Das Verfahren gegen die mutmaßlichen Köpfe des Online-Drogenhandels Chemical Revolution findet wegen der zahlreichen Beteiligten in der Kongresshalle statt. FOTO: KHN
+
Das Verfahren gegen die mutmaßlichen Köpfe des Online-Drogenhandels Chemical Revolution findet wegen der zahlreichen Beteiligten in der Kongresshalle statt. FOTO: KHN

Ecstasy mit Merkel-Konterfei

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
    schließen

Worüber Drogenhändler in Chats so plaudern, war Thema im Verfahren gegen die mutmaßlichen Köpfe von Chemical Revolution, Deutschlands größtem Drogenhandel im Netz. Da passen Kanzlerin Merkel, teure Uhren und der beste Döner unter einen Hut.

Der Gedanke, das Konterfei von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Ecstasy-Tabletten zu pressen, amüsiert die beiden Chat-Partner ungemein. "Hahahaha" oder "Geil", schreiben sie immer wieder. Könnten diese Pillen dieMarke für Deutschlands größten Online-Versandhandel für Drogen - Chemical Revolution - sein? Einer der Chat-Partner ist der Angeklagte und Hauptbelastungszeuge im Verfahren am Landgericht Gießen, Arkadiusz D. Die Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) gehen davon aus, dass die andere Person "Joko" ist, der mutmaßliche Kopf der Gruppe. Bei ihm soll es sich nach Einschätzung des BKA um den Deutschen Daniel B. handeln, der zuletzt auf Mallorca lebte. "Wir ficken die deutschen Behörden", schreibt Arkadiusz D. Sein Chatpartner erwidert: "Und wiiiiiie." Die Antwort des Niederländers mit polnischen Wurzeln: "Alle Deutschen high, wer will das nicht?"

Vielteiliges Puzzle

In der jüngsten Sitzung des Großverfahrens gegen sieben mutmaßliche Online-Drogenhändler in der Kongresshalle stand die Auswertung des iPhones von Arkadiusz D. im Mittelpunkt. Das Smartphone hatten die Ermittler erhalten, nachdem der 30 Jahre alte Mann nach seiner Rückkehr aus Kolumbien in Spanien festgenommen wurde. In den dort sichergestellten Chat-Verläufen wird nach Ansicht des BKA deutlich, wie Chemical Revolution organisiert war, welche Aufgaben die sieben Angeklagten innerhalb der Gruppe hatten.

Die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt wirft den 25 bis 44 Jahre alten Männern vor, bandenmäßig mit großen Mengen Drogen gehandelt zu haben. Es geht unter anderem um 130 Kilogramm Amphetamin, 42 Kilo Cannabis und sechs Kilo Kokain. Die Drogen sollen über Kuriere von den Niederlanden aus nach Deutschland transportiert und dort in Ferienwohnungen wie in Ortenberg deponiert worden sein. "Kunden" des Shops erhielten die Betäubungsmittel (BTM) per Post. Die Angeklagten sollen zwischen 2017 und 2019 eine Million Euro in der Kryptowährung Bitcoin erlangt haben.

Das Gericht unter dem Vorsitz von Dr. Klaus Bergmann ging mit dem ermittelnden BKA-Beamten die Chat-Verläufe detailliert durch. Keine einfache Angelegenheit: Denn die Gespräche über Nachrichtendienste wie WhatsApp, Telegram oder Wickr sind voller Codewörter oder springen zwischen diversen Themen hin und her. Für die Ermittler sind die Online-Gespräche jedoch ergiebig. Denn dort tauchen die mutmaßlichen Mitglieder der Gruppe mit Pseudonymen auf. Arkadiusz D. hatte den BKA-Ermittlern die dazugehörigen Klarnamen genannt. Außerdem, sagte der BKA-Beamte im Zeugenstand, ergaben sich in den Chat-Verläufen Details zu Drogenlieferungen.

Es muss ein vielteiliges und schweres Puzzle gewesen sein, das die Ermittler zusammengesetzt haben. Denn sie mussten zum Beispiel anhand des Geschriebenen immer wieder abwägen, wer welche Entscheidung getroffen hat. So soll die Hierarchie innerhalb der Gruppe sichtbar gemacht werden. In einem Gespräch zwischen Arkadiusz D. und "Joko", der dazu wohl ein weiteres Pseudonym nutzte, geht es zum Beispiel um einen zum Onlineshop passenden Slogan: Soll der Zusatz zu Chemical Revolution "Der Beginn einer neuen Ära", "Eine neue Ära des Drogenkaufs hat begonnen" oder "Drogen kaufen revolutioniert" lauten?

Rat von "Joko"

Bei dem Slogan mitreden durften nach Ansicht des BKA-Ermittlers ein 30 Jahre alter Deutscher, der für die Verpackung und den Versand der Drogen zuständig war, sowie ein 30-jähriger Deutschpole, der den Transport organisiert haben soll. Aber entschieden habe am Ende "Joko", betont der Kriminalbeamte. Die Aufgaben der anderen Männer, sagte der Ermittler, seien klar umrissen gewesen: Arkadiusz D. habe die Kontakte zu Drogenhändlern und -kurieren vermittelt, ein 36 Jahre alter Niederländer habe die BTM beschafft, der 30 Jahre alte Deutsche die Wohnungen angemietet und der gleichaltrige Deutschpole den Transport durch zwei Fahrer koordiniert.

Mit Arkadiusz D. hatte der als "Joko" bekannte mutmaßliche Hintermann der Gruppe wohl ein Vertrauensverhältnis. Zweimal haben sich die beiden nach Angaben des 30 Jahre alten Niederländers auf Mallorca getroffen. Außerdem drehen sich die Chats auch um private Themen. Arkadiusz D. beispielsweise erzählt ihm vom Kauf einer Uhr für 40 000 Euro. "Joko" gibt ihm den Rat, bloß nicht damit zu einer Prostituierten zu gehen - denn dann werde die Uhr gestohlen. Dann reden die beiden immer wieder über Döner. Laut Arkadiusz D. habe Daniel B. lange in Spanien gelebt und deshalb Döner vermisst.

Aus den Ecstasy-Tabletten mit dem Konterfei der Bun-deskanzlerin ist übrigens nichts geworden. Die Maschine zur Pressung dieser Pillen würde 10 000 Euro kosten, schreibt Arkadiusz D. laut Chat-Protokoll seinem Gesprächspartner. Bei solchen Summen hört der Spaß dann wohl auf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare