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Tilemachos Mechanezidis repariert in der Werkstattkirche regelmäßig Elektrogeräte. Seine Frau Birgit unterstützt die Einrichtung ebenfalls.

Nordstadt

Ehrenamtliche in der Werkstattkirche in Gießen: Werkeln statt wegwerfen

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Elektrogeräte sind zu Wegwerfprodukten verkommen. Die Werkstattkirche in der Nordstadt stemmt sich gegen diesen Trend - dank ehrenamtlicher Helfer wie Tilemachos und Birgit Mechanezidis.

Gießen – Tilemachos Mechanezidis wirkt ratlos. Vor ihm liegt eine goldfarbene Lampe, die nicht funktioniert. Eigentlich eine Leichtigkeit für den Gießener, meist ist es mit ein paar Handgriffen getan. Doch diese Lampe erweist sich als hartnäckig. »Der Zettel fehlt, auf dem der Defekt festgehalten ist«, sagt der 76-Jährige. Dann geht ihm ein Licht auf.

Mechanezidis ist einer der E´hrenamtlichen der Werkstattkirche. Die Regale der Einrichtung sind vollgestopft mit alten Dampfbügeleisen, Druckern, CD-Playern, Brotschneidemaschinen und Lampen. Viele Geräte stammen von Bewohnern des Viertels, die sich eine Reparatur oder eine Neuanschaffung nicht leisten können. In der Werkstattkirche werden sie nur gebeten, eine Spende zu geben, und das auch nur, wenn es das Portemonnaie erlaubt. Manche Geräte sind Geschenke, damit sie repariert neuen Besitzern gute Dienste leisten können. Hinzu kommt, dass die Verantwortlichen so mit den Nordstädtern in Kontakt kommen und sie von anderen Angeboten überzeugen können.

Gießen: Nachhaltigkeit zentral für Repair-Café

»Das Repair-Café ist eines unser kontinuierlichsten Angebote«, sagt Ruhestandspfarrer Christoph Geist, der die Werkstattkirche zusammen mit Bärbel Weigand leitet. Neben der Hilfe für die Menschen im Viertel sei der Aspekt der Nachhaltigkeit ein zentraler Antrieb. Das Angebot ist aber auch eine Möglichkeit für Menschen wie Mechanezidis, die ihren Ruhestand nicht auf der Couch verbringen wollen.

Mechanezidis kam 1970 als Gastarbeiter nach Deutschland. Zunächst arbeitete er als Kranführer, bevor er ein Studium der Elektrotechnik an der damaligen Fachhochschule Gießen-Friedberg begann. Nach dem Abschluss arbeitete Mechanezidis nur kurz als Ingenieur. Zusammen mit seiner Ehefrau Birgit und weiteren Partnern eröffnete er 1980 das »Dionysos« in der Troppauer Straße, 1983 folgte in Eigenregie das »Bakchos« in der Ludwigstraße. 2012 endete die Gastro-Zeit des Ehepaares, das »Bakchos« schloss. Und dann? »Wenn man 32 Jahre lang 17 Stunden am Tag arbeitet, kann man nicht einfach nichts tun«, sagt Birgit Mechanezidis. So suchten die beiden eine Tätigkeit, um auch im Ruhestand nicht einzurosten. In der Nordstadt wurden sie fündig.

»Ich wollte etwas machen, das zu mir passt«, sagt Tilemachos Mechanezidis. Anfangs habe er als Übungsleiter in der Zaug-Werkstatt gearbeitet. Dann sei er in der Zeitung auf das Angebot der Werkstattkirche gestoßen. »Ich habe einfach mal vorbeigeschaut und Bärbel und Christoph getroffen. Es hat direkt gepasst«, sagt Mechanezidis und fügt lachend hinzu: »Die beiden sind wie ich. Sie begegnen Menschen mit offenen Armen.«

Werkstattkirche in Gießen: Nachhaltigkeit zentraler Antrieb

Der Gießener hätte keinen besseren Zeitvertreib finden können. In der Werkstattkirche werkelt er mit Gleichgesinnten und hat Spaß dabei. Gleichzeitig hilft er anderen. »Ich versuche immer alles zu reparieren. Ich kann nichts wegschmeißen«, sagt er und blickt grinsend zu seiner Frau: »Bei uns zu Hause stapelt sich auch alles.« Seit fünf Jahren kommt Mechanezidis zweimal im Monat in die Ederstraße und repariert alte Geräte. Seine Frau Birgit unterstützt das Werkstattkirchen-Team ebenfalls, zum Beispiel in der Küche. Manchmal greift sie auch ihrem Mann unter die Arme. Zum Beispiel bei der störrischen goldfarbenen Lampe.

Tilemachos Mechanezidis hat einen lockeren Kontakt befestigt. Das Problem ist aber noch nicht gelöst. »Die Lampe geht zwar wieder an, aber nicht mehr aus«, sagt der 76-Jährige. Der Vorbesitzer wusste das offenbar und hat einen neuen Einschalt-Knopf gekauft. Dummerweise passt er nicht in das dafür vorgesehene Loch. Also greift Mechanezidis zum Bohrer und weitet die Fassung. Die Feinarbeit erledigt er mit einer Feile. Es dauert ein bisschen, aber schließlich passt der Ein-Aus-Knopf in das vorgesehene Loch. Anschließend verlötet Mechanezidis die Kontakte. Seine Ehefrau Birgit sorgt derweil dafür, dass die Lampe nicht verrutscht. Mechanezidis legt den Lötkolben zur Seite und lächelt: »Fertig!«

Somit kann die Goldlampe schon bald an einem anderen Ort der Nordstadt Licht ins Dunkel bringen.

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