spaß und Ironie, aber auch mit ganz viel Optimismus haben sie an allen möglichen und unmöglichen Orten in und um Gießen »Kioske« aufgebaut und fotografiert. Ausflug für Ausflug wuchs ihre »Fotoserie mit Kioskbehauptungen« heran. Mal ist es nur ein leuchtendes Kiosk-Schild an einem Stromkasten, mal sind es Plastikstühle vor einem Hochsitz oder die »Langnese-Werbung als Heilsversprechen« vor einer Mauer, mit denen das Duo der Krise etwas Positives abtrotzt. Und wenn Manuela Weichenrieder vor dem Mikro im fernen Bremen den Einleitungstext des Buches auf Englisch gesungen vorträgt, dann kommt an der »digitalen Kioskluke« sogar beim kollektiven Mitsingen ein bisschen Lagerfeuerromantik auf.

Die »Kiosk«-Forschung hatte 2005 im Neuen Kunstverein ihren Ursprung, wo Günther/Wagner ihre Stadtansichten präsentierten. 2005 folgte dann auch schon in Dortmund die Gründung des Kiosk-Vereins »1. KC 06« und nun ist mit dem Band »rural exodus« dem Kiosk ein würdiges Denkmal gesetzt worden, das eigentlich in unterschiedlichen Städten präsentiert werden sollte, pandemiebedingt aber nun nur an der »digitalen Kioskluke« vorgestellt werden konnte. Eine Fortsetzung ist nicht ausgeschlossen.

Bleibt am Ende der gut einstündigen Performance nur noch die Frage zu klären, was ein Büdchen, den Späti und einen Kiosk voneinander unterscheidet. Da hat dann jeder irgendwie seine eigene Meinung und im Anschluss an den offiziellen Teil wird in froher digitaler Runde noch weiter lebhaft diskutiert.

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