Kartenspiel in Zeiten von Corona: Helmut Blassl und Annette Arnold mit zwei Bewohnern des AWO-Hauses . FOTO: SCHEPP
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Kartenspiel in Zeiten von Corona: Helmut Blassl und Annette Arnold mit zwei Bewohnern des AWO-Hauses . FOTO: SCHEPP

Vorruhestand

Ehemalige Beamte engagierte sich in Gießen im Wohheim für Suchtkranke

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Kita, Seniorenheim oder THW - es wäre vieles möglich gewesen. Doch die Beamten wählten das Wohnheim für Suchtkranke der Arbeiterwohlfahrt. Nach anfänglichen Berührungsängsten stellten Anette Arnold und Helmut Blassl fest, dass sie hier wirklich helfen können.

Ein Arzttermin steht an. Für die meisten der Männer, die im Wohnheim der Arbeiterwohlfahrt im Falkweg leben, ist das eine größere Sache und angstbesetzt - der Kontakt mit Behörden und Krankenhäusern wird nach Möglichkeit gemieden. Das hängt mit der Suchterkrankung und ihren Folgen zusammen, schildert Andreas Wilhelmi, der Bereichsleiter der AWO-Suchthilfeeinrichtung. Sie sind über die Jahre misstrauisch geworden. Müssten die Männer den Termin alleine wahrnehmen, würden sie vielleicht in letzter Sekunde kehrt machen. Aber sie sind nicht alleine. Anette Arnold oder Helmut Blassl können sie begleiten. Zur Not setzen sie sich auch ein paar Stunden mit ins Wartezimmer. "Das ist großartig, denn die Zeit hat ein Hauptamtlicher einfach nicht", sagt Wilhelmi. Zudem seien die Ehrenamtlichen ideale Begleiter: Ruhig, freundlich, zugewandt. Früher haben die Zivis diesen Job gemacht, heute sind es die Buftis, die Ehrenamtlichen des Bundesfreiwilligendienstes. Sowohl mit den jungen Leuten als auch mit den älteren Semestern habe man gute Erfahrungen gemacht. Wenn die Helfer empathisch seien, spiele das Alter eine untergeordnete Rolle, aber Lebenserfahrung sei sicher hilfreich.

Die Männer, die im AWO-Wohnheim leben, sind zwischen 45 und 70 Jahre alt. Sie sind körperlich und zum Teil auch psychisch schwer beeinträchtigt, sie sind "chronisch mehrfach abhängig" (CMA). Der Hilfeverbund Wohnen und Arbeit hat Angebote für unterschiedliche Bedürfnisse: Er bietet Nichtsesshaften vorübergehend einen Schlafplatz, begleitet Menschen in dezentralen Wohnungen im betreuten Wohnen und bietet den chronisch Abhängigen eine dauerhafte Bleibe. Viele von ihnen sind schwer krank. Sie haben lange Jahre auf der Straße gelebt, ihre Familien und ihre Jobs haben sie verloren. "Sie sind froh, dass sie jetzt hier bei uns ein Dach über dem Kopf und geregelte Abläufe haben", sagt Wilhelmi.

Für Annete Arnold und Helmut Blassl waren das bis vor kurzem fremde Welten. "Klar wusste ich, dass Suchtkrankheiten das Leben kaputt machen, doch ich hatte nie Kontakt mit Menschen, die auf der Straße gelebt haben", sagt Blassl. Heute spielt er mit ihnen Rommé oder sie erledigen gemeinsam Einkäufe. "Wir kommen gut klar miteinander", sagt er. Blassl ist Beamter, ebenso wie seine Kollegin Anette Arnold hat er sich mit seinem Arbeitgeber darauf verständigt, den Job vor Erreichen des Rententeintrittsalters zu beenden. "Engagierter Ruhestand" nennt sich das Modell, bei dem Beamte von Post, Telekom oder Postbank abschlagsfrei früher gehen können, wenn sie ein Ehrenamt übernehmen. 1000 Stunden müssen es sein, diese können innerhalb von drei Jahren oder aber "am Stück" geleistet werden. Das Angebot richtet sich an Mitarbeiter, die älter als 55 Jahre sind und sich im "Personalüberhang" befinden - was bedeutet, dass es ihre bisherigen Stellen nicht mehr gibt. Das war bei den beiden "Buftis" der Fall. Arnold hat früher an Postschaltern gesessen, zuletzt war sie in der Briefermittlungsstelle in Marburg tätig. Blassl kommt aus dem Rundfunkbereich, er war deutschlandweit mit der Einrichtung rundfunktechnischer Anlagen betraut. In Sachen Ehrenamt ist er ein "alter Hase". Denn schon lange leitet er einen Kochclub in der Busecker Familienbildungsstätte. Eine sinnvolle Arbeit für die Allgemeinheit tun zu können, macht ihm Freude. Während er erst vor kurzem im Falkweg angefangen hat, ist Arnold schon länger dabei. Anfangs war ihr vor den Begegnungen ein bisschen bange - doch mittlerweile spielt sie mit dem Gedanken, auch über ihre Pflichtzeit hinaus als Ehrenamtliche zu bleiben. "Ich erzähle zu Hause gerne von meinen Jungs", sagt sie und lacht. Das Team der Sozialarbeiter habe es ihr zudem leicht gemacht: "Ich fühlte mich von Anfang an gut unterstützt und willkommen".

Vom Modell des "engagierten Ruhestandes" profitieren also alle Beteiligten. Der Perspektivwechsel ist aus Sicht der Beamten auf jeden Fall eine Bereicherung - und wenn es "nur" die Erfahrung ist, jemandem beizustehen, der sich im Stillen vor dem Arztbesuch fürchtet.

Buftis willkommen

Kornelia Steller-Nass kümmert sich bei der AWO um die Ehrenamtlichen, auch Bundesfreiwillige hat sie schon häufig engagiert. Das Modell "Bundesfreiwillige im engagierten Ruhestand" haben bisher vier Postbeamte wahrgenommen.

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