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(K)ein Ansturm auf Wärmeorte

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Von: Sebastian Schmidt

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seg_unibib_210123_4c © Sebastian Schmidt

Freitags läuft die Justus-Liebig-Universität nur auf Sparflamme - zumindest, wenn es nach dem Willen der Hochschulleitung geht. Um Energiekosten zu reduzieren, wurden Vorlesungen verlegt und Angestellte ins Homeoffice geschickt. Die Heizungen bleiben kalt. Zum Lernen hat die JLU für die Studierenden jedoch Wärmeorte eingeführt. Vor allem die Bibliothek platzt nun aus allen Nähten.

Freitagmorgen, 8.30 Uhr, minus zwei Grad in Gießen. Auf dem Campus Phil I der Justus-Liebig-Universität (JLU) zeigt ein Thermometer in einem Büro währenddessen ungemütliche 16,1 Grad an. So hat sich das die Universitätsleitung auch als Energiesparmaßnahme für das Wintersemester vorgestellt: An vier Werktagen soll in den Hochschulgebäuden eine Temperatur von 19 Grad gewährleistet und diese dann von Freitag bis Sonntag auf 16 Grad gedrosselt werden. Angestellte sollen dann von zu Hause arbeiten, solange die Arbeit vom Büro aus nicht »unumgänglich« ist. Für Studierende und nicht verschiebbare Lehrveranstaltungen wurden jedoch mehrere Wärmeorte eingerichtet. Dort soll auch am Freitag und Samstag noch geheizt werden. Aber werden diese Wärmeorte überhaupt genutzt oder befindet sich die Hochschule freitags nun im Winterschlaf?

In der Universitätsbibliothek am Philosophikum I kann von Winterschlaf keine Rede sein. Der Wärmeort ist zum Bersten mit Studierenden gefüllt - ob im Learning Lab oder den Sitzgruppen in den einzelnen Abteilungen: fast alle Plätze sind belegt. Zwei Frauen laufen von Stockwerk zu Stockwerk, um irgendwo einen Arbeitsplatz zu finden. Irgendwann schütteln sie nur noch resigniert den Kopf.

Ist Ende Januar kurz vor Beginn der Klausurenphase dieser Ansturm auf die Bibliothek vielleicht auch normal? Mitnichten, erzählen Studierende. Ein Examenskandidat der Zahnmedizin sagt: »Ich studiere schon seit sechs Jahren in Gießen, und so schlimm war es hier noch nie.« Die Suche nach einem Platz gehe schon auf dem restlos überfüllten Parkplatz los. Sein Sitznachbar pflichtet ihm bei: »Ich habe das Gefühl, seit Oktober wird es immer voller.« Diese Beobachtung deckt sich zeitlich mit dem Beginn des Wintersemesters und der Einführung der Energiesparmaßnahmen.

Kritik an der Kommunikation

Doch ein genereller Ansturm auf die Wärmeorte, die über die Stadt verteilt eingerichtet wurden, ist zumindest am Freitag nicht zu spüren. So ist die Bibliothek im Zeughaus neben dem Brandplatz nur sehr spärlich besucht. Viele der dort vorhandenen Arbeitsplätze sind unbenutzt. Das könnte aber auch an der Temperatur liegen. So muss ein Psychologiestudent, der die Ruhe dieser Bibliothek zum Lernen nutzt, lachen, als er gefragt wird, ob er wegen der Wärme hier sei. Er sagt: »Wirklich warm ist es hier nicht. Wir dürfen die Heizung nicht höher als auf Zwei stellen.« Dann zeigt er auf eine entsprechende Anweisung, die neben dem Thermostat hängt.

Tatsächlich trägt er einen Schal. Andere Studierende haben ihre Jacken angelassen. Dabei kommt es einem beim Betreten der Bibliothek erst einmal nicht besonders kalt vor, und auch ein mitgebrachtes Raumthermometer pendelt sich bei 18,9 Grad ein. Aber wenn man ein paar Minuten an einem der Arbeitsplätze vor den Glasfenstern des Altbaus sitzt, hat man das Gefühl, als würde von unten kalte Luft hereinziehen.

Auch im beheizten Foyer des Physikhörsaalgebäudes am Heinrich-Buff-Ring gibt es jede Menge leere Arbeitsplätze. Das soll aber nur freitags so sein, wie ein Physikstudent sagt: »Unter der Woche sind hier immer alle Sitzgruppen belegt.« Freitags fänden in seinem Studiengang jedoch nur wenige Vorlesungen statt, und so sind nur wenige Studierende vor Ort. Ein leerer warmer Raum zum Lernen, den die sechs Anwesenden anscheinend zu schätzen wissen.

Ein möglicher Grund, warum die Bibliothek am Phil I so überlaufen ist, andere Wärmeorte jedoch fast menschenleer sind, lässt sich vielleicht aus der Gegenfrage einer Studentin herauslesen: »Was sind Wärmeorte?« Mitarbeiter der Justus-Liebig-Universität hatten im Gespräch mit dieser Zeitung bereits zuvor eine schlechte Kommunikation der Wärmeorte kritisiert.

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seg_heinrichbuffringfoye_4c © Sebastian Schmidt
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seg_buero_210123_4c © Sebastian Schmidt

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