"E-Mobilität wird bei uns alles verändern"

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Andrea Michel-Lebeau führt gemeinsam mit Schwester Petra Michel-Förstl und deren Schwiegertochter Regina Förstl das Gießener Autohaus Michel. Seit mehr als 30 Jahren steht sie an der Spitze. Das Jahr 2018 – zwischen Diesel-Skandal und Fahrverbot – hat der Mittfünfzigerin alles abverlangt. Wie sie es geschafft hat, das Unternehmen im Spannungsfeld zwischen Kunden, Mitarbeitern und VW-Konzern auf Kurs zu halten, erzählt sie im Interview.

Andrea Michel-Lebeau führt gemeinsam mit Schwester Petra Michel-Förstl und deren Schwiegertochter Regina Förstl das Gießener Autohaus Michel. Seit mehr als 30 Jahren steht sie an der Spitze. Das Jahr 2018 – zwischen Diesel-Skandal und Fahrverbot – hat der Mittfünfzigerin alles abverlangt. Wie sie es geschafft hat, das Unternehmen im Spannungsfeld zwischen Kunden, Mitarbeitern und VW-Konzern auf Kurs zu halten, erzählt sie im Interview.

Von Marc Schäfer

Nach Softwarebetrug und Diesel-Fahrverbot: Wie geht es einer VW- und Audihändlerin im Jahr 2019?

Andrea Michel-Lebeau: Da müssen wir zurückblicken. Den 18. September 2015 werden wir nie vergessen. Damals wurde bekannt, dass Volkswagen mit Schummel-Software betrogen hat. Wir waren schockiert und verunsichert. Die Jahre 2015 und 2016 waren auch schwierig, aber Diesel per se geriet erst 2017 durch die Deutsche Umwelthilfe in den Fokus, die Dieselfahrverbote zum Thema gemacht hat. 2018 war dann das schwierigste Jahr in der Kundenbeziehung. Wir wussten meistens auch nicht mehr als das, was in der Presse stand. Kurz nach dem Lesen der Zeitung, riefen schon die ersten verunsicherten Kunden an. Wir mussten die Mitarbeiter informieren und schauen, wie man durch den Tag kommt. Ab August hatten wir hier jeden Tag Unwetterwarnung. Mittlerweile ist es ruhiger geworden, die Menschen haben wieder etwas mehr Vertrauen in den Diesel.

Was haben Sie getan, um Vertrauen zurückzugewinnen?

Michel: Wir haben sehr viel gesprochen und das Thema zur Chef- und Führungskräftesache gemacht, auch um unsere Mitarbeiter zu schützen. Die können nichts dafür, bekommen aber immer die erste Welle ab. Einige hat das derart belastet, dass sie sich diesen kritischen Gesprächen nicht mehr aussetzen konnten. Wir haben viele Gespräche und auch Seminare durchgeführt, denn Kritik und Frust der Kunden sind verständlich – das darf man aber nicht persönlich nehmen. Mit Verkaufshilfen, Anschlussgarantien und Wartungspaketen haben wir oft auch ein anderes Fahrzeug verkaufen können. Für viele Autofahrer ist der Diesel aufgrund des Fahrprofils alternativlos und auch die CO2-Ziele sind ohne Diesel nicht zu erreichen. Zum Glück hat der Bundesrat vor Kurzem entschieden, dass Euro-6-Fahrzeuge nicht von Dieselfahrverboten betroffen sein werden. Das konnte ich als Händler bis jetzt nur sehr eingeschränkt garantieren, und 2018 war dies in nahezu allen Kundengesprächen Thema.

Ihre Familie ist seit 1975 VW-Partner. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu VW verändert?

Michel: Es ist eine große Enttäuschung da, keine Frage. Der eine oder andere Außendienstler hat meinen Frust auch abbekommen. Aber wir haben nur diesen einen Lieferanten und müssen diese Krise gemeinsam durchstehen. Ich kann aber verstehen, dass die Menschen sauer sind auf Volkswagen. Ohne Frage: Wir haben Kunden verloren. Glücklicherweise kaufen aber auch nach wie vor noch viele Kunden Volkswagen. Wir sind noch immer mit weitem Abstand Marktführer. 20 Prozent aller Fahrzeugkäufer sagen, VW baut tolle Autos.

Sie sitzen im Händlerbeirat von VW. Mit welchen Themen konfrontieren Sie die Herren in Wolfsburg?

Michel: Zum Beispiel fordern wir, dass wir vertrauensbildende Maßnahmen brauchen für unsere Kundenbeziehung in Form von Garantien, Wartungsverträgen, Verkaufshilfen. Aber natürlich sprechen wir auch ganz konkret über Schadensersatz, denn durch die Wertminderung vieler Diesel haben wir natürlich auch viel Geld verloren.

Ist der Ton im Autohaus rauer geworden?

Michel: Nicht insgesamt, aber es gibt manche, die einen raueren Ton anschlagen. Es gibt aber auch Kunden, die das alles mit großer Gelassenheit sehen. Auch wenn sich herausgestellt hat, dass der Dieselskandal mehrere Unternehmen betraf, wird er immer an erster Stelle mit Volkswagen verbunden sein. Damit müssen wir leben.

Die Autobranche steht vor einer massiven Transformation. Volkswagen wird mehr als 30 Milliarden Euro in E-Mobilität investieren.

Michel: Das ist nötig, um den Konzern zukunftsfähig zu machen. Dieser enorme Invest ist erforderlich, weil es CO2-Ziele zu erfüllen gilt. VW geht jetzt mit Milliarden in Vorleistung und hofft, dass die Produkte, die entwickelt werden, dem Kunden gefallen und man am Ende auch etwas für den Klimaschutz macht. E-Mobilität ist da im Moment der einzige Weg, den wir kennen.

VW-Chef Herbert Diess sagt, dass der Wechsel auf E-Mobilität ein bedeutsamerer Meilenstein wird als damals der Wechsel von Käfer auf Golf.

Michel: Bestimmt. Der Wechsel von Käfer auf Golf war der Wechsel vom Hinterradantrieb auf Vorderrad-, ansonsten hat sich eine Karosse geändert. Und von luftgekühlt auf wassergekühlt. Das war’s. Die Veränderung von Verbrennung auf Elektromobilität ist grundlegender, es ist nicht nur die Antriebsart, nicht nur die Karosse, es ist das komplette Fahrzeugkonzept. Die Fahrzeuge werden "rollende Tablets" sein, fahrende Computer.

Können Sie über den VW-ID, der 2020 auf den Markt kommen soll, etwas sagen?

Michel: Ja, wir haben ihn schon gesehen. Ab Juni 2019 wird es erste Informationen für Kunden geben. Das Fahrzeug ist ganz anders aufgebaut, der Radstand verlängert sich, da die Batterie dazwischen eingebaut ist. Das macht ihn ein bisschen höher. Der Motorraum entfällt, damit bekommt man einen größeren Innenraum, obwohl das Auto nicht größer geworden ist. Die Reichweite beträgt 550 Kilometer, schnelles Laden, 80 Prozent in 30 Minuten, ist möglich. Volkswagen stellt das Fahrzeug CO2-neutral her. Wenn es mit Grünstrom betrieben wird, ist der Wagen komplett CO2-neutral. Der Slogan heißt: "E-Mobilität für Millionen, nicht für Millionäre, weil wir Volkswagen sind".

Was wird der VW-ID denn kosten?

Michel: Der Preis wird vom Vorstand festgelegt, das ist ein großes Prozedere. Er wird mit Sicherheit unter 40 000 Euro kosten. Im April 2020 soll er in den Handel kommen.

Was erwarten Sie von der Entwicklung?

Michel: Auf jeden Fall bringt sie uns spannende Zeiten. E-Mobilität wird alles verändern. Verkaufs- und Serviceabläufe. Beim Ölwechsel angefangen wird es weniger Kundenkontakte und damit auch weniger Ertragsquellen geben. Was das für die Zukunft bedeutet, kann ich noch nicht abschätzen.

Für VW bedeutet das, dass zunächst einmal 7000 Stellen eingespart werden.

Michel: Das ist richtig. Es betrifft 5000 bis 7000 Stellen im Volkswagenkonzern. Auch andere Hersteller streichen Stellen. Ein E-Auto kann man mit geringerem Aufwand schneller bauen, weil große Komponente fehlen. Man benötigt keinen Motor, kein Getriebe, keinen Abgasstrang mehr. Der Motor hat immer zur Kernkompetenz des Automobilherstellers gehört. Die Zeiten sind bald vorbei, dann reicht ein kleiner Elektromotor. Es gilt, die Kompetenz in anderen Geschäftsfeldern zu zeigen.

April 2020 ist nicht mehr so weit entfernt. Selbst wenn VW den ID bis dahin auf den Markt bringt, ist die Infrastruktur für E-Mobilität denn schon so weit, dass Sie Ihren Kunden den Wechsel empfehlen würden?

