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Line Krom hat die Motive mit nur einer Farbe gemalt. FOTO: DKL

Die Effizienz-Künstlerin

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Es gibt nur wenige Künstler, die derart theoriebasiert arbeiten. Wohlgemerkt: eine Theorie jenseits kunsttheoretischer Debatten. Line Krom arbeitet in Kulturinstitutionen und erlebt seit Jahren die Rigidität der Sparmaßnahmen. Doch wie weit kann man reduzieren und noch ein akzeptables Ergebnis erhalten? Wann verschwindet die Kunstäußerung?

Beim Neuen Kunstverein zeigt Line Krom einen Werkzyklus unter dem Titel "Trim the fat". Der Begriff aus der Ökonomie meint die allgegenwärtigen Verschlankungsbestrebungen in Betrieben. Alles vermeintlich Überflüssige entfernen, dann läuft es effizient. Was dabei verloren geht, darum schert sich kaum jemand in den Chefetagen. Auf das Individuum bezogen heißt es: Enthaltsamkeit, Disziplin, Selbstkontrolle, das sind historisch religiöse Werte, die mit dem Begriff Askese belegt sind.

Line Krom lebt in Frankfurt. Sie studierte Kunst und Kulturwissenschaften in London, Berlin und Frankfurt, war Artist in Residence in Japan, London und Kopenhagen. Sie hat weltweit ausgestellt. Parallel arbeitet sie als Kuratorin und unterrichtet am Institut für Kulturanthropologie der Universität Frankfurt. Ihr Interesse gilt der inklusiven Kulturinstitution mit dem Fokus auf Dekonstruktion von Hierarchien, um Schnittstellen zwischen Kunst und sozialer Arbeit zu entwickeln.

Krom ist nicht zum ersten Mal in Gießen, 2015 zeigte sie ihre Faden-Arbeiten in der Hardthof-Galerie. Dabei ging es um die (Nicht-)Bezahlung von Mitarbeitern im Kulturbetrieb. Sie veranschaulichte die Abhängigkeit der Kunst von der Arbeit der Personen. Wenn diese nicht mehr für die Präsenz von Kunst im öffentlichen Raum sorgen, dann gibt es sie nicht. Im Kulturbetrieb steckt vor allem ehrenamtliche Arbeit und Fördergelder. Davon leben können die wenigsten Kunstschaffenden.

"Malen nach Zahlen"

Den Slogan für die Gießener Präsentation, "Trim the fat!", visualisiert sie über ein demokratisches Malangebot, über "Malen nach Zahlen". Das lässt sich online bestellen, verschiedene Motive stehen zur Auswahl, Farbdöschen und Pinsel werden mitgeliefert. Ungeübte können selbst ein Bild malen. Krom hat das Motiv Boot unter Palmen ausgewählt. Doch hat sie daraus monochrome Bilder gemacht, also das Motiv mit jeweils einer Farbe ausgeführt. Ihr Interesse galt der Effizienz-Frage: wie viele Ansichten lassen sich aus den Farbtöpfchen herausholen? Bei einer Farbe war es nur ein Blatt, bei anderen bis zu fünf. Es ist also eine Serie entstanden, von der nur eine Auswahl an den Kunstvereinswänden hängt.

Auf einem Bodenpodest ausgebreitet sind Farbproben und Berechnungen, außerdem dreidimensionale Kuben aus Farbstreifen. Ursprungsmotive und Materialien sind in den bodennahen Nischen ausgestellt. Der gesamte Ausstellungsraum wird also genutzt und ist trotzdem ästhetisch ansprechend.

Die Ausstellung im Kunstverein wird heute um 18 Uhr eröffnet, zur Einführung spricht Lisa Beißwanger. Das Künstlergespräch findet am letzten Ausstellungstag, 18. Januar, um 16 Uhr statt. Tipp: Anfang 2020 folgt eine Werkpräsentation im Frauen Museum Wiesbaden.

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