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Andrea Lührig vom Atelier23 (2. v. r.) und Stephanie Jackson vom Kulturamt (r.) präsentieren mit den vier Künstlern Jens Bleckmann, Mirka Holsteinová, Lena Kasperski (v. l.) sowie Birgit Gigler (sitzend) den neuen Band der »Gießener Kunstreihe« und die darin abgebildeten Kunstwerke.

Ein besonderer Blick auf die Welt

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Als »pinkfarbenes Knallbonbon« hatte Galerie-23-Leiterin Andrea Lührig den neuen Band der »Gießener Kunstreihe« schon bei der Vernissage angekündigt. Nun wurde er im Atelier23 der Lebenshilfe in Linden auch offiziell vorgestellt - im Beisein der darin porträtierten vier Künstler.

Im Atelier23 der Lebenshilfe in Linden werden seit nunmehr 18 Jahren Talente von Künstlern mit Behinderung gefördert. Seit mehr als zehn Jahren können sie - und natürlich auch andere Künstler mit und ohne Handicap - in der Galerie23 ausstellen, die seit 2016 im Seltersweg ihr Domizil hat. Höchste Zeit also, diese ganz besondere Künstlergruppierung mit einem Heft in der »Gießener Kunstreihe« zu würdigen und die dort porträtierten vier Künstler in ihrem Atelier zu besuchen.

Die bisher neun Hefte der vom Kulturamt herausgegebenen Reihe waren eher in gedeckten Einbandfarben gehalten und stellten einzelne Gießener Künstler wie Thomas Vinson, Hella Nohl oder Sebastian Niepoth vor. Die jüngste Ausgabe fällt allein schon durch ihren grellpinken Einband aus dem Rahmen. »Wir machen was Lautes«, beschreibt Atelier23-Leiterin Andrea Lührig die Intention hinter der Farbwahl, als sie im Atelier gemeinsam mit Stephanie Jackson und den Künstlern Birgit Gigler, Lena Kasperski, Mirka Holsteinová und Jens Bleckmann das Heft präsentiert.

Mit einer Auswahl ihrer jüngeren Arbeiten und jeweils einfühlsamen Begleittexten ergänzt werden - stellvertretend für alle Atelier23-Mitglieder - die vier Genannten im Heft vorgestellt. Einziger Mann in der Runde ist Jens Bleckmann, der 1968 in Frankfurt geboren wurde und seit 2012 im Atelier der Lebenshilfe seine Kunst betreibt. Sein Zeichenstil ist unverwechselbar. Mit großer Genauigkeit baut er aus feinen Bleistiftlinien architektonisch anmutende Konstruktionen, in die er Bildausschnitte als Collage einfügt. Wer da genau hinschaut, verliert schnell seinen Blick in den unzähligen Details. Fragmente und Linien fügen sich zu Neuem zusammen, Präzision und der Blick auf das Ganze machen Bleckmanns Zeichnungen zu einem Augenerlebnis und lassen seine überreiche Bilderwelt aus Gedanken, Erlebtem und Erdachtem erahnen.

Vier Künstler mit Talent und Handicap

Kraftvoll, auf den ersten Blick als ihr Werk identifizierbar und auch schon bei einem prominenten Käufer wie Schauspieler Til Schweiger beliebt, sind die Porträts, die Birgit Gigler malt. Satte Farben, schwarze Umrisse, Frauen mit einem ganz besonderen Blick und hohen Turmfrisuren oder Hüten - Giglers Bilder haben ihre eine ganz unverwechselbare Ästhetik. Eines ihrer Frauenporträts wird auch künftig im Kulturamt hängen - ein Umstand, der die 61-Jährige, die im Haus der Lebenshilfe in Linden lebt, auch ein bisschen verlegen macht.

Oft heiße es, dass Kunst von Menschen mit geistiger Behinderung keine Entwicklung zeige, berichtet Andrea Lührig. Und beweist gleich mit einem Bild Giglers aus deren Anfangszeit im Atelier das genaue Gegenteil - ein künstlerisches Reifen Giglers im Laufe ihrer Förderung von 2006 bis heute im Atelier ist hier ganz klar erkennbar.

Linoldruck ist die Leidenschaft von Lena Kasperski. 1984 in Wetzlar geboren, arbeitet sie seit 2011 im Kunstraum der Lebenshilfe. Viele kennen ihre präzise gefertigten und ausdrucksstarken Linolschnitte von Galerie23-Ausstellungen. Die Dame mit Fernrohr und schickem Mantel, der Affe mit dem in sich ruhenden Gesichtsausdruck, die wunderbar leichtfüßige Karussellszene und zwei Straßenszenen sind im Kunstreihen-Band vertreten. Von all der Mühe von der Vorzeichnung, oft nach Fotovorlagen, bis zum Linolschnitt, der anstrengend ist und keine Fehler verzeiht, ist diesen Arbeiten nichts anzumerken. Und dabei zeigt sich erst bei einem Probeabdruck am Ende eines langen Prozesses, ob das, was sich die Künstlerin vorgestellt hat, auch tatsächlich im Druck funktioniert.

Als schnell und konzentriert arbeitende Künstlerin ist Mirka Holsteinová im Atelier bekannt. Sie wurde 1976 in Pilsen geboren und arbeitet seit 2018 im Atelier der Lebenshilfe. Auf weißem Grund zaubert sie mit Aquarellfarbe Gesichter. »Ich fange immer mit den Augen an«, berichtet sie. Und diese Augen ziehen beim Betrachten des Bildes in Bann. Ob es sich um einen Mann oder eine Frau, einen jungen oder alten Menschen handelt, in welcher Stimmung die Porträtierten wohl sein könnten - all das kann man beim Betrachten dieser Gesichter voller Ernsthaftigkeit und mit einem Hauch von Melancholie hineininterpretieren. Die Bilder strahlen Ruhe und Kraft aus, obwohl der Farbauftrag so zaghaft wirkt.

Der zehnte Band der »Gießener Kunstreihe« liegt an ausgewählten Stellen (unter anderem in der Galerie 23) kostenlos aus. Gedruckt sind 1000 statt der sonst üblichen 500 Exemplare. Postkarten mit Bildern der Künstler folgen.

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