Durch Fenster eingestiegen

  • Harold Sekatsch
    vonHarold Sekatsch
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Gießen (se). Wieder ein Prozess am Landgericht Gießen, der Fragen aufwirft. Die 2. Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Jost Holtzmann befasst sich mit einem Vorgang, der sich am 29. Juli letzten Jahres in der Gießener Bahnhofstraße abgespielt hat. Oberstaatsanwältin Yvonne Vockert stufte die Tat in ihrer Anklageschrift schlicht und einfach als "besonders schweren räuberischen Diebstahl" ein. Demnach soll der Täter, ein junger Mann, der in Oran (Algerien) geboren wurde und im marokkanischen Tanger aufgewachsen ist, am frühen Morgen des genannten Tages durch ein offen stehendes Fenster in eine Wohnung eingedrungen sein, sich ein Tablet und einen Laptop geschnappt, dazu ein Armband und eine Halskette eingesteckt haben. Darüber hinaus hat er die damals 17-jährige Tochter der Wohnungsinhaberin an den Haaren durch die Wohnung gezerrt haben, um auf diese Weise für seine Suche nach Bargeld Unterstützung zu erhalten. 2,50 Euro sind dabei zusammengekommen. In der Küche schnappte er sich ein Messer und fügte der Geschädigten damit Verletzungen im Rücken, Nacken und am Unterarm zu. Als er die Wohnung wieder durch ein Fenster verlassen hatte, wurde er von der Wohnungsinhaberin verfolgt. Diese zog sich beim Sprung aus dem Fenster allerdings einen Bruch des Fersenbeins zu.

Der Angeklagte selbst wollte, wie er durch seinen Verteidiger Thorsten Marowsky wissen ließ, keine Angaben zur Sache machen. Die Informationen zu seiner Person variierten. Zunächst nannte der Mann den 7. März 1990 als den Tag seiner Geburt. Es gab aber auch weitere Angaben, zum Beispiel den 1. Januar 1999, den 20. August 2001 oder den 7. April 1995. Dies ging aus einem Schreiben spanischer Behörden hervor. In Spanien hatte der Angeklagte etwa zehn Jahre (von 2008 bis 2018) lang gelebt; ihm war das Aufenthaltsrecht für das Land auf der iberischen Halbinsel aber entzogen worden. Um dennoch bleiben zu können, hatte er sich Alias-Namen zugelegt, doch Fingerabdrücke bzw. ein DNA-Abgleich hatten ihn immer wieder überführt. In der sogenannten Duldung des Regierungspräsidiums Gießen wird sein Geburtsdatum mit 22. Dezember 1999 angegeben. Das berechtigte Anliegen der Kammer, das tatsächliche Geburtsdatum zu erfahren, wurde vom Angeklagten nicht unterstützt. Er wolle nicht mehr darüber reden, teilte er über seinen Dolmetscher mit.

Angeklagter verschweigt sein Alter

Der Angeklagte befand sich vom 1. Februar bis zum 16. Juli 2019 in Untersuchungshaft, wohnt jetzt wieder in der Erstaufnahmeeinrichtung an der Rödgener Straße. Bis zum Haftantritt hatte er eigenen Angaben zufolge Alkoholprobleme. Auch aus diesem Grund wurde ein psychiatrischer Gutachter bestellt, der das Verfahren begleiten wird und klären soll, ob er die rechtswidrige Tat möglicherweise in einem Zustand der Schuldunfähigkeit oder im Rausch begangen hat. Dann könnte auch eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder in einer Entziehungsanstalt infrage kommen.

Am nächsten Verhandlungstag, dem 19. August, geht es in die Beweisaufnahme.

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