Effekt von Kontrollen

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Gießen (pm). Warum verstoßen Beschäftigte in Unternehmen gegen Regeln? Warum gelten im dienstlichen Umfeld offenbar andere Maßstäbe als im privaten Bereich? Mit den Ursachen möglichen Fehlverhaltens von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie dem Effekt von Kontrollen beschäftigt sich Prof. Dr. Corinna Ewelt-Knauer, Inhaberin der Professur für Financial Accounting am Fachbereich 02 - Wirtschaftswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) mit ihrem Team sowie mit Kolleginnen und Kollegen der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Potsdam und der Ivey Business School (Kanada).

Unterschiedliche Denkweisen

»Mich treibt seit längerem die Frage um, warum Menschen in Unternehmen gegen Regeln verstoßen, während sie im privaten Bereich keine ›Kleinkriminellen‹ sind«, sagt Ewelt-Knauer: »Wir sind deshalb der Frage nachgegangen, was mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern passiert, sobald sie morgens die ,Schwelle‹ zum Unternehmen übertreten.« Durchgeführt wurden zwei experimentelle Studien mit 265 Probandinnen und Probanden über mehrere Runden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekamen Aufgaben gestellt, bei denen sie entscheiden konnten, ob sie sich an Regeln halten, oder bewusst gegen Regeln verstoßen. In einer ersten Studie kam das Forscherteam zu der Erkenntnis, dass Mitarbeitende stärker gegen Regeln verstoßen, wenn seitens der Unternehmensleitung Kontrollen eingesetzt werden, anders als in Situationen, in denen sie nicht kontrolliert werden.

Die Wissenschaftlerin begründet diesen Befund mit den unterschiedlichen Denkweisen, die bei den Beschäftigten ausgelöst werden: Wenn die Betroffenen keine Kontrollen erwarten, dann erfolgen ethische Überlegungen dazu, ob sie bestimmte Regeln brechen sollten oder besser nicht. Wenn die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter aber weiß, dass es Kontrollen gibt, dann treten solche ethischen Überlegungen in den Hintergrund. Vielmehr wägen die Betroffenen in diesen Fällen offenbar »Kosten und Nutzen« ab, um zu beurteilen, ob sich ein Regelbruch lohnen könnte. »Wir sind aber nicht naiv: Das Ergebnis unserer Experimentreihe kann nicht der Appell an Unternehmen sein, am besten auf alle Kontrollen zu verzichten«, resümiert Ewelt-Knauer. »Wir müssen aber stärker darüber nachdenken, wie die Kontrollen in Unternehmen gestaltet werden sollten.«

Daher hat sich das Forscherteam in seiner zweiten, aktuellen Studie mit dem Design von Kontrollen beschäftigt. Es zeigte sich, dass bereits kleine Veränderungen im Kontrolldesign das Fehlverhalten von Mitarbeitenden deutlich reduzieren können. »Dies kann für viele Unternehmen eine riesige Chance sein«, sagt Dr. Sandra Winkelmann, Mitarbeiterin an der Professur für Financial Accounting der JLU. Es fällt den Probandinnen und Probanden insbesondere dann schwerer, gegen Regeln zu verstoßen, wenn sie einen unmittelbaren persönlichen Kontakt zur Kontrolleurin beziehungsweise zum Kontrolleur hatten, so die Beobachtungen. »Finden die Kontrollen dagegen ohne einen persönlichen Kontakt statt, haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefühlsmäßig weniger zu verlieren, sodass das Fehlverhalten steigt«, begründet Winkelmann die Forschungsergebnisse weiter.

Persönliches Treffen kann helfen

Dieses Ergebnis ist im Zeitalter der Digitalisierung und mit Blick auf die hohe Anzahl der Remote-Prüfungshandlungen interessant, die viele Abschlussprüfer wegen der Corona-Pandemie machen müssen. »Unternehmen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sollten sich gut überlegen, ob sie nach der Corona-Pandemie diesen hohen Umfang an Fernprüfungshandlungen beibehalten. Denn es schadet sicher nicht, wenn Beschäftigte die Abschlussprüferin oder den Abschlussprüfer auch einmal persönlich trifft«, empfiehlt Ewelt-Knauer. Und sie ergänzt: »Sollte eine solche persönliche Begegnung aufgrund der Unternehmensstrukturen oder der aktuellen Situation nicht möglich sein, sollten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möglichst wenig Details über die Kontrollen kennen, um die eigenen ,Kosten-Nutzen-Abwägungen‹ zu erschweren.«

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