Michel: Wir führen gerade den Etron in den Markt ein. Der erste vollelektrische Audi. So wie ich das erfahren durfte, ein gelungener Wurf. Wenngleich man selbstkritisch sagen muss, er ist bei einem Grundpreis von 80 000 Euro nichts für die Allgemeinheit. Aber: Kunden, die den Wagen seit acht Wochen mit entsprechender Kilometerleistung im Alltag fahren, haben mir bestätigt, dass es funktioniert. Man müsse seine Reise aber vorplanen. Im Moment würde ich jedem, der ein E-Fahrzeug fahren möchte, empfehlen, dass er sicherstellen kann, dass er das Fahrzeug mindestens zu Hause sicher laden kann. VW hat mit den großen Automobilherstellern gemeinsam die Gesellschaft Ionity gegründet. Die ist schon dabei, ein überregionales Lade-Netz aufzubauen mit europaweit 300 Ladestationen an Autobahnnetzen. Von Hammerfest bis Sizilien wird man da auch ein Bezahlsystem installieren.

Auch in Gießen wird immer wieder über Stickstoffoxide diskutiert. Verfolgen Sie diese Diskussion?

Michel: Selbstverständlich. Ich finde es kritisch, Stickoxide an einer Stelle zu messen, wo seit eineinhalb Jahren eine Baustelle ist und man ständig im Stau steht. Ich glaube, das ist nicht in Ordnung.

Die Verkehrswende ist in Gießen angekommen. Zuletzt hat eine Gruppe die autofreie Innenstadt befürwortet. Was sagen Sie als Autohändlerin über solche Pläne?

Michel: Wir benötigen ein Verkehrskonzept, mit dem die Menschen dort hinkommen, wo sie hinkommen müssen. Das muss auch das Thema Parken berücksichtigen. Wenn meine Reinigung in der Innenstadt liegt, mag ich nicht mit meinen Blusen in den Stadtbus steigen müssen, dann möchte ich bis vor die Tür fahren, damit die Blusen auch sauber zu Hause ankommen. Wir dürfen auch die älteren Menschen nicht vergessen. Wir müssen ihnen doch gestatten, mit dem Auto in die Innenstadt zum Arzt zu fahren. Das Auto ist für diese Gruppe nicht nur ein Vehikel zur Steigerung ihrer Mobilität, oft ist es die letzte Möglichkeit. Wir dürfen bei diesem Thema keinen bevormunden. Weder der Staat noch wir als Autohändler. Es geht auch nicht um entweder oder, also Auto oder Rad. Es geht um sowohl als auch. Dazu muss das Angebot passen. Natürlich verstehe ich, dass man dem Auto nicht noch mehr Raum geben und es hier und da etwas zurückdrängen will. Aber dass man ständig alle in den Stau stellt, ist auch nicht zielführend.

Stichwort Angebot. Sie arbeiten an einem neuen Konzept mit dem Namen Michel-Mobility?

Michel: Wir kümmern uns im Moment um das Thema Mobilität aller Art. Dazu gehört die neue Marke Michel-Mobility. Wir werden Fahrzeugvermietungen anbieten – von einer Stunde bis zu sechs Monaten, unabhängig von Öffnungszeiten und Kundenstatus. Ich glaube, dass wir immer mehr Autos verkaufen als vermieten werden, aber für Leute, die das Auto nicht 365 Tage im Jahr benötigen, sondern nur situativ, und dabei Wert darauf legen, dass Luftdruck geprüft, Wischwasser aufgefüllt und die Fast-Food-Tüte vom vorherigen Nutzer weggeräumt ist, ist das ein gutes Angebot. Wir werden das Angebot staffeln, auch mit einer Preisklasse, die zu einer Studentenstadt wie Gießen passt. Im Moment hängen wir am Öffnungsmodul per App, aber nach den Sommerferien ist es so weit.

In Hannover hat VW unter der Marke Moia ein spannendes Pilotprojekt gestartet.

Michel: Moia ist die sogenannte 13. Marke im Konzern. Das Pilotprojekt mit etwas größeren VW-Bussen ist angesiedelt zwischen ÖPNV und Taxi, auch kostenmäßig. Es handelt sich um ein Fahrzeug mit sechs etwas separierten Sitzplätzen. Sie können Fahrten buchen. Etwa von der Allgemeinen zum Autohaus Michel. Das Fahrzeug holt Sie in der Nähe ab und bringt Sie zu uns. Es kann sein, dass Sie einen Schlenker über die Ostschule machen, weil ein Mitfahrer drin sitzt, der zum Basketball will. Man ist nicht mehr an Haltestellen, Streckennetz und Uhrzeiten gebunden. Die Rechtslage lässt das im Moment noch nicht zu, aber ich bin sicher, dass Sie und ich noch mit so etwas wie dem Moia-Bus durch Gießen fahren. (Foto: Schepp)

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