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Ehrensache für echte »Tafelianer«

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Von: Christine Steines

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Gisela Hinderfeld hat beim Sortieren der Lebensmittel alles im Griff. © Oliver Schepp

Sie sind schnell, zuverlässig, gut organisiert, teamfähig und freundlich. Was klingt wie die Stellenbeschreibung für die berühmte eierlegende Wollmilchsau, trifft auf die Männer und Frauen zu, die dafür sorgen, dass die Tafel funktioniert. Ohne Ehrenamtliche läuft dort nichts. Gisela Hinderfeld (76) und Angelika Balser (62) sind zwei tragende Säulen des großen Teams.

Donnerstag, 13.45 Uhr. Vor der Ausgabe der Tafel im Leimenkauter Weg hat sich eine Schlange gebildet. Frauen mit kleinen Kindern stehen dort, ältere Paare, einige Senioren sind alleine gekommen. Es ist »ihr« Tafel-Tag, jeder der Wartenden hat einen festen Termin, den er nach Möglichkeit nicht verpasst. Früher, sagt Tafel-Koordinatorin Anna Conrad, sei es ab und zu passiert, dass Nutzer ihre Kisten nicht pünktlich abgeholt hätten. Das komme heute nicht mehr vor. »Die Leute sind mehr denn je auf diese Unterstützung angewiesen«, sagt sie.

Das hat auch Angelika Balser beobachet. Die Ehrenamtliche ist jede Woche an der Ausgabestelle beschäftigt, sie sorgt mit ihrem Team dafür, dass die Nutzer ihre Kisten mit frischem Gemüse und Obst, mit Nudeln und Mehl, Brot und Milchprodukten bekommen. Die 62-Jährige ist schon seit 14 Jahren dabei. Als sie nach der Familienzeit zu Hause das Gefühl hatte, ein wenig Luft für andere Dinge zu haben, schloss sie sich den Kollegen und Kolleginnen der Tafel an. Bereut hat sie diese Entscheidung nie. Im Gegenteil. Sie freut sich über den »Superzusammenhalt« im Team und betrachtet den Austausch als große Bereicherung. Schon seit über 13 Jahren leitet sie ihr Team, die Koordination der Dienste und Aufgaben liegt ihr. Gleichzeitig wird ihr immer wieder vor Augen geführt, wie es Menschen mit geringem Einkommen ergeht. »Ich achte und schätze noch mehr, was ich selbst habe«, sagt sie. Von diesem Privileg gebe sie ein bisschen zurück. Im Laufe der Jahre hat sie viele unterschiediche Typen erlebt: Solche mit übertriebenen Ansprüchen und aufbrausendem Temperament, wenn etwas nicht nach ihren Wünschen ging. Doch in der Regel habe sie es mit freundlichen Menschen zu tun, die der Tafel und ihren Mitarbeitern viel Wertschätzung entgegen brächten.

Wenn Angelika Balser und ihre Mitstreiter am Nachmittag die Kisten an den Mann und die Frau bringen, haben andere Ehrenamtliche ihren Job bereits hinter sich. Beim Sortieren der Lebensmittel darf man nicht allzu empfindlich sein, denn längst nicht alles, was die Fahrer in den Supermärkten abholen, ist in einem einwandfreien Zustand. Faulige Kartoffeln, welker Salat, matschige Tomaten... dieser Ausschuss muss entsorgt werden. Wer sich nicht die Hände schmutzig machen möchte, ist hier eindeutig fehl am Platz. Gisela Hinderfeld hat damit kein Problem. Sie ist eine zupackende Frau, die rund um den großen Sortiertisch alles im Griff hat. »Ich organisiere gerne«, sagt sie. Sie hat für ihr Team einen ausgeklügelten Plan der kurzen Wege und ökonomischen Abläufe erarbeitet. Das strukturierte Arbeiten liegt der ehemaligen Lehrerin. Die 76-Jährige ist schon seit 15 Jahren ein fester Bestandteil der Tafel-Truppe. Ihr Mann Heribert war ebenfalls lange mit von der Partie, er gehörte dem Fahrdienst an, schied aber vor einiger Zeit aus gesundheitlichen Gründen aus. »Als wir in Pension gingen, war für uns klar, dass wir uns ehrenamtlich engagieren würden«, erinnert sie sich.

Als Berufsschullehrerin hat sie das Fach Ernährung unterrichtet. Schon damals sei Nachhaltigkeit ein zentrales Thema gewesen und diese ist bis heute Teil der Motivation für ihr Ehrenamt. »Das Ausmaß der Lebensmittelverschwendung finde ich fatal«, sagt sie. Bei der Tafel setze man ein gutes Konzept dagegen.

Kurz bevor das Team morgens gegen 8.45 Uhr mit seiner Arbeit beginnt, ist Gisela Hinderfeld vor Ort und verschafft sich einen Überblick. Dann werden im wahrsten Sinne des Wortes die Ärmel hochgekrempelt. Etwa 200 große Kisten werden in einer Schicht gepackt und so in die Regale geräumt, dass die Kollegen der Ausgabestelle sich später gut zurecht finden. »Mit all den Wegen, dem Heben und Schlepppen ist das schon ein richtiges Sportprogramm«, schildert die zierliche Seniorin. Da sie viel in Bewegung ist und mit Leidenschaft walkt, Wassergymnastik liebt und zum Square Dance geht, ist das kein Problem. Aber an-strengend ist es doch. »Am Nachmittag muss ich mich erst mal ausruhen«, sagt sie und lacht.

Beim gemeinsamen Frühstück des Teams wird über dies und das gesprochen. Die Pause dient auch dazu, das Gruppengefühl zu stärken. Als im Juni bekannt wurde, dass einige aus den eigenen Reihen Lebensmittel im großen Stil beiseite geschafft haben, waren alle bestürzt, berichtet Hinderfeld. Schwarze Schafe habe es immer schon mal gegeben, aber das Ausmaß der kriminellen Energie sei für alle ein Schock gewesen, berichtet auch Angelika Balser. Vor diesem Hintergrund finden es beide Frauen auch absolut richtig, dass es strikt verboten ist, Lebensmittel (außer verderbliche Ware, die sonst entsorgt werden müsste) mitzunehmen.

Dass diese Anweisung für sie sowie die meisten Mitstreiter überflüssig ist, versteht sich von selbst. Das Wort Ehrenamt bedeutet zwar eigentlich etwas anderes, aber für die aufrechten »Tafelianer« ist Loyalität tatsächlich Ehrensache.

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Angelika Balser (r.) sorgt mit ihrem Team in der Ausgabestelle dafür, dass die Nutzer ihre Lebensmittelkisten bekommen. FOTOS SCHEPP © Oliver Schepp

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