"Als ich jung war" heißt der Roman, aus dem der in einem Dorf bei Imst in Tirol geborene Norbert Gstrein vorliest. FOTO: MAN
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"Als ich jung war" heißt der Roman, aus dem der in einem Dorf bei Imst in Tirol geborene Norbert Gstrein vorliest. FOTO: MAN

In eigener Herkunft gegrast

  • Marion Schwarzmann
    vonMarion Schwarzmann
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Im zweiten Anlauf hat es endlich geklappt: Der österreichische Erfolgsautor Norbert Gstrein ist zu Gast beim Literarischen Zentrum Gießen. Wegen Corona können aber nur knapp 40 Zuhörer im Hermann-Levi-Saal des Rathauses erleben, wie er aus seinem jüngsten Roman vorliest.

Franz heißt der Protagonist und Ich-Erzähler in Norbert Gstreins Roman "Als ich jung war". Ein Gastwirtsohn aus dem hintersten Tirol, der schon als Jugendlicher im Betrieb seiner Eltern mithelfen muss. In der "Hochzeitsfabrik", wie die Familie ihr Schlossrestaurant despektierlich nennt, lichtet der 15-Jährige die Brautpaare am "schönsten Tag ihres Lebens" ab und erkennt schon bald an den Gesichtern der Frauen auf den Fotos, welche in ihr Unglück rennt. "Als ich jung war, glaubte ich an fast alles", bekennt Franz einmal. Bis auch ihn die Ereignisse aus der Bahn werfen. Eine Braut stirbt an ihrem Hochzeitstag und nur wenige Wochen zuvor hat er ein Mädchen gegen ihren Willen geküsst - ein minderjähriges, wie sich viel später herauskristallisiert.

"Ich habe noch mal in meiner eigenen Herkunft gegrast", erläutert Gstrein, der 1961 in einem Dorf bei Imst in Tirol geboren wurde, heute aber mit seiner Familie in Hamburg lebt. Im Gespräch mit dem Moderator Joachim Jacob vom Institut für Germanistik, der ausdrücklich die literarische Kunstfertigkeit des Autors lobt, bekennt Gstrein: "Die Themen kommen über mich, weil ich im Hier und Jetzt lebe." So lässt er beispielsweise in seinem vorletzten Roman "Die kommenden Jahre" eine deutsche Familie syrische Flüchtlinge bei sich aufnehmen. Zurückhaltend und mit angenehmem Timbre liest der Schriftsteller, der ein Mathematikstudium mit der Dissertation "zur Logik der Fragen" abgeschlossen hat, nicht nur die ersten Seiten seines 2019 mit dem österreichischen Buchpreis ausgezeichneten Werkes.

13 Jahre Skilehrer in Wyoming

Die Lesereise führt die aufmerksamen Gäste, unter ihnen Hausherrin Dietlind Grabe-Bolz, an diesem Mittwochabend auch in die USA nach Wyoming, wohin es den haltlosen Franz für 13 Jahre als Skilehrer verschlägt. Hier freundet er sich mit einem geheimnisvollen tschechischen Physikprofessor an, der bei ihm das Skifahren lernt und sich dann auf der Piste brutal das Leben nimmt. Über das Warum kann der Leser nur mutmaßen. Gstrein wirft zwar wichtige Fragen auf, gibt aber niemals eindeutige Antworten: "Ich schrecke vor allzu festen Behauptungen zurück."

"Dies ist ein Buch darüber, was wir über den anderen, aber auch über uns selbst wissen können", sagt er. So entpuppt sich seine Figur des Franz nach und nach als unzuverlässiger, ja sogar unheimlicher Erzähler. "Er macht sich immer wieder zu einem Verdächtigen", findet Gstrein. Darin liegt der Reiz dieses fantasieanregenden Werkes, das diese Zeitung bereits Anfang des Jahres als Fortsetzungsroman abgedruckt hat. Die ursprünglich für Ende März disponierte Lesung des sympathischen Autors hat die erste Corona-Welle davongeschwemmt. Wie schön, dass der erneute Termin - wenn auch vor kleinem Publikum - der zweiten Welle jetzt standhalten konnten.

